18.04.2017 Den Webshop an ein Marktplatzsystem anbinden

Software für Webshop: mieten oder kaufen?

Von: Kathrin Zieblo

Für wen ist es lohnenswert die Software für einen Webshop zu kaufen und wann ist Software zur Miete empfehlenswert? Antworten liefert Robert Queck, Leiter Competence Center E-Commerce bei Arithnea.

Robert Queck, Arithnea

„Besonders geeignet sind Miet-Shops im Bereich Emerging Business mit internationalem Potential. Sie bieten die Möglichkeit einen Shop zu kalkulierbaren laufenden Kosten vom Versuchsstadium bis zu einem internationalen Rollout auszubauen", erläutert Robert Queck von Arithnea.

ITM: Herr Queck, wollen kleine und mittelständische Unternehmen einen Online-Shop eröffnen, stehen sie zunächst vor der Wahl der richtigen Software und der Frage „Mieten, kaufen oder auf Open-Source setzen“? Anhand welcher Kriterien ist es ratsam diese Entscheidung zu treffen?

Robert Queck:
Aus technischer Sicht gibt es hier inzwischen kaum Sackgassen. Unterschiede ergeben sich in den initialen, den laufenden und den Erweiterungskosten. Entsprechend der eigenen Konzepte, sollte jedoch der Grad der Individualisierungsmöglichkeiten im Front-End und die damit verbunden Kosten berücksichtigt werden.

Für einen Online-Shop nah am Standard, empfehlen sich Out-of-the-box Systeme. Je höher der Grad der Individualisierung ist oder der Wunsch nach zukünftiger Flexibilität, empfehlen sich Framework-basierte-, beziehungsweise Best-of-Bread-Konzepte.


ITM: Welche Funktionen sind in einem modernen Shop-System heute unerlässlich?
Queck:
Klassische Abverkaufsfunktionen müssen inzwischen als Standard angesehen werden, genauso wie die Integration eines mobilen Front-Ends. Ein modernes Shop-System sollte die Möglichkeit bieten über unterschiedliche Kanäle wie Web, Mobile, In-Store, In-App oder Social Channels zu verkaufen und diese Kanäle nahtlos zu integrieren.

Spannend sind die Funktionen zur Front-End-Integration. Hier gibt es klassischerweise technologisch einschränkende Out-of-the-box-Ansätze, die allerdings in der Integration mit bereits existierenden Auftritten oder mit Marktplätzen schwierig sind. Flexibler ist hier beispielsweise der Ansatz des Mietsoftware-Anbieters Commercetools. Er setzt auf klare Schichtentrennung, sodass sein System sehr leicht in bestehende Produkt-Präsentations-Systeme unterschiedlichster Kanäle integriert werden kann.

ITM: Welche Vor- und Nachteile bieten Webshops zur Miete?
Queck:
Die Vorteile liegen insbesondere im Bereich der Business-Agilität. Laufende Kosten für Miete oder Betrieb passen sich dem Erfolg, respektive dem Umsatz an. Im Falle notwendiger Veränderung entstehen geringere Sunk Costs. Dazu werden Querschnittsaufgaben für Betrieb, Security oder das Testen neuer Funktionen zwischen Kunden geteilt. Das führt im Allgemeinen zu höherer Qualität, erhöhter Sicherheit und Robustheit des Shops – und das bei geringeren Kosten, da sich nicht jeder Kunde selbst darum kümmern muss.

Nicht zu vernachlässigen ist die Aktualität der Shop-Software. Bei Miet-Software werden Standards, Integrationsfähigkeit und State-of-the-art-Funktionen durch Neukunden ständig erzwungen. Bei Kauf-Software besteht die Gefahr, dass die eigene Installation veraltet.

Mögliche Nachteile von Mietsoftware sind eher individuell zu bewerten.
Mit Miet-Software begibt man sich in einem gewissen Maß in Abhängigkeit vom jeweiligen Anbieter. 
Dass Kauf-Software auf lange Sicht günstiger ist, lässt sich pauschal nicht bestätigen. Hohe Kosten im Eigenbetrieb, Wartungskosten und komplexe Relaunch-Projekte gealterter Systeme nach drei bis sechs Jahren bewirken eher das Gegenteil.

ITM: Für wenn kommt ein Miet-Shop infrage? Und wann ist es hingegen ratsam auf einen Kauf-Shop zurückzugreifen?

Queck:
Besonders geeignet sind Miet-Shops im Bereich Emerging Business mit internationalem Potential. Miet-Shops bieten die Möglichkeit einen Shop zu kalkulierbaren laufenden Kosten vom Versuchsstadium bis zu einem internationalen Rollout auszubauen. Weiterhin eignen sie sich, ähnlich wie Open-Source-Shops, für Prototypen und sogenannte Minimum-Viable-Product-, kurz MVP-Ansätze. Dabei werden zunächst so schnell wie möglich Shops mit minimalen funktionalen Eigenschaften aufgebaut.

