07.09.2017 „Marathon anstatt Sprint“

Tipps für den Mittelstand zur Niederlassung in China

Von: Lea Sommerhäuser

Im Interview erklärt Wolfram Menser, General Manager bei Proalpha IT Consulting, worauf Mittelständler achten müssen, wenn sie sich in China ansiedeln wollen, und warum man selbst nun eine Niederlassung in Taicang eröffnet hat.

  • „Ziel ist es, eine chinesische Firma zu werden, die einen deutschen Eigner hat.“ Wolfram Menser, Proalpha

    „Ziel ist es, eine chinesische Firma zu werden, die einen deutschen Eigner hat.“ Wolfram Menser, Proalpha

  • Das German Centre gehört der BayernLB und versteht sich als eine Art Start-up-Zentrum für deutsche Unternehmen.

    Das German Centre gehört der BayernLB und versteht sich als eine Art Start-up-Zentrum für deutsche Unternehmen.

ITM: Herr Menser, warum ist China dieser Tage so attraktiv für den deutschen Mittelstand?
Wolfram Menser:
Das hat sicherlich mehrere Gründe: Früher war China primär die Fabrik der Welt, und der Motor der chinesischen Wirtschaft war über viele Jahre der Export. China befindet sich jedoch in einer Phase der strukturellen Anpassung und vollzieht einen Wandel hin zu einem mehr konsum- und investitionsorientierten Wachstum. Das Land ist heute nicht mehr nur als Fertigungsstandort von Interesse, sondern vor allem als riesiger Absatzmarkt.

Hinzu kommt die Tatsache, dass sich China in den letzten Jahren sichtbar geöffnet hat. Viele Prozesse unterliegen zwar nach wie vor staatlicher Kontrolle und Einflussnahme, aber nicht zuletzt durch die fortschreitende Globalisierung ist der Markteintritt in China heutzutage deutlich einfacher, als das noch vor ein oder zwei Jahrzenten der Fall war. So führte bis 2001 der Weg ins Reich der Mitte fast zwangsläufig in ein Joint Venture, also einen Zusammenschluss mit einem chinesischen Unternehmen, während sich heute Unternehmen in den meisten Fällen für eine hundertprozentige Tochter entscheiden, eine sogenannte  „Wholly Foreign-Owned Enterprise (WFOE)“, die mit einer deutschen GmbH vergleichbar ist. In Summe konnten sich also früher nur die wirklich großen Unternehmen den Gang nach China „leisten“. Inzwischen folgen immer mehr Zulieferer ihren Kunden und so ist das Land gerade auch für den Mittelstand heute sehr attraktiv.

ITM: Worauf müssen Unternehmen auf jeden Fall achten, wenn sie sich in China ansiedeln wollen? Welche Anforderungen müssen sie erfüllen?
Menser:
Eine Ansiedlung dort ist eher mit einem Marathon als mit einem Sprint vergleichbar. Eine Firmengründung und viele andere Dinge dauern hier einfach länger und sind aufwändiger. Zudem gibt es immer noch mehr Reglementierungen, als wir das aus Deutschland kennen. So gibt es beispielsweise Beschränkungen bei der Höhe des Darlehens, das ein Unternehmen bezogen auf das Stammkapital maximal aufnehmen darf. Das gilt auch für Firmendarlehen von der Mutterfirma, was gerade eine Startfinanzierung erschweren kann.

Aber auch im Bankwesen und beim Zahlungsverkehr gibt es Fallstricke. So haben zwar heute alle großen deutschen und internationalen Banken Niederlassungen in China, allerdings sind diese den chinesischen Banken nicht gleichgestellt. Man muss zwingend ein Konto bei einer chinesischen Bank einrichten und kann bestimmte Sozialabgaben und Steuern nicht über eine ausländische Bank begleichen. Da es eine Vielzahl von solchen Besonderheiten gibt, ist es auf jeden Fall zwingend erforderlich, sich im Vorfeld einen kompetenten Berater zu suchen, der einen durch den Prozess der Firmengründung und die ersten Monate führt.

