Welche Themen werden die ERP-Welt 2013 beschäftigen?

Viel Raum für Visionen

Die Cloud vegetiert vor sich hin, mobile Anwendungen setzen sich in einzelnen Bereichen durch und auch im Bereich Geschäftsanalytik tut sich etwas. Doch ein Quantensprung – zum Beispiel in Richtung Benutzerfreundlichkeit – steht noch aus. Für ERP-Experten sind noch einige Wünsche offen.

In der Industrie klopft ein neuer Trend an die Tür: Das Internet der Dinge soll mit Machine-to-Machine-Kommunikation und intelligenten Bauteilen schließlich zur vierten industriellen Revolution führen und Produktionsprozesse verändern. Das wird zumindest im produzierenden Gewerbe langfristig auch auf die ERP-Lösungen abfärben. „ERP-Systeme sind zurzeit monolithisch und hochintegriert. Solche Systeme werden wir in dieser Form nicht mehr haben, sondern eher dezentrale Systeme, die ihre Funktionalität am Ort des Geschehens entfalten“, meint beispielsweise Prof. Thomas Bauernhansl, Institutsleiter des Fraunhofer IPA. Zukunftsmusik, gewiss. Für den Augenblick gilt: „Bei ERP-Systemen ist es wie mit der Modellpflege beim Golf, es gibt derzeit keine großen Revolutionen, aber positive Verbesserungen im Detail“, sagt Prof. Andreas Gadatsch von der Hochschule Bonn-Rhein/Sieg. Doch wenn ERP-Profis einmal nach ihren Wünschen und Visionen – nicht nur nach dem Status quo – befragt werden, gibt es überraschend viele Ideen.

Die Zukunft: benutzerfreundlicher

„Die Anwender werden künftig erwarten, dass ihre Arbeitsumgebung genauso flexibel und einfach zu bedienen ist wie Web-Apps, ohne Schulung und permanente Suche. ERP-Anbieter können sich hier vieles abgucken“, meint Prof. Gadatsch, der mit einem regelmäßigen IT-Radar zum Thema ERP die wichtigsten Themen der Unternehmen abfragt. „ERP-Systeme der Zukunft sollten die ‚Quadratur des Kreises‘ schaffen zwischen der Abbildung individueller Unternehmensprozesse einerseits und einer schlanken und einfachen Benutzerführung andererseits“, wünscht sich auch Karsten Sontow, Vorstand der Trovarit AG, die erst kürzlich wieder eine ERP-Zufriedenheitsstudie veröffentlichte: „Die Praxis zeigt, dass sehr spezifisch abgebildete ERP-Prozesse fast unweigerlich dazu führen, dass es für den Anwender komplex und schwierig wird.“ Die bisher eher entwicklergetriebenen Bedien-Interfaces sollten tatsächlich zu benutzerorientierten Oberflächen werden. Da könnten ERP-Hersteller eines Tages von der nachfolgenden Mitarbeitergeneration „getrieben“ werden, wenn sie diesen Trend verschlafen, meint der ERP-Experte.

Michael Gottwald, Geschäftsführer des Beratungshauses Softselect GmbH, würde sich wünschen, dass die ERP-Hersteller ihren Kunden mit mehr partnerschaft­lichen Konzepten Zusatznutzen bieten und Schnitt­stellen – nicht zulasten des Kunden – überwinden würden. Softselect hat erst kürzlich in seiner ERP-Studie 2012 den Anwendern auf den Zahn gefühlt. „Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass viele Anbieter ‚in Kästchen denken‘ und sich auf das eigene Angebot konzentrieren. Sobald der eigene Tellerrand erreicht ist, werden die Kunden im Regen stehen gelassen“. Auch die Öffnung für Cloud-Lösungen und der Versuch, die unterschiedlichen Ansätze besser miteinander zu verknüpfen, sei wünschenswert, damit Mittelständler je nach Bedarf leichter Hybridmodelle nutzen könnten. „Noch immer kommt die Entscheidung für ein anderes Modell einer Neuinvestition gleich. Die Kunden sollten nicht in Schubladen gezwungen werden, sondern alle Möglichkeiten kombinieren können“, so Gottwald.

