23.08.2016 Bunte Vielfalt an App-Funktion

App-Entwicklung: Nutzeransprüche berücksichtigen

Von: Lea Sommerhäuser

App-Entwickler stehen vor der Herausforderung, allen Nutzeransprüchen gerecht zu werden, qualitativ hochwertige, aber dennoch möglichst kostengünstige Apps zu liefern und zugleich neuere Technologien wie Wearables und Datenbrillen bei der Entwicklung auf dem Schirm zu haben. Wie schaffen sie das?

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App-Entwickler stehen vor der Herausfordung bei der Konzeption einer neuen Anwendung sämtliche Nutzeransprüche zu berücksichtigen.

Für Unternehmen, die wachsen möchten, wird ein konsistentes digitales Anwendererlebnis immer wichtiger. „Denn der Umsatz über die digitalen Kanäle wie Webseiten oder mobile Applikationen überwiegt“, meint Rainer Gawlick, President von Perfecto Mobile. Mobile Apps fungieren dabei als Kundendienstmitarbeiter, persönliche Einkaufsassistenten – Stichwort „Location-based Services“ –, Reisebüros, Händler und Kassierer.

Ferner ermöglichen sie Unternehmensmitarbeitern über Mobilgeräte beispielsweise Datenzugriff auf vorhandene IT-Systeme – und zwar genau dann, wenn Mitarbeiter die Informationen benötigen. Zudem können mit den Apps Daten erfasst werden, die dann unmittelbar in den Systemen verfügbar sind. „Wie groß der Mehrwert mobiler Applikationen tatsächlich ist, erkennen viele Unternehmen erst, wenn sie eine Business-App einsetzen“, ist sich Jens Stier, Geschäftsführer der Engomo GmbH, sicher. Dann würden schnell zahlreiche Ideen folgen, welche Prozesse sich ebenfalls durch Mobilisierung optimieren ließen.

Auch Firmen, die in keinem direkten Kontakt zur IT-Branche stehen, erkennen zunehmend, dass sich Apps auch in ihren Spezialgebieten vielseitig und erfolgreich einsetzen lassen. „So erfreuen sich z.B. Apps zur eigenen Unternehmensdarstellung auf Messen immer größerer Beliebtheit“, berichtet Andreas Bauer, Vertrieb bei der Brickmakers GmbH. Und Rainer Gawlick hat beobachtet, „wie die Finanzindustrie an der vordersten Front der ‚digitalen Revolution’ Innovationen schnell vorangebracht hat“. Viele ­Branchen seien dem Beispiel gefolgt, wie etwa die Reisebranche und das Gastgewerbe, die Medienbranche und auch der Bereich „E-Commerce“. Lediglich die Gesundheitsbranche habe jetzt erst mit der Digitalisierung begonnen, denn gerade dort sei es aufgrund der vielen rechtlichen Beschränkungen und der Hochrisikokomplexität auch schwieriger, die neuen Technologien umzusetzen.

Nach den Erfahrungen von Jens Stier hängt das Interesse für mobile Apps aber kaum von der Branche ab. Vielmehr mache er die Beobachtung, dass die Visions- und Innovationskraft der Entscheider und Führungspersonen in den einzelnen Unternehmen ausschlaggebend ist. Die Vorreiter zeichnen sich dadurch aus, dass Entscheidungsträger aus Fach- oder IT-Abteilungen frühzeitig erkennen, wie mobile Apps ihr Unternehmen leistungsfähiger machen können, und den Weg mit Begeisterung einschlagen. Lediglich traditionelle Branchen und inhabergeführte Firmen von älteren Unternehmern „können und wollen naturgemäß mit der rasend schnellen Veränderung nicht standhalten“, wirft Jonas Soukup, CEO der App-Agentur Creative Work­line, ein.

Die Wünsche der App-Nutzer

Für Geschäftsanwender ist es grundsätzlich entscheidend, dass eine App exakt auf ihren Bedarf zugeschnitten ist. Sie muss intuitiv und am besbedienbar sein. Der Nutzer will seine Aufgaben schnell und unkompliziert erledigen können. Zugleich spielen die Wartbarkeit und Sicherheit der Software eine wichtige Rolle, da Apps im Business-Umfeld in der Regel unternehmensinterne Daten und für die Firma erfolgskritische Services beinhalten. „Wenn sie dann auch noch Spaß in der Bedienung machen, ist das wunderbar“, so Dirk Wieczorek, Geschäftsführer der Atino GmbH. Die Herausforderung im Business-Bereich sei dabei vor allem die Integration in bestehende Systeme, wie beispielsweise SAP, Dynamics oder Salesforce, und in die vorhandenen Arbeitsprozesse.

