„Wir glauben sehr stark an das Thema ‚Virtual Reality’, weil es völlig neue Möglichkeiten zur Produktdarstellung bietet“, so Dr. Alexander Trommen, CEO der Appsfactory.
Herr Dr. Trommen, inwieweit haben Unternehmen erkannt, dass sie das eigene Geschäft mit mobilen Applikationen unterstützen können?
Dr. Alexander Trommen: Apps leiden natürlich auch unter der „Mobile Mediaschere“. Das bedeutet, dass das Budget der meisten Unternehmen für App-Entwicklung bzw. Mobile Marketing im Verhältnis zum Gesamtmarketingbudget viel geringer ist als der mobile Anteil der Mediennutzung. Im B2C haben sich Apps als fester Bestandteil der Produkt- und Marketingstrategie bereits verankert. Der B2B-Bereich ist in 2016 im Vergleich zum B2C-Bereich gefühlt auf dem Niveau, wo der B2C-Sektor 2012 war.
Welche Branchen sind hier (was den Einsatz von Mobile-Apps anbelangt) eher noch zurückhaltend – und warum?
Trommen: Marc Andreesen – einer der erfolgreichsten Investoren im Silicon Valley – hat den Spruch geprägt, „Software is eating the World“. Apps können ganze Vertriebsstrukturen obsolet machen – wie dies durch Knip und Co. beispielsweise gerade bei den deutschen Versicherungsagenturen demonstriert wird. Uber und Airbnb sind wohl die bekanntesten Belege für diese Theorie. In 2016 muss eigentlich für Geschäftsführer aller Branchen die Klärung der Frage, wie mit Software auf den meistverbreiteten Rechnern der Welt – Apps auf Smartphones – Prozesse effektiver oder effizienter gestaltet werden können, das Management-Thema Nummer 1 sein. Besonders kritisch sehen wir hierbei die Innovationsgeschwindigkeit im Mittelstand im deutschen Maschinenbau. Hier gilt es häufig noch den Schwenk vom Hardware-Lieferanten zum Lösungsanbieter mit Software- und Services zu vollziehen. Erfahrungen aus ersten Projekten zeigen, dass Maschinen, die Apps zur Fertigungsoptimierung mit anbieten, vor allem auf Messen viel Interesse anziehen und sich um bis zu 20 Prozent besser verkaufen.
Wie gestaltet sich der derzeitige Anspruch der Business-Anwender hinsichtlich ihrer genutzten Apps? Was ist ihnen besonders wichtig?
Trommen: Aus unserer Sicht unterscheiden sich die Anforderungen nicht so stark, wie man denken könnte. Auch der Endkunde schätzt bei einer App vor allem Bedienbarkeit und Nutzwert (Quelle: Mobile Effects).
Welcher Trend ist hinsichtlich Programmiersprache oder App-Typ (native, hybrid...) erkennbar?
Trommen: Im professionellen Umfeld haben sich native Apps klar durchgesetzt. Das Thema wird heute fast nur noch von Techbloggern mit immer neuen Buzzwords aufgegriffen. Man braucht nicht für jeden Prozess oder jede Webseite eine App. Aber für geschäftskritische Prozesse braucht man eine stabile und keine billige App. Wenn Sie eine App zur Abwicklung der Ersatzteilbestellung haben, über die Umsätze in Höhe von 5 Mio. Euro generiert werden, sollten sie versuchen, diese soweit zu optimieren, dass sie 5,5 Mio. über die App umsetzen, und nicht die Entwicklungskosten der App von 80.000 auf 60.000 zu drücken versuchen.
Welche Herausforderungen bringen neue Technologien wie Wearables, Datenbrillen & Co. für die App-Entwicklung mit sich?
Trommen: Jedes neue Gerät mit einem erheblich anderen Formfaktor als das Smartphone erfordert ein anderes Herangehen an das User-Interface. Predictive Analysis – also die Berücksichtigung von Context und Bedienungssituation – wird hier eine immer wichtigere Rolle für die UX spielen. Die Apps auf Wearables sollten dem Benutzer im Vergleich zum Smartphone im Idealfall bereits einen großen Teil der Bedienung abnehmen, indem sie Funktionen vorschlagen, die der Nutzer in der jeweiligen Situation mit großer Wahrscheinlichkeit nutzen möchten, anstatt den User diese über lange Auswahlmenüs selbst wählen zu lassen. Wir glauben sehr stark an das Thema „Virtual Reality“, weil es völlig neue Möglichkeiten zur Produktdarstellung bietet und Marketingprozesse im Handel und in der Reisebranche sicherlich stark beeinflussen wird.
Wie lassen sich die Kosten bei der App-Entwicklung möglichst gering halten? Inwieweit müssen dabei ggf. Abstriche gemacht werden?