Traum vom ERP ohne Begrenzung

Eine weitere Zukunftsvision für ERP: „Ich würde mir ein ERP-System wünschen, bei dem nicht über das System an sich gesprochen wird, sondern nur darüber, wie neue Geschäftsanforderungen einfach umgesetzt werden können“, sagt Marco Lenck. Der frisch gebackene Vorstandsvorsitzende der DSAG (Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe) träumt dabei vom Abschied technischer Barrieren, die immer wieder die unmittelbare Anpassung an Veränderungen verzögern.
Und nun zurück in die Realität: Der aktuelle IT-Hype Nummer eins, Cloud Computing, wird in der ERP-Praxis immer noch verhalten aufgenommen. „Das Interesse an Cloud-Lösungen hält sich in Grenzen. Die Anbieter haben die Lösungen im Portfolio, doch die Kunden fehlen“, konstatiert Gadatsch. „Der typische Mittelstand setzt bei klassischem ERP auf vor Ort betriebene Installationen. Cloud kommt nur bei einzelnen Aufgaben zum Tragen, immer da, wo es um Randprozesse geht“, ist sich der DSAG-Vorsitzende Lenck sicher: „Integration ist wichtig, künstliche Heterogenität durch Cloud-Anwendungen zu schaffen, ergibt nicht unbedingt Sinn“. Auch Sontow meint: „Cloud ist nach wie vor kein ERP-Thema. Nur 1,6 Prozent der Anwender nutzen echte Cloud-Lösungen.“ Themen, die prinzipiell mit Cloud-Lösungen abgedeckt werden könnten, seien CRM, Finanzen und HR. „Sobald anspruchsvollere Logistikanforderungen ins Spiel kommen, stoßen viele Cloud-Lösungen an ihre Grenzen“, sagt Sontow. Für kleinere Unternehmen, die mit einer sehr schlanken Auftragsabwicklung durchaus klarkommen könnten, mache die Evaluierung von Cloud-Lösungen jedoch Sinn.

Cloud-Geschäftsmodelle bleiben unklar

Nur sechs Cloud-ERP-Anbieter führt das Marktforschungsinstitut Experton Group in seiner Studie „Cloud Vendor Benchmark 2012“ auf, darunter vor allem Lösungen für sehr kleine Unternehmen. Der Grund: Reine Cloud-ERP-Lösungen gibt es kaum, denn meist handele es sich um gehostete ERP-Lösungen, so Experton. Untersucht wurden weclapp, Lexware, Scopevisio, Netsuite, myfactory und SAP (Business byDesign).

 „Cloud-Lösungen sind für die Anwenderseite durchaus ein wichtiges Thema. Bei Evaluierungen ist es sinnvoll, entsprechende Angebote einzubeziehen“, meint jedoch Michael Gottwald. Doch auch Gottwald attestiert der neuen Technologie im ERP-Umfeld ­Probleme. „Im anbieterseitig durchaus mittelständisch geprägten ERP-Markt mangelt es oftmals an passenden Cloud-Angeboten. Für die Hersteller ist der ­Spagat zwischen Bestandskunden mit teurer Lösung und Neueinsteigern, die etwas zum Bruchteil des Preises bekommen, schwer zu machen“, nennt Gottwald einen Grund, warum die Cloud-Entwicklung insbesondere in Deutschland so schleppend verläuft. Auch die Vertriebsstrukturen seien auf Lizenzlösungen ausgerichtet. Es könne nicht so viel Zeit in den Akquisitionsprozess investiert werden, das laufe auf eine Kannibalisierung des eigenen Geschäftsmodells hinaus. Auch für die IT-Dienstleister dürfte sich noch nicht erschlossen haben, wie mit Cloud-ERP Geld verdient werden kann.

Social ERP ?

Für Gottwald wird es zunehmend eine Verquickung von ERP und Social Media geben. Beispielsweise im Talent-Management, wo Social-Media-Plattformen eingebunden werden und proaktiv nach geeigneten Bewerbern gesucht werden könne. Zudem gehe es darum, aus dem ERP-System heraus auf unterschiedlichen Wegen zu kommunizieren, ohne die Lösung verlassen zu müssen. Aus Sicht von Wissenschaftler Gadatsch spielt Social Media auch eine Rolle für ERP. Beispielsweise müssen die Analysen von Kundenmeinungen im Web in die Prozesse einfließen, auch im Human-Resources-Bereich bietet sich die Einbeziehung sozialer Medien an. Doch insbesondere färbt die Nutzung von Anwendungen im Social Web auf die Haltung der Anwender auch gegenüber Business-Applikationen ab. „Früher fanden die Studenten den SAP-Einführungskurs besonders interessant, heute ärgern sie sich, weil ERP-Systeme nicht intuitiv bedienbar sind“, berichtet Andreas Gadatsch.

Bei den Anwendern angekommen, wenn auch weiterhin Trend für die nächsten Jahre, ist die mobile Nutzung der ERP-Lösungen über Smartphones und Tablets. Das gilt zunächst aber weiter für abgezirkelte Bereiche wie Außendienst, Service und Wartung, Management-Infos und teilweise in der Lagerverwaltung.