Aufgrund all dieser Anforderungen und der stetig voranschreitenden Entwicklung der Mobilgeräte und entsprechenden Software müssen App-Entwickler derzeit viel Aufwand in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter stecken. Gleichzeitig gilt es, neue Wege zu finden, bei aller Geschwindigkeit die Qualität der Ergebnisse zu gewährleisten. Wie schaffen die Entwickler das? „Unter anderem durch die Implementierung von Automatisierungen im Verlauf des Entwicklungszyklus“, weiß Rainer Gawlick, „aber auch durch frühzeitigeres Testen und indem sie einen Blick auf die neuesten Tools auf dem Markt haben.“

An dieser Stelle kommen beispielsweise App-Baukästen bzw. -generatoren und Programmbibliotheken ins Spiel. „Die App-Konfiguration mit Baukästen ist um ein Vielfaches schneller und einfacher als Programmieren“, betont Jens Stier. Ein weiterer Vorteil sei die Flexibilität: Neue oder geänderte Anforderungen setze man mit App-Baukästen in wenigen Stunden um. Auch Dirk Wieczorek schreibt den Baukästen eine wichtige Rolle zu: Sie seien für eine bestimmte Klientel eine geeignete Möglichkeit, günstig an eine App zu kommen. „Auch wir bieten deshalb entsprechende Module an“, so der Atino-Chef. Allerdings gebe es auf dem Markt auch viele faule Eier und man sollte sich hier gut über die Qualität und Möglichkeiten informieren.

Andreas Bauer hält App-Baukästen hingegen in der Regel für ungeeignet. Beim Erstellen von Websites würden sie gerade noch funktionieren, doch im Bereich der App-Entwicklung würden sie an der deutlich höheren Individualität und Komplexität scheitern. Dafür seien Programmbibliotheken aus der aktuellen App-Entwicklung kaum wegzudenken. Oft könne nur durch die Nutzung solcher kosteneffizient gearbeitet werden. „So ist bei spielsweise die Integration von Kartendiensten mit wenigen Zeilen Code realisierbar, wohingegen die komplette Neuentwicklung einer vergleichbaren Lösung sogar den Rahmen des eigentlichen App-Projektes übersteigen könnte“, so der Brickmakers-Vertriebler.

Ähnlich sieht es Dr. Alexander Trommen, CEO der Appsfactory GmbH: „Programmbibliotheken bieten eine erhebliche Verbesserung der Qualität und Effizienz, wenn sie sorgfältig evaluiert und auf Qualität getestet werden, bevor sie im Unternehmen zum Einsatz kommen.“ Sie seien allerdings fast immer betriebssystemspezifisch. Das heißt: iOS-Entwickler benutzen ein Set an Bibliotheken und Android-Entwickler im Unternehmen gegebenenfalls andere Libraries.

Die Wichtigkeit von App-Tests

Hinsichtlich Programmiersprachen und App-Typen ist aktuell kein eindeutiger Trend zu erkennen, meint Andreas Bauer. Denn jede Technologie bringe Vor- und Nachteile mit sich. Allerdings scheinen Kunden immer mehr Wert auf App-Agenturen zu legen, die alle Umsetzungsformen beherrschen und somit in der Lage sind, die bestmögliche Technologie für das jeweilige Kundenprojekt auszuwählen. „Wenn es um den Kostenfaktor geht“, ergänzt Jonas Soukup von Creative Workline, „spricht die hybride Entwicklung für sich, um die Kosten zu senken.“ Damit können mobile Web-Inhalte auch auf mehreren Plattformen wiederverwendet werden. Native Entwicklung werde allerdings für qualitative App-Produkte immer noch als Mittel der Wahl bevorzugt nachgefragt. „Sehr interessant ist dabei der Ansatz der nativen Cross-Plattformenentwicklung mittels Xamarin“, so Bauer. Denn dieser vereine viele Vorteile aus den Welten der hybriden und nativen Entwicklung.