Kaufsysteme empfehlen sich aufgrund ihres derzeit noch größeren Funktionsumfangs – bei entsprechender Präferenz – für integrierte One-Fits-All-Lösungen. Insbesondere wenn große Teile des vorhandenen Funktionsumfangs tatsächlich benutzt werden sollen. Teilweise werden auch Front-Up-Investitionen für Lizenz und Hardware bevorzugt.

ITM: Häufig werden die Begriffe „Open-Source-Software“ und „kostenfrei“ miteinander verbunden, dies ist oft ein Trugschluss. An welcher Stelle entstehen Kosten?
Queck:
Hier muss man tatsächlich genau auf die Lizenzen schauen, da eine Open-Source-Lizenz an sich nicht immer auch zum gewerbsmäßigen Einsatz berechtigt. Klar ist auch, dass die Hersteller in irgendeiner Form gegenfinanzieren müssen. Die Geschäftsmodelle reichen beispielsweise über den Abschluss von Enterprise-Supportverträgen – dann auch mit Hersteller-Garantie –, bis hin zu Dokumentations- und Consulting-Leistungen.

Nicht zu unterschätzen ist auch, dass kostenfreie Versionen häufig nur eingangs angeboten werden, spätere Versionen dann aber kostenpflichtig sind, womit man von der Weiterentwicklung abgekoppelt ist.

ITM: Mit welcher Software-Variante gelingt die Anbindung an ein Marktplatzsystem?
Queck:
Hier gibt es kaum noch Einschränkungen, da eine Anbindung in allen Produktklassen breit unterstützt wird. Es kommt vielmehr darauf an, welche Standard-Integrationen bereits vorhanden sind und wie flexibel diese auf eigene Produkte und Kategorien angepasst werden können.

Tatsächlich sind Integrationen in die großen Marktplatzsysteme inzwischen nicht mehr auf Enterprise-Shop-Systeme beschränkt. Selbst für Low-Cost-Systeme wie e-Pages oder dem Klassiker Magento, gibt es Out-of-the-box Plug-Ins. 
Hier empfiehlt es sich allerdings, diese im Vorfeld sehr gut zu verifizieren, da individuelle Anforderung häufig dazu führen, dass eine andere Lösung gefunden werden muss.

ITM: Was spricht grundsätzlich für oder gegen eine solche Anbindung?
Queck:
Das ist letztlich eine Business-Entscheidung, vergleichbar mit der im Offline-Handel. Marktplätze bieten die Vorteile von mehr Kundenpotential und standardisierter Kaufabwicklung. Nachteile sind die schlechtere Sichtbarkeit, Konkurrenz im Markt und eingeschränkte Möglichkeiten zur Produktpräsentation sowie bei Beratung und Individualisierung. Dazu kommen eine schlechtere Kundenbindung und ein schlechteres Verständnis der Kunden.

Emotionale und erklärungsbedürftige Produkte lassen sich besser im eigenen Shop bewerben. Auch eine Markenkommunikation lässt sich hier viel stärker aufbauen.

Ein Vertrieb im Marketplace lohnt sich für Produkte, die ein hohes Alleinstellungsmerkmal aufweisen, um aus der vergleichbaren Konkurrenz herauszustechen. Durch die eingeschränkten Präsentationsmöglichkeiten in Marktplätzen ist dies dann häufig nur über den Preis oder mit erhöhten Promotionskosten im Marktplatz zu kommunizieren. 


Für die meisten Unternehmen lohnt sich daher eine Doppelstrategie, mit flexibler Gewichtung entsprechend aktuellem Produktportfolio und Marktlage.

ITM: Geben Sie drei Tipps, wie Mittelständlern der Einstieg in das Online-Shop-Geschäft gelingt.
Queck:
Erstens sollten Unternehmen Business-agil vorgehen. Das heißt, sie starten am besten mit einem Prototypen und erstellen einen Shop nach dem MVP-Prinzip. Darauf aufsetzend können dann neue Konzepte ausprobiert und bei Erfolg ausgebaut werden. Wichtig ist zudem sich die Flexibilität für Veränderungen in konzeptioneller, technischer und finanzieller Hinsicht zu bewahren.

Zweitens sollten Unternehmen nicht beim Marketing sparen, denn ein Shop, den keiner findet, verursacht nur Kosten.

Und drittens darf die Analyse nicht vergessen werden. Es ist essenziell laufend zu analysieren – und zwar nicht nur den Gesamterfolg, sondern auch den Erfolg einzelner Änderungen und Maßnahmen. Dafür sollten effektive Analysemöglichkeiten geschaffen werden.

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