2013: Sieg für Brot-und-Butterthemen

„Die Unternehmen beschäftigen sich weiter sehr stark mit dem klassischen Thema, wie sich Prozesse wirklich ohne Medienbrüche durchgängig abbilden lassen. Das ist und bleibt der rote Faden, der sich im Mittelstand durchzieht“, konstatiert Lenck. Auch aus Sicht von Gadatsch haben die Unternehmen 2013 noch überwiegend Brot-und-Butter-Themen auf dem Tisch: „Wie haben nach wie vor die Situation, dass die Unternehmen an ihre Daten herangehen müssen, Datenqualität ist nach wie vor ein Thema. Auch Compliance und Integration stehen weiter auf der Agenda. Selbst Mittelständler haben oft eine Vielzahl an Systemen, mehr als 100 Schnittstellen zwischen Anwendungen sind keine Seltenheit.“

Ein Thema, das die Anwender weiter beschäftigen könnte, sind aus Karsten Sontows Sicht stärker benutzerrollenzentrierte Zuschnitte der Lösungen. „Das erfordert teilweise mächtige Eingriffe in die ERP-Architekturen. Wenn bisher keine Rollen angelegt waren, kann ein erheblicher Aufwand entstehen, um die Software für die Anwender ‚verdaubarer‘ zu gestalten“, so Sontow. „Viele Unternehmen sind nach wie vor damit befasst, mehr aus ihren ERP-Systemen herauszuholen“, berichtet Sontow. Dabei gehe es darum, die klassische Achillesferse von ERP-Systemen zu beseitigen: „Viele Daten rein, wenige Informationen raus.“

Verbesserte Analysen? Ja. Big Data? Eher nicht.

„Die Anwender sehen, dass es Veränderungen vor allen in den Bereichen Mobile, Auswertung und Planung gibt und sie deshalb auch mit dem ERP-System agiler und mobiler werden müssen. Voraussetzung dafür sind viele durchgängige Prozesse im ERP, aber auch eine schlanke Einführung der neuen Lösungen“, so Lenck. Ein aktuelles Schlagwort, das sich (natürlich) auch schon einige Hersteller auf die Fahne geschrieben haben, lautet Big Data: das Speichern und Auswerten großer Datenmengen. „Big Data in der Form, dass eine Massenanalyse von Daten stattfindet, wird es im Mittelstand nur in Einzelfällen geben“, ist sich Lenck jedoch sicher. „In-Memory-Datenbanken sind gut für zeitkritische Prozesse mit großen Datenmengen wie im SCM oder der Produktionsplanung“, meint Gadatsch. Die Technologie sei jedoch noch so neu, dass sich entsprechende Anwendungsbereiche noch herauskristallisieren müssten.
Big Data könnte aber auch für einige Mittelständler interessant sein, denkt Gadatsch. „Klassische ERP-Anwendungen, die strukturierte Daten verarbeiten, werden bestehen bleiben. Daneben wird es jedoch Tools geben, die unstrukturierte Daten einbeziehen“, so der ERP-Experte. Beispiel: Eine Big-Data-App für Bäcker, die Wettervorhersagen auswertet, um Verkaufszahlen zu prognostizieren, denn bei schlechtem Wetter wird weniger verkauft. Die Wetterdaten in Verbindung mit den Produktionsdaten: Das hat Auswirkungen auf den Dispositionsprozess im ERP-System.

SAP-Innovation auch für Mittelstand?

Als wichtigen Trend sieht Marco Lenck auch die weitere Verfeinerung von Geschäftsanalysen. „Wenn über mehr analytische Möglichkeiten nachgedacht wird, kommt es plötzlich auf Geschwindigkeit, Aktualität und flexible Datenmodelle an. Eine In-Memory-Technologie wie Hana kann als Wegbereiter für neue Anforderungen nicht heute, sicherlich aber in den kommenden Jahren auch für mittelständische Unternehmen eine Rolle spielen“, so Lenck. SAP hat in den letzten zwei Jahren eine Vielzahl an Unternehmen hinzugekauft, vor allem in den Bereichen Cloud und Mobile. Darunter waren Success Factors, Sybase und kürzlich Syclo.
 
Aber sind die Anwendungen, die derzeit integriert werden, auch für den Mittelstand interessant? „Ein Mittelständler wird sich immer fragen, wie der technische Fußabdruck aussieht – und ob es nicht auch Anbieter mit einer schlankeren Lösung gibt. Wenn die SAP-Lösungen diesen Anforderungen mit einer einfach zu bedienenden Benutzeroberfläche und einem nutzengerechten Preismodell gerecht werden, kommen sie sicher auch für den Mittelstand in Betracht. Bis sie schlank implementiert werden können, wird es jedoch noch eine Weile dauern“, vermutet Marco Lenck. Für die DSAG stehe deshalb das Thema Preis-Nutzen-Verhältnis neuer Technologien für den Mittelstand ganz weit oben. Neue SAP-Lösungen, die keine passenden Einstiegspreise hätten, wären wenig hilfreich. Besser skalierbare Preismodelle zu erreichen, habe jedoch z. B. im Bereich Hana geklappt. 

Bildquelle: © iStockphoto.com/small_frog

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