19.06.2017 „Transformation muss gelebt werden“

Wie digital ist der deutsche Mittelstand?

Von: Ina Schlücker

Im Interview spricht Hagen Rickmann, Geschäftsführer Geschäftskunden Telekom Deutschland, über die digitale Reife des deutschen Mittelstands, die Bedeutung von Fehlern und die Parallelen zwischen Digitalisierung und Hausrenovierung.

Hagen Rickmann ist Geschäftsführer Geschäftskunden bei der Telekom Deutschland.

Hagen Rickmann ist Geschäftsführer Geschäftskunden bei der Telekom Deutschland.

ITM: Herr Rickmann, ein Blick in die Projektpraxis und Hand aufs Herz: Wie „digital“ ist der deutsche Mittelstand?
Hagen Rickmann:
Die mittelständischen Unternehmer in Deutschland sind sich sehr bewusst, dass die Digitalisierung ein elementarer Schritt für weiteres Wachstum ist. Viele Betriebe befinden sich in der Produktion oder in der Ansprache ihrer Kunden schon lange auf der digitalen Spur. Das zeigt auch der „Digitalisierungsindex“, den die Telekom gemeinsam mit Techconsult erhoben hat: Fast jedes zweite befragte Unternehmen arbeitet bereits an der Umsetzung einzelner digitaler Projekte, 27 Prozent setzen eine übergreifende Digitalisierungsstrategie um.

Das zeigt: Der Mittelstand ist in der digitalen Transformation viel weiter als in der Presse oft dargestellt, er ist absolut sensibilisiert für die Bedeutung des Themas. Allerdings müssen manche Firmen noch stärker beschleunigen und sich mehr kümmern. Das Tempo ist noch steigerungsfähig.

ITM: Über welche „digitalen Erfolgsgeschichten“ lässt sich berichten? Können Sie Beispiele aus verschiedenen Branchen nennen?
Rickmann:
Zahlreiche Unternehmen quer durch alle Größen und Branchen können mittlerweile große Erfolge in der digitalen Transformation vorweisen. Mal ist das eine neue Homepage, mal ein ambitioniertes Internet-of-Things-Projekt.

Aus der Fülle der Erfolgsgeschichten würde ich gerne zwei herausgreifen: zum einen IDS Logistik, eine Kooperation mittelständischer Spediteure sowie der Logistikkonzerne DSV und Kühne + Nagel. Die Herausforderung hier war: Die Kunden wünschen sich transparente Lieferketten, sie wollen genau sehen, wann ihr Paket ankommt, und sie wollen, dass es schnell ankommt. IDS hat seine Logistikplattform daher in die Telekom-Cloud verlegt, die Standorte sind untereinander vernetzt, die Fahrer ständig über mobile Endgeräte erreichbar, die Aufträge werden in einer neuen App abgewickelt. Jetzt sind 40.000 Sendungen täglich in Echtzeit verfolgbar, Auftragsannahme und Lieferzeiten wurden deutlich verkürzt, der Kundenservice durch die transparente Lieferkette verbessert.

Mehr Transparenz und effizientere Zusammenarbeit wollten auch die Rechtsanwälte und Steuerprüfer von Rödl & Partner, eine auf mittelständische Kunden spezialisierte Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in 46 Ländern. 2015 startete Rödl & Partner seine „digitale Agenda“ – und führte u.a. eine einheitliche Prüfungs-Software ein, die team-, standort- und länderübergreifende Kollaboration ermöglicht.

Das Unternehmen hat noch viele andere digitale Projekte umgesetzt, die diesen Rahmen hier sprengen würden – doch entscheidend ist der eine Gedanke hinter allen Projekten: Das Unternehmen betrachtet den digitalen Wandel ganzheitlich mit dem Ziel, ihn als zentralen Innovationstreiber in der Firma zu verankern.

ITM: Während Großunternehmen und Konzerne mittlerweile „Chief Digital Officers“ inklusive den dazugehörigen Mitarbeiterstäben beschäftigen, fehlen im Mittelstand dafür schlichtweg die Ressourcen. Wer kann in mittelständischen Betrieben überhaupt die digitale Transformation anstoßen und erfolgreich vorantreiben?
Rickmann:
Digitalisierung ist Chefsache, sie muss mit dem Geschäftsführer beginnen – da führt kein Weg dran vorbei. Um einen Überblick über die Möglichkeiten zu bekommen, gibt es zahlreiche Veranstaltungen. So bieten auch wir Assessments und Transformations-Workshops an, um den Status der Digitalisierung zu prüfen. Das fängt mit ganz prinzipiellen Fragen an: Hat das Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie? Inwieweit sind Geschäftsprozesse schon digital? Wie sieht es mit der Unternehmenskultur aus: Steht man neuen Technologien aufgeschlossen gegenüber?

