06.04.2017 Erste Schritte in Richtung Industrie 4.0

Start in die ERP Business Cloud

Von: Matthias Thews

Die mittelständische Artec Advanced Reman Technology GmbH aus dem Saarland implementierte in gerade einmal zwei Wochen ein vollständiges ERP-System in der Cloud für seinen Standort in Ungarn.

Als ERP-Lösung kommt in Ungarn Proalpha zum Einsatz, mit dem das Zentralwerk in Illingen bereits seit Jahren produktiv arbeitet.

Als ERP-Lösung kommt in Ungarn Proalpha zum Einsatz, mit dem das Zentralwerk in Illingen bereits seit Jahren produktiv arbeitet.

Artec ist Spezialist für die Instandsetzung von Startern und Lichtmaschinen für die Automobilwirtschaft. Seit 25 Jahren werden am Firmensitz in Illingen gebrauchte oder defekte Generatoren und Anlasser bis auf die letzte Schraube zerlegt, gereinigt, mit neuen Teilen versehen, lackiert, wieder zusammengesetzt und auf Herz, Nieren und OE-Vorgaben geprüft. Die Instandsetzung spart der Industrie vor allem Ressourcen – bis zu sieben Mal können beispielsweise Lichtmaschinen aufbereitet werden. Die Produkte, die dann das Werk verlassen, sind zudem häufig qualitativ besser als in ihrem Neuzustand.

Und das Geschäft mit instandgesetzten Ersatzteilen boomt. Bereits in den 1990er Jahren eröffnete Artec damals noch unter dem Namen MD Rebuilt einen Fertigungsstandort für Starter in kleinen Stückzahlen in der Nähe von Budapest. Anfang 2016 erfolgte dann eine Entscheidung mit Tragweite: Das Werk in Ungarn sollte binnen weniger Monate zu einem vollständigen Standort im Zweischichtbetrieb aufgerüstet werden.

Eine Entscheidung, die nicht zuletzt in der IT Fragen hinterließ:

  • Wie lässt sich ein internationaler Produktionsstandort anbinden?
  • Welche IT-Ausstattung wird benötigt?
  • Und vor allem: Wie gelingt es, ein ERP-System in wenigen Wochen startklar zu machen, sodass es den Produktivbetrieb ausfallfrei unterstützt?

Als ERP-Lösung kommt in Ungarn Proalpha zum Einsatz, mit dem das Zentralwerk in Illingen bereits seit Jahren produktiv arbeitet. Die Kommunikation zwischen dem künftigen System und dem zentralen ERP soll das Intercompany-Modul des ERP-Anbieters übernehmen, um Mitarbeiter von Tätigkeiten wie einem manuellen Bestell- und Auftragswesen zwischen den Standorten zu entlasten.

Neuaufbau oder Cloud?

Alle weiteren Überlegungen bereiteten deutlich mehr Kopfzerbrechen. Artec unterhält ein zentrales Rechenzentrum (RZ) am Firmensitz, über das alle Produktiv- und Back-Office-Systeme angebunden sind. Das ungarische Zweitwerk verfügte bis dahin nur über eine IT-Minimalausstattung. Die erste Idee war, die zentralen RZ-Ressourcen aufzustocken und den zweiten Standort als Mandant im ERP-System direkt anzubinden. Zwei Gründe sprachen jedoch dagegen: Aus betrieblicher Sicht hätte diese Variante zusätzliches IT-Personal erfordert, denn ein Mehrschichtbetrieb benötigt auch einen IT-Support rund um die Uhr. Die Finanzbuchhaltung und Bilanzierung in Ungarn unterscheiden sich deutlich von denen in Deutschland. Daher ist der Einsatz einer spezifischen Landesversion mit einem auf die ungarischen Vorgaben zugeschnittenen Finanzmodul unumgänglich.

Deshalb entschied sich das Unternehmen  für eine Verlagerung der Business-Software in die Cloud. Jedoch galt es zuerst, Aufklärungsarbeit im Unternehmen zu leisten. „Unsere Geschäftsführung und die Gesellschafter wussten nur wenig über das Thema einer Business-Anwendung in der Cloud“, sagt Ralf Schlemmer, Geschäftsleiter Betrieb und Logistik. „Die Fragen, die auftauchten, drehten sich daher um Datensicherheit und um mögliche Szenarien für den Fall, dass das Rechenzentrum des Cloud-Anbieters ausfiele.“ Aus den Diskussionen wurde deutlich, dass Datenschutz eine der zentralen Vorgaben an einen Hosting-Anbieter war. Es sollte ein deutsches Unternehmen sein und deutsches Recht gelten. Aspekte wie hohe Verfügbarkeit und Ausfallsicherheit standen ebenfalls im Lastenheft. Es wurde zudem ein Full-Service-Anbieter gesucht, der sich um alle technischen Fragen wie Trouble-Shooting oder Backup kümmern muss.

Ansprechpartner für alle Fragen

Im Folgenden nahm das Unternehmen Kontakt zu diversen Cloud-Providern auf, allerdings erwiesen sich die Gespräche als wenig ertragreich. Ein immer wieder auftauchendes Problem stellte die Frage der Verantwortlichkeit dar. Wer kümmert sich, sollte die Cloud-Lösung einmal nicht funktionieren? Ping-Pong-Spiele zwischen dem Hosting- und Software-Anbieter kamen nicht in Frage. „Eigentlich wurde uns erst in diesem Moment klar, dass wir direkt bei unserem ERP-Lieferanten hätten anfragen sollen.“ Denn: Nutzt ein Kunde Proalpha aus der Business Cloud über den Hosting-Anbieter Pironet, fungiert der ERP-Anbieter als alleiniger Ansprechpartner.

Artec Advanced Reman Technology GmbH
Standorte: Illingen/Deutschland, Hernad/Ungarn
Branche: Instandsetzung von Anlassern und Lichtmaschinen für die Automobilindustrie
Mitarbeiter: 88 (2016) in Deutschland und 32 in Ungarn
Umsatz: ca. 10 Mio. Euro
www.artec.net

Aus dem Pflichtenheft entwickelte der Anbieter ein Cloud-Konzept, in dem ein individuell zugeschnittenes ERP in der ungarischen Landesversion im Hosting-Betrieb genutzt werden kann. In diesem Konzept wurde neben dem spezifischen Finanzmodul z.B. auch berücksichtigt, dass Stammdaten ausschließlich im zentralen ERP in Illingen gepflegt werden sollen. Die eigentliche Umsetzung war letztlich eine Frage von Tagen: „In nicht einmal zwei Wochen stand unser Cloud-ERP und funktionierte reibungslos“, betont Schlemmer.

Die Effekte aus der Nutzung der Cloud fasst Schlemmer in fünf Punkten zusammen: „Unsere IT-Mitarbeiter gewinnen Freiräume, die sie für die zukünftige technologische Gestaltung unseres Unternehmens nutzen. Updates sind kein Thema mehr – die übernimmt der ERP-Anbieter. Die IT ist so immer auf dem Stand der Technik. Eine Kapitalbindung in IT-Systemen entfällt und unser Management kann jederzeit und von überall auf die ERP-Daten zugreifen.“

Doch die Gedankenspiele gehen weiter: „Wir sind der Überzeugung, dass ERP aus der Cloud unser erster Schritt in Richtung Industrie 4.0 ist. Es reicht allerdings nicht aus, nur in der Cloud zu sein, sie muss auch produktiv zum Einsatz kommen“, sagt Schlemmer. Bis Ende 2017 soll das ERP-System auch in Illingen über die Cloud bezogen werden.

Bildquelle: Artec

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