Gott sei Dank wählen wir in Deutschland noch analog, mit Stift und Papier. Doch danach kommt Software zum Einsatz.
Gott sei Dank wählen wir in Deutschland noch analog, mit Stift und Papier. Das muss so bleiben! Denn so lassen sich wenigstens im Zweifelsfall Stimmzettel neu auszählen. Ob dies im Fall des Falles dann wirklich gemacht wird, hängt allerdings auch von den Mühlen der Demokratie ab.
Bei digitalen Wahlcomputern, die beispielsweise in den Niederlanden zum Einsatz kommen, ist laut Fachleuten hingegen die Gefahr einer echten Wahlmanipulation gegeben. In Deutschland kommt am Wahlabend Software erst nach dem papierbasierten Urnengang der Bürger zum Einsatz: Bei der Übermittlung des Wahlergebnisses an die Wahlleiter. Die Software kann bereits zur Erfassung der Auszählungsergebnisse in Wahllokalen und zu deren Übertragung an die jeweiligen Gemeinden verwendet werden. Auf Ebene der Kreiswahlleiter wird dieselbe Software verwendet, um die Ergebnisse zusammenzurechnen und dann wiederum an den Landeswahlleiter zu übermitteln. Auch dort kommt in einigen Bundesländern erneut „PC-Wahl“ zum Einsatz.
Der Chaos Computer Club (CCC) hat nun gravierende Mängel in einer Software mit einem mehr als zwanzig Seiten umfassenden Bericht offengelegt, mit der in vielen Kommunen die Wahlergebnisse der Bundestagswahl zusammengetragen und an den Landeswahlleiter übermittelt werden. Im Programm „PC Wahl“ des Anbieters Vote IT gibt es etliche Sicherheitslücken. So sei die Übertragung der korrekten Wahldaten aus den Gemeinden an den Wahlleiter weder durch eine Verschlüsselung noch durch eine wirksame Authentifizierung abgesichert gewesen.
Die Analyse ergab eine Vielzahl von Schwachstellen und mehrere praktikable Angriffsszenarien. Diese erlauben die Manipulation von Wahlergebnissen auch über die Grenzen von Wahlkreisen und Bundesländern hinweg. Ob und wann eine softwaregestützte Wahlfälschung überhaupt entdeckt wird, hängt von den konkreten Wahlerlassen der jeweiligen Bundesländer ab – immerhin wurden diese nun teilweise als Reaktion auf die IT-Schwachstellen verändert: Im Bundesland Hessen wird nun vorgeschrieben, dass jeder einzelne Übertragungsschritt mittels „PC-Wahl“ parallel auf unabhängigem Weg geprüft wird.
Ein niederschmetterndes Ergebnis der Analyse sei, dass es gar kein vielbeschworenes staatlich finanziertes Hacker-Team braucht, um den vollständigen Auswertungsvorgang zu übernehmen, merkt der CCC an.
„Eine ganze Kette aus eklatanten Schwachstellen vom Update-Server des Herstellers, über die Software selbst bis hin zu den exportierten Wahlergebnissen, ermöglicht uns die Demonstration von gleich drei praktisch relevanten Angriffsszenarien“, so Linus Neumann, an der Analyse beteiligter Sprecher des CCC. „Es ist einfach nicht das richtige Bundestagswahljahrtausend, um in Fragen der IT-Sicherheit bei Wahlen ein Auge zuzudrücken“, sagte Neumann. „Wirksame technische Schutzmaßnahmen sind teilweise seit Jahrzehnten verfügbar. Es ist nicht nachvollziehbar, warum diese keine Anwendung finden.“
Der fehlerhafte Update-Mechanismus von „PC-Wahl“ ermöglicht eine one-click-Kompromittierung, die gepaart mit der mangelhaften Absicherung des Update-Servers eine komplette Übernahme erleichtert. Aufgrund der überraschend trivialen Natur der Angriffe muss zudem davon ausgegangen werden, dass die Schwachstellen nicht allein dem CCC bekannt waren, formuliert dieser.
Der Software-Hersteller habe in der Zwischenzeit zwar Updates der Software nachgeliefert, um Lücken zu schließen. Ob diese genügen scheint aber weiter fraglich. Volker Berninger, der Entwickler von PC-Wahl, bestritt in einem ausführlichen „Zeit“-Artikel zum Thema die Behauptung der Forscher, die Bundestagswahl könne manipuliert werden.
„Bei dem schlimmsten Szenario würde jemand damit Verwirrung stiften. Dann würden zwar irgendwelche falschen Ergebnisse im Internet stehen, aber auf dem Papier wären noch immer die richtigen vorhanden. Das gibt Ärger und Verwirrung, hat aber keine Relevanz“, so Berninger.