Im nächsten Schritt geht es auf die nächste Ebene, mit detaillierteren Fragen – bis am Ende eine Empfehlung für konkrete Projekte und möglichst viele „Quick Wins“ steht. Dort wird dann auch eingeschätzt, ob es sich lohnt, im Unternehmen Mitarbeiter zu benennen, die sich speziell um den digitalen Wandel kümmern. Die Ressourcenfrage sollte allerdings nicht im Vordergrund stehen. Das Wichtigste ist: Die Transformation muss von oben gewollt und gelebt werden. Sie braucht ein klar definiertes Ziel. Und dann viele kleine Schritte – erst einmal anzufangen, ist elementar. Das lässt sich durchaus vergleichen mit einer Hausrenovierung: Es muss nicht sofort der perfekte Palast entstehen.

Man fängt beispielsweise mit Küche, Wohn- und Schlafzimmer an. Später folgt dann der Flur, vielleicht baut man noch den Dachboden aus und macht den Keller schön.

ITM: Welche Budgets werden in der Regel für Digitalisierungsprojekte angezapft?
Rickmann:
Mit Blick auf die Ziele sind das oft Gelder für Marketing und Vertrieb. Stehen Digitalisierungsprojekte in der Produktion an, etwa die Weiterentwicklung von Maschinen, kommt das Geld meist aus dem Investitionsbudget. Der digitale Wandel ist eine direkte Investition in die Zukunftsfähigkeit einer Firma, das sollte nicht am Budget scheitern. Inzwischen stehen übrigens auch Banken bereit, digitale Transformationsprojekte zu finanzieren, etwa die Postbank.

ITM: Wie schaffen es die Verantwortlichen, ihre Mitarbeiter für die Digitalisierung zu begeistern?
Rickmann:
Das Wichtigste ist: Verbesserungen durch die digitale Transformation an einfachen Beispielen aufzuzeigen. Etwa, dass Firmen ihren Kunden Produkte und Services wie einen neuen Schuh oder das Catering besser präsentieren können z.B. mit den Mitteln von Virtual Reality und 3D. So werden Mitarbeiter motiviert, denn es geht ja um „ihr“ Produkt, auf das sie stolz sind und das durch die Digitalisierung beim Kunden besser ankommt. Oder man betrachtet Genehmigungsprozesse aller Art, die mit den digitalen Möglichkeiten schneller und effizienter abgewickelt werden können. Da müssen die Mitarbeiter dann mit ihren Urlaubsanträgen nicht mehr warten, bis der Chef von seiner Dienstreise zurück ist, da der den Urlaub auch von unterwegs aus per Smartphone freigeben kann.

ITM: Wie sollte die Fehler- und Unternehmenskultur gestaltet sein, um ein der Digitalisierung förderliches Betriebsklima zu schaffen?
Rickmann:
Digitalisierung ist mehr als nur technischer Wandel, vielmehr verändert sie die Art und Weise, wie wir arbeiten. Jede Veränderung der Kultur aber muss mit einer realistischen Einschätzung des Ist-Zustands beginnen, die Fakten müssen geteilt, akzeptiert und allen präsent sein.

Im zweiten Schritt geht es um das Ziel: Wo wollen wir hin? In welchem Tempo, mit welchen Zwischenschritten? Danach sollten konkrete Projekte beschrieben und dabei auch Freiraum für Agilität und Ausprobieren zugelassen werden. Denn entscheidend ist: Beim Ausprobieren muss es Freiraum für Fehler geben, nur so entstehen Innovationen. Natürlich passieren Fehler auch ungeplant, auch das muss eine Kultur abfangen und einbinden. Es sollte die alte Regel gelten: Einmal Fehler machen, daraus lernen, den gleichen Fehler nicht nocheinmal machen.

ITM: Wie viel Zeit sollte man einem Digitalisierungsprojekt geben und wann sollte man besser die Reißleine ziehen?
Rickmann:
Das hängt jeweils vom Projekt ab. Prinzipiell empfehle ich eher kleinere Projekte, bei denen sich Teilabschnitte immer wieder beim Kunden testen lassen und Erfolge schneller sichtbar sind. Denn die Technologie verändert sich so schnell, dass zu langfristige Planung ohnehin schwierig ist. Deshalb kann es sich auch lohnen, mit agilen Werkzeugen zu arbeiten statt mit der klassischen „Wasserfall-Methode“. Wenn man eine konkrete Zahl hören will: Natürlich gibt es Ausnahmen, aber man sollte zweifeln, wenn die Projektpläne länger als drei Jahre laufen.

 

 

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