15.12.2016 Der Traum von „Losgröße 1“

Was bringen übergreifende PLM-Systeme?

Von: Guido Piech

Märkte, die immer neue Produkte erwarten, erzeugen Innovationsdruck, den Digitalisierung und Industrie 4.0 einerseits lösen sollen, andererseits jedoch verschärfen. Dabei reiche es nicht aus, allein die Produktion zu automatisieren, so Kenan Sen, Leitung PLM beim SAP-Systemhaus Itelligence. Vielmehr müsse man die Digitalisierung verinnerlichen.

Kenan Sen, Leiter Product Lifecycle Management (PLM) beim SAP-Systemhaus Itelligence

Laut Kenan Sen, Leiter Product Lifecycle Management (PLM) beim SAP-Systemhaus Itelligence, ist der entscheidende Traum von Losgröße 1 der, dass die wenigsten Käufer bereit sind, den Preis für individuell gefertigte Produkte zu zahlen.

ITM: Herr Sen, welches sind die heutigen Problemstellungen – ich vermeide bewusst das Wort „Herausforderung“ – bei der Produktentwicklung?
Kenan Sen:
Das grundsätzliche Problem liegt im Verständnis der Produktstruktur. Hier werden die Produkte häufig nur als eine Gesamtheit ihrer Komponenten betrachtet. Ein funktionsorientiertes Verständnis wäre da allerdings zielführender.

Die jeweilige Funktion eines Produktes wird in Zukunft im Vordergrund stehen. Kunden bekommen bei der Auswahl eines Produktes eine Vielzahl von Alternativen gezeigt. Deshalb investieren sie ihr Geld in klar wahrnehmbare Leistungsmerkmale.

Daher plädiere ich dafür, dass Produktentwickler ihre neuen Konzepte aus den Marktbedürfnissen ableiten. Die Herausforderung – und ich sage bewusst nicht „das Problem“ – ist die Orientierung der Produktstruktur entlang der Funktion. Wenn dieser Punkt gut umgesetzt ist, können über Baureihen und Branchen hinweg ähnliche funktionale Kundenanforderungen mit gleichen technischen Konzepten abgebildet werden.

Ein Aspekt davon sind neue Ansätze bei der Entwicklung intelligenter technischer Systeme. Das „System Engineering“ bringt neue Überlegungen mit sich. Es geht um Interdisziplinarität, und dieses Zusammenspiel der unterschiedlichen Disziplinen muss mit den digitalen Werkzeugen umgesetzt werden.

ITM: Was macht unterschiedliche Produktstrukturen entlang der Wertschöpfung so schwierig?
Sen:
Verschiedene Disziplinen in den verschiedenen Fachbereichen haben unterschiedliche Sichtweisen auf die Produktstruktur. Man nehme nur die Entwickler, den Vertrieb, die Fertigung oder die Wartung. Deshalb kann abhängig von Standort oder Fachabteilung dasselbe Produkt unterschiedlich differenzierte Produktstrukturen erfordern. Was dazu führt, dass neben der Konstruktionsstückliste mehrere Fertigungsstücklisten zu beherrschen sind.

An der Schnittstelle benötigen die Verantwortlichen eine Art „Übersetzer“: Offensichtlich müssen Konstruktionsänderungen nachvollziehbar sein und schnell an die lokalen Standorte kommuniziert werden. Dies erfordert ein abgestimmtes und durchgängiges Produkt-änderungsmanagement, mit dem jede Abteilung entlang der Wertschöpfung auf dem aktuellen Stand gehalten wird.

ITM: Wie weit sind denn deutsche Unternehmen, insbesondere Mittelständler, bei der digitalisierten Produktion? Von „Losgröße 1“ und kompletter Digitalisierung können die meisten doch wohl nur träumen ...
Sen:
Kein Unternehmen kann seine Produktion über Nacht von Serie auf „Losgröße 1“ umstellen. Selbstverständlich müssen die internen Abläufe voll automatisiert laufen. Der entscheidende Haken an der Sache ist, dass die wenigsten Käufer bereit sind, den Preis für individuell gefertigte Produkte zu zahlen.

Als Ausweg möchte ich vorschlagen, dass man dem Kunden ein individuelles Produkt anbietet. Intern können die Verantwortlichen über die Variantenkonfiguration ihres PLM-Systems eine neue Assemblierung aus bestehenden Komponenten planen und produzieren.

Für die Realisierung von Variantenvielfalt gibt es drei klare Kriterien und drei verantwortliche Fachbereiche: Die Kunden müssen den Nutzen der individuellen Produkte erkennen – das ist die Aufgabe des Marketings. Die Kunden müssen bereit sein, für individuelle Produkte zu bezahlen – hier ist das Sales-Team in der Verantwortung. Darüber hinaus müssen Entwicklung und Produktion die zusätzliche Komplexität beherrschen.

Bei der Verbindung der drei verantwortlichen Bereiche hilft das übergreifende PLM-System. Dann kann der Traum von „Losgröße 1“ wahr werden.

ITM: Wie funktioniert das Zusammenspiel der aufgeführten Komponenten ohne bislang etablierte Standards?
Sen:
Das angesprochene Zusammenspiel funktioniert ohne etablierte Standards keinesfalls optimal. Beispielsweise sehe ich bei den Anwendern häufig, dass die Abteilungen organisatorisch nicht zusammengefasst sind. Natürlich sind sie dann auch nur wenig aufeinander abgestimmt. Die einzelnen Bereiche haben oft separate oder vielleicht auch gar keine PDM- oder PLM-Verwaltungssysteme.

Eine Folge ist, dass Änderungen in der Produktstruktur nicht erkennbar sind. Jetzt sind die Prozesse entlang der Wertschöpfung fehlerbehaftet. Wenn das Problem dann erkannt ist, laufen die Änderungsprozesse sequentiell statt parallel. Damit sind sie zeitaufwendig und umständlich.

ITM: Was verstehen Sie unter Innovation Management?
Sen:
Nicht jedes Unternehmen kann auf einzigartige Ausnahmetalente zurückgreifen und bei Innovationen auf die Kompetenzen weniger Einzelner hoffen. Vielmehr gilt es, Ideen mit einer konsequenten Ausrichtung auf eine Innovationsstrategie zu fördern. Das Innovation Management unterstützt die Verantwortlichen dabei, die richtigen Ideen zu finden und bis zur Umsetzung strukturiert weiterzuentwickeln.

Bildquelle: Itelligence

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