ITM: Vor welchem Hintergrund hat Proalpha selbst im Oktober 2016 eine Niederlassung in China eröffnet?
Menser:
Auch wir haben immer mehr Kunden, die nach China gehen. Die ersten konnten wir noch aus der Ferne betreuen, aber im Laufe der Zeit wurde offensichtlich, dass auch wir unseren Kunden folgen müssen und einen eigenen Standort in China benötigen. Proalpha wird zunächst den Fokus auf bestehende Kunden mit Niederlassungen in China legen, eine klassische „Follow-the-customer“-Strategie.

ITM: Warum wurde Taicang als Standort gewählt? Was hat es mit „Little Baden-Württemberg“ auf sich?
Menser:
Little Baden-Württemberg befindet sich rund um Taicang, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Shanghai. Die Stadt gehört zur Greater Shanghai Metropolitan Area und hat rund 700.000 Einwohner, für chinesische Verhältnisse also eine Kleinstadt. Hier haben sich schon in den frühen 90er-Jahren die ersten deutschen Firmen niedergelassen. Die Region hat sich früh für Ansiedlungen aus Deutschland interessant gemacht und ein investitionsfreundliches Klima geschaffen. Daraus wurde im Lauf der Zeit ein sich selbst verstärkender Effekt. Vor allem Unternehmen aus den Bereichen Automotive und Maschinenbau sind hier stark vertreten, aber auch Unternehmen aus der Umwelttechnikbranche haben sich hier angesiedelt. Die Bezeichnung der Region resultiert daraus, dass einige der dort schon lange ansässigen Unternehmen ihre Wurzeln in Baden-Württemberg haben. Insgesamt hat Taicang die größte Dichte an mittelständischen, deutschen Industriebetrieben in ganz China.

ITM: Mit welchem Aufwand und welchen Stolpersteinen war die Eröffnung Ihres neuen Standortes verbunden?
Menser:
Unser Markteinstieg war eher ein „China light“. Denn zum einen sind wir mit Taicang in einer Region mit vielen deutschen Unternehmen. Dadurch sind die Behörden an solche Firmengründungen gewöhnt und manche Dinge funktionieren besser als in anderen Regionen. Zum anderen sind wir in das neu gegründete German Centre gezogen. Dieses gehört der BayernLB und versteht sich als eine Art Start-up-Zentrum für deutsche Unternehmen. Es gibt mehrere solcher Zentren weltweit, hier findet man viel Unterstützung und es lassen sich gut Netzwerke aufbauen. So mussten wir nicht ganz bei null anfangen. Das German Centre hat uns als Dienstleister den Markteinstieg erleichtert. Ähnliche Konzepte gibt es aber auch für Fertigungsunternehmen, wie beispielsweise die sogenannte „Start-up-Factory“ in Kunshan, unweit von Taicang und ebenfalls in der Region „Little Baden-Württemberg“.

ITM: Ist im Zuge der Standorteröffnung auch ein Teil Ihrer Mitarbeiter aus Deutschland nach China gezogen oder greifen Sie ausschließlich auf lokale Experten zurück? Wie gestalteten sich die Reaktionen der Mitarbeiter?
Menser:
Wir haben zunächst drei Mitarbeiter aus Deutschland entsendet. Interessiert an einer Entsendung waren aber deutlich mehr. Bisher ergänzen zwei Chinesen das Team. Wir wollen in China aber künftig vermehrt Chinesen einstellen. Ziel ist es, eine chinesische Firma zu werden, die einen deutschen Eigner hat.

ITM: Mit welchen Herausforderungen haben Ihre Mitarbeiter aktuell vor Ort zu kämpfen?
Menser:
Eine große Herausforderung in China ist es allgemein, neue Mitarbeiter zu halten. In der Region gibt es viele gut ausgebildete Chinesen – und deutsche Unternehmen sind beliebt als Arbeitgeber. Unter den deutschen Unternehmen vor Ort gibt es zwar ein Gentleman’s Agreement, sich gegenseitig keine Mitarbeiter abzuwerben. Allerdings neigen Chinesen dazu, den Arbeitgeber schneller zu wechseln, als deutsche Mitarbeiter dies tun.

ITM: Welchen Standort haben Sie als Nächstes
ins Auge gefasst?
Menser:
Es gibt verschiedene Märkte, die grundsätzlich für uns interessant sind. Konkrete Pläne, uns in einem dieser Märkte in nächster Zeit anzusiedeln, gibt es im Moment aber noch nicht.

Bildquelle: Proalpha

 

 

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