Trommen: Große Kostentreiber, die sich bei Smartphone-Apps vermeiden lassen, sind vor allem Folgende:
- Porträt- und Landscape mit jeweils optimiertem Design – hier lassen sich ca. 20 Prozent einsparen
- Individuelle Implementierung von Social-Sharing-Logiken statt die Standard-Sharing-Optionen des Betriebssystems zu nutzen – hier lassen sich in der Pflege nach dem Einstellen in den Appstore jährlich bestimmt 10 Prozent sparen
- Individuelle GUI-Elemente und Animationen erhöhen den Aufwand gegenüber Standardelementen, die betriebssystemseitig zur Verfügung gestellt werden, je nach Umfang um bis zu 15 Prozent
- Eine Hardware-Integration – beispielsweise über Bluetooth-Kommunikation – erhöht den Aufwand ebenfalls um ca. 15 Prozent
Welche Rolle spielen an dieser Stelle beispielsweise App-Baukästen bzw. -generatoren sowie auch Programmbibliotheken?
Trommen: Hierbei muss man differenzieren. Beide Ansätze versprechen eine Effizienzsteigerung, aber über ganz unterschiedliche Wege. Während App-Baukästen ermöglichen sollen, nur einmal zu entwickeln und die Tools/den Code dann mehr oder weniger automatisiert für alle Plattformen ausspielen, sind Programmbibliotheken fast immer betriebssystemspezifisch. Das heißt, iOS-Entwickler benutzen ein Set an Bibliotheken und Android-Entwickler im Unternehmen gegebenenfalls andere Libraries. Programmbibliotheken bieten eine erhebliche Verbesserung der Qualität und Effizienz, wenn sie sorgfältig evaluiert und auf Qualität getestet werden, bevor sie im Unternehmen zum Einsatz kommen. Aussagen dazu, welche Bibliotheken für welchen Einsatzzweck zu nutzen sind, gehören in die Coding-Guidelines jeder App-Agentur.
Der Nutzen von App-Baukästen ist nicht immer ähnlich deutlich. Das liegt vor allem an zwei Problembereichen:
- unterschiedliche Frontends bei iOS und Android
- und mangelnde Performance im Vergleich zu nativer Entwicklung.
Die Frontends von iOS und Android unterscheiden sich weiterhin von den Navigationselementen her stark. Eine Anpassung der Frontends auf die jeweiligen Betriebssysteme erhöht dann wieder den Implementierungsaufwand. Insofern sind die von uns erlebten Effizienzgewinne weniger deutlich ausgeprägt als von den Herstellern versprochen. Eine Ausnahme sind Spiele-Apps, bei denen sich Unity als Cross-Plattform-Tool als Quasi-Standard durchgesetzt hat.
Wie sollte sich die Testing-Phase einer neuen App gestalten, um deren Qualität zu sichern?
Trommen: Im Rahmen moderner Software-Entwicklung ist Testing keine Phase mehr, sondern begleitet den gesamten Entwicklungsprozess im Rahmen einen Continous-Integration-Ansatzes. Für die Qualitätssicherung einer App im laufenden Entwicklungsprozess sowie den finalen Abschlusstest sollte man 30 Prozent der Entwicklungsaufwendungen kalkulieren. Vollkommen ad absurdum wird der Qualitätssicherungsprozess von Apps geführt, wenn in der App-Entwicklung wenig erfahrene Agenturen lediglich zehn bis15 Prozent für die Qualitätssicherung ansetzen und professionellen Software-Einkäufern dann Argumente vortragen wie „Unsere Entwickler machen weniger Fehler – deswegen sei der Aufwand geringer“.
Wie sichert sich ein Unternehmen die Code-Rechte an entsprechender App?
Trommen: Auftraggeber sollten darauf achten, dass sie sich alle bekannten und zukünftigen Nutzungsrechte insbesondere auch die Bearbeitungsrechte zusichern zu lassen. Entsprechende juristische Standardformulierungen reichen hier eigentlich aus. Komplizierter wird es mit den Rechten an öffentlich zugänglichen Bibliotheken, die oftmals non-commercial license sind oder auf Open-Source-Basis genutzt werden und an denen der Entwickler selbst nicht die Rechte hat. Hier empfiehlt es sich, ein Verzeichnis aller verwendeten Bibliotheken vom Entwickler zu verlangen oder bei wichtigen Projekten einen entsprechenden externen Audit durch einen spezialisierten Dienstleister durchführen zu lassen.
Welche Faktoren werden die App-Entwicklung Ihrer Meinung nach zukünftig stark beeinflussen?
Trommen: Nach wie vor ist der stärkste Innovationstreiber im App-Ökosystem das Betriebssystem selbst – also die Hersteller Apple und Google. Aus neuen Funktionalitäten entstehen zahlreiche Möglichkeiten, die User Experience weiter zu verbessern und damit die Digitalisierung von Prozessen weiterzutreiben.
Bildquelle: Appsfactory