15.05.2017 Fuchsia ist keine Farbe

Android-Nachfolger ohne Linux in Sicht

Von: Ingo Steinhaus

Google entwickelt das Mobil-OS Fuchsia, mit dem Kernel Magenta, dem Interface Armadillo und dem App-Framework Flutter.

Wird Android bald beerdigt? Google scheint ernsthaft an einem neuen Betriebssystem für Smartphones, Tablets, und Computer, aber auch IoT-Geräte anderer Art zu arbeiten. Bereits im August 2016 war einigen Leuten auf GitHub etwas aufgefallen. Dort fand sich ein von Google entwickeltes, noch rudimentäres Mobilbetriebssystem mit dem Namen Fuchsia. Es besitzt einen Mikrokernel mit dem Namen Magenta und basiert somit nicht wie Android auf Linux.

Inzwischen gibt es Neues von dem noch jungen Open-Source-System. Es hat jetzt eine eigene Benutzeroberfläche mit dem Namen Armadillo und eine App-Umgebung namens Flutter, die es übrigens auch als Bibliothek für die Entwicklung von Android-Apps gibt. Interessierte Entwickler haben Armadillo kompiliert und als Android-App erzeugt.

Neue Benutzeroberfläche, neues Glück

Ein erster Blick auf die Benutzeroberfläche zeigt: Sie ist einfacher als die Android-Oberfläche und unterstützt lediglich einen einzigen Home-Button. Das Interface basiert auf „Karten“, die offensichtlich für eine App oder einzelne App-Funktion stehen. Zwischen ihnen kann im Vollbild durch Wischen gewechselt werden, sie können aber auch neben- und übereinander angeordnet werden.

Fuchsia ist noch weit von einem vollständigen Betriebssystem für Mobilgeräte entfernt. Das Google aber an einem Android-Ersatz arbeitet, ist nur logisch. Das System ist Anfang 2008 erschienen und musste (so die Gerüchteküche) kurzfristig noch auf Touch-Bedienung umgestrickt werden. Das Systemkonzept ist jedoch deutlich älter und etwa 2003 von Andy Rubin für die damals verfügbaren Tasten-basierten Smartphone-Vorläufer entwickelt worden - wohl als funktionsreiche Alternative zum BlackBerry.

Android schleppt eine Reihe von Schwächen mit sich herum. Es ist zu einem Zeitpunkt konzipiert worden, als weder die mobile Revolution noch der Erfolg der Public Cloud absehbar waren. Als Linux-basiertes System kann es seine Herkunft aus der Desktopwelt nicht verstecken. Selbst ein stark entschlackter Linux-Kernel ist eigentlich noch deutlich zu komplex, denn heute werden die meisten Funktionen in die Cloud ausgelagert. Ein speziell daran angepasster Mikrokernel ist effizienter.

Außerdem gibt es noch das Problem der Zersplitterung. So gut wie jeder Hardware-Hersteller kocht sein eigenes Süppchen, um sich von den Konkurrenten abzuheben. Dies führt dazu, dass Sicherheitslücken nur selten rasch geschlossen werden. Vor allem bei kostengünstigen Geräten lohnt sich für die Hersteller der Entwicklungsaufwand offensichtlich nicht. Auch hier ist ein Mikrokernel die bessere Lösung. Er kann durch Apps mit Funktionen nachgerüstet werden, in denen die Hersteller nach Herzenslust „Bloatware-Funktionen“ einbauen können. Das Basissystem aktualisiert sich via Google und erhält ähnlich wie Windows im Regelfall alle Sicherheitsaktualisierungen sofort bei Erscheinen.

Doch nicht nur die fehlenden Patches sind ein Manko. Auch reguläre Updates machen Probleme. So werden Geräte, die älter als zwei Jahre sind, nur selten mit neuen Android-Versionen ausgestattet. Bei den kostengünstigen Modellen ist es oft noch schlimmer: Die Nutzer erhalten überhaupt kein Update und müssen bei der mitgelieferten Android-Version bleiben. Zwar hat Google wiederholt versucht, diese beiden Probleme zu beheben, doch eine wirklich brauchbare Lösung gibt es nicht. Wer regelmäßige Patches und Updates haben möchte, muss schon Googles eigene Geräte kaufen oder sich einmal jährlich ein neues Gerät gönnen.

Ein neues Betriebssystem ist nur schwer zu etablieren

Allerdings gibt es da noch die Behaarungskraft von Herstellern und Nutzern. Die Produzenten von Android-Smartphones haben für ihre speziellen Versionen sehr viel Zeit und Geld investiert. Sie werden sicher nicht so ohne weiteres auf ein vollkommen neues System umsteigen. Notfalls können interessierte Hersteller auch einen eigenen „Fork“ erzeugen, schließlich handelt sich um Open-Source-Software.

Sobald Google tatsächlich ein fertiges Fuchsia OS auf den Markt bringt, wird es Hersteller geben, die versuchsweise ein paar Smartphones damit auf den Markt bringen. Selbst wenn die Fuchsia-Modelle nicht floppen, beginnt eine lange Phase des Nebeneinanders von Fuchs und Android - schließlich wird kein Hersteller ohne stark sinkende Verkaufszahlen auf seine Umsatzbringer verzichten.

Um Android aus dem Markt zu verdrängen, müsste das neue Betriebssystem ein echter Knaller sein und eine Vielzahl an alltagstauglichen Innovationen bringen, die Anwender in Scharen von Android herüberziehen. Doch die Nutzer sind konservativ, wie sich deutlich an Windows XP zeigt. Obwohl das System vollkommen veraltet ist, wird es noch auf Millionen Geräten eingesetzt - mit allen Folgen. Vor wenigen Tagen musste es Microsoft noch einmal „ausnahmsweise“ patchen, damit ein Ransomware-Angriff eingedämmt werden konnte.

Auch die wachsende Haltedauer von Smartphones könnte den schnellen Erfolg eines Alternativ-Betriebssystems verhindern. Die Geräte sind immer länger im Einsatz, da die Hardware-Entwicklung nicht mehr so stürmisch ist wie in der Anfangszeit. Die jeweils neueste Generation der Smartphones oder Tablets bringt nur noch wenige Verbesserungen, sodass ein Austausch der Geräte nicht mehr jedem einleuchtet.

Die Lage in der Mobilbranche weist also viele Züge eines gesättigten Marktes auf, in dem keine großen Bewegungen und Innovationen mehr stattfinden. Gut möglich, dass es nicht gelingen wird, ein neues Betriebssystem einzuführen - auch Google nicht. Die recht traurige Geschichte der verschiedenen Versuche, eine Android-Alternative zu etablieren, ist bekannt. Vor allem technisch weniger versierte Anwender nutzen sehr gerne das, was verbreitet und bekannt ist - also Android und iOS.

Bildquelle: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

 

 

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