05.04.2017 Digitale Wirtschaft NRW

1000 Neugründungen in den letzten drei Jahren

Von: Ingo Steinhaus

Die Digitalwirtschaft in Nordrhein-Westfalen kommt in die Gänge, die Digitalinitiative des Wirtschaftsministers zeigt erste Ergebnisse.

Könnte Berlin sein: Fast 1500 Digital-Start-ups, etwa 1000 weniger als vier Jahre alt. Ist aber Nordrhein-Westfalen, das ebenfalls eine aktive Start-up-Szene hat. Dem Bundesland ist das in einer sportlichen Aufholjagd gelungen. Berlin spielt zwar immer noch in einer eigenen Liga und ist Spitzenreiter im KfW-Gründungsmonitor, doch das bevölkerungsreichste Bundesland im Westen der Republik muss sich nicht verstecken.

Die Start-up-Szene in NRW hat im Unterschied zu Berlin einen sehr starken Schwerpunkt auf B2B und Hightech, besitzt aber auch einige Stars aus anderen Bereichen, etwa Trivago (Hotelbuchungen), Kalaydo (Kleinanzeigen), Clickworker (Vermittlung von Digitaljobs an Freelancer), Auxmoney (Kreditplattform) oder Cleverbridge (Bezahlsystem).

„NRW kann auch digital“, konstatiert eine Studie zur digitalen Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen, die vom Institut der deutschen Wirtschaft durchgeführt und der Initiative Digitale Wirtschaft NRW (DWNRW) des Düsseldorfer Wirtschaftsministeriums beauftragt wurde. Wenig verwunderlich, dass die Studie zu einem positiven Fazit kommt: „In den drei Jahren der DWNRW-Initiative wurde die richtige Strategie mit den passenden Maßnahmen konzipiert und umgesetzt.“

Damit sind insbesondere die sechs Digitalhubs in Aachen, Bonn, Düsseldorf, Köln, Münster und dem Ruhrgebiet gemeint, von denen jeder bis zu 1,5 Millionen Euro Fördergelder für drei Jahre erhält, wobei die jeweiligen Regionen einen Eigenanteil in gleicher Höhe beisteuern. Die Hubs sollen zu digitalen Zentren in den jeweiligen Regionen des Landes werden, die Digitalexperten, Investoren, Gründungswillige, Start-ups und die klassische Industrie vernetzen. Unter anderem sollen in den Hubs neue Unternehmen der Digitalwirtschaft sowie Kooperationen von Start-ups mit dem Mittelstand entstehen.

Ob das gelingt, ist bisher noch nicht völlig klar, denn die Hubs haben ihre aktive Arbeit erst vor wenigen Monaten aufgenommen, zum Teil sogar erst Anfang des Jahres. Bis sie ähnlich erfolgreich wie der Köln-Düsseldorfer Inkubator Startplatz sind, dürfte noch ein wenig Zeit vergehen. 2012 im Mediapark von Köln eröffnet, hat er sich zum Fixpunkt der Szene entwickelt. Neben Coworking und Teambüros für Gründer und Start-ups, Events, Konferenzen und Workshops bieten die beiden rheinischen Locations vor allen Dingen ein anregendes Flair und den Austausch unter Gleichgesinnten.

Korporatismus oder Szene-Flair, Anzug oder Hoodie?

Ähnlich wie die Berliner Szene sind die Inkubatoren und Coworking-Spaces in ganz Nordrhein-Westfalen in erster Linie unkonventionell. Typische Business-Outfits sind selten, der lässig zum Vollbart getragene Hoodie dagegen Legion. Diese Atmosphäre müssen die Digital Hubs noch erreichen, bisher sind sie eher auf klassischen, westdeutschen Korporatismus temperiert.

Das ist an sich auch kein Wunder, denn 1,5 Millionen Euro muss man erst einmal haben. Deshalb sind die Finanziers meist regionale Gremien wie die jeweilige IHK, örtlich ansässige Verbände, die Wirtschaftsförderung der jeweiligen Region sowie Universitäten und einzelne Unternehmen wie Vodafone. Konsequenterweise kommen einige Leute im Hub-Management ebenfalls aus dem wirtschaftlichen Establishment.

So war der Kölner Geschäftsführer Matthias Härchen vorher Leiter der Unternehmensförderung bei der IHK Köln und die Aachener Geschäftsführerin Iris Wilhelmi kommt ebenfalls von der Handelskammer. In beiden Fällen dürfte das die sehr starke Position der Kammern in der lokalen Politik widerspiegeln. Auch lief die Ernennung der jeweiligen Geschäftsführer nicht immer rund. So entschieden sich Investoren und IHK gegen den längere Zeit favorisierten Bonner Geschäftsführer-Kandidaten aus der lokalen Start-up-Community „Startup Bonn“ und für Markus Zink, den ehemaligen Marketingchef des Softwareanbieters Scopevisio AG. In den drei anderen Hubs ist die Szene gut vertreten, vor allem in Düsseldorf. Dort haben mit Dr. Klemens Gaida und Peter Hornik zwei erfahrene Business Angels und Investoren die Geschäftsführung übernommen. Und die Geschäftsführer im Ruhrgebiet (Oliver Weimann) und Münster (Thomas Malessa) sind selbst Start-up-Gründer.

Welche Ausrichtung nun der Digitalwirtschaft besser dient, ist noch eine offene Frage. So lässt sich der Korporatismus-Variante zugutehalten, dass hier Kontakte zum klassischen Mittelstand bereits etabliert sind. Eine Geschäftsführung aus dem Start-up-Umfeld dagegen wird wohl auf weniger Vorbehalte bei Gründern und Jungunternehmern stoßen. Sie reagieren häufig eher skeptisch auf die zahlreichen Umständlichkeiten der traditionellen Wirtschaft. Denn manch ein Gründer hat schon in größeren Unternehmen gearbeitet und dort bürokratische Strukturen fürchten gelernt.

Bildquelle: Thinkstock

©2017 Alle Rechte bei MEDIENHAUS Verlag GmbH