Um die Kosten einer App im Rahmen zu halten, kommt es allerdings nicht nur auf den App-Typen oder die Verwendung von Generatoren oder Programmbibliotheken an, sondern auch auf die generelle Vorbereitung. Im Grunde sollte schon zu Beginn der Fokus des Projektes klar definiert werden. „Konzeption und Projektmanagement sind die entscheidenden Faktoren für ein optimales Kosten-Nutzen-Verhältnis einer App“, betont Andreas Bauer. Kommunikation mit dem Kunden sei der Schlüssel zum Erfolg eines App-Projektes. Während des Entwicklungsprozesses empfiehlt er ein agiles Projektmanagement. Dabei werde der Kunde an definierten Stellen in das Projekt eingebunden. Dies ermögliche, kurzfristig Änderungen umzusetzen und sicherzustellen, dass die Kundenwünsche jederzeit berücksichtigt werden. Diese Vorgehensweise spare in der Regel wichtige Zeit und somit Kosten.

Darüber hinaus lassen sich Kosten einsparen, wenn Tests frühzeitig und auch öfter in den Software Development Life Cycle (SDLC) integriert werden. Die Entwickler können dann gleich sehen, „was sie noch verbessern müssen, und das steigert wiederum die Qualität der Software und die Entwicklung kann schneller abgeschlossen werden“, erläutert Rainer Gawlick. Neben den bekannten Alpha- und Betatests empfiehlt sich dabei ein zusätzlicher „Closed User Test“ mit einer release-fähigen Version. Um auf eventuelle Änderungen anschließend angemessen reagieren zu können, sollte dieser mindestens einen Monat vor dem geplanten finalen Release durchgeführt werden.

Die neuen Herausforderungen im App-Markt

Die aufwendigen Testphasen mögen für die Entwickler eine Herausforderung darstellen – doch zugleich müssen sie sich auf eine bunte Vielfalt an neueren Technologien wie Smartwatches, Fitness-Trackern, Datenbrillen und Co. einstellen, die immer mehr Einzug in den Markt halten und für die ebenso entsprechende Applikationen entwickelt werden müssen. Im Vergleich zu Smartphones und Tablets ändert sich hier natürlich die Art der Bedienung. Daher sollten sich Entwickler vorher ein genaues Bild davon machen, was mit den Geräten möglich ist, was der Nutzer mit einer passenden App erreichen will und ob eine Anwendung überhaupt sinnvoll ist. „Wenn ich z.B. Lagerbuchungen mit einer Datenbrille durchführen will, ist das ein attraktiver Anwendungsfall, den ich mit einer geeigneten App durchaus abbilden kann“, erklärt Jens Stier von Engomo. „Die Herausforderung ist es, die Benutzerführung und Funktion der App an das Device anzupassen.“ Denn gerade bei Wearables sei die App noch viel komprimierter als auf einem Smartphone.

„Die Apps auf Wearables sollten dem Benutzer im Vergleich zum Smartphone im Idealfall bereits einen großen Teil der Bedienung abnehmen, indem sie Funktionen vorschlagen, die der Nutzer in der jeweiligen Situation mit großer Wahrscheinlichkeit nutzen möchte, anstatt den User diese über lange Auswahlmenüs selbst wählen zu lassen“, ergänzt Alexander Trommen von Appsfactory. „Wir glauben sehr stark an das Thema ‚Virtual Reality’, weil es völlig neue Möglichkeiten zur Produktdarstellung bietet und Marketingprozesse im Handel und in der Reisebranche sicherlich stark beeinflussen wird.“

Der nächste große Hype ist laut Dirk Wieczorek das Internet der Dinge. Die Vernetzung von allem gehe voran. Das Auto wurde bereits voll ins Netz eingesponnen und als Nächstes werde es die Wohnungen und Gebäude erreichen, mit allem, was sich darin befinde. „Apps werden dabei immer wichtiger, um all diese Dinge zu bedienen und Informationen darüber abzurufen“, so der Atino-Chef. Dabei werde es egal sein, ob sich die App auf einer Brille, einem Smartphone oder einer Uhr befinde.


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