iOS 7
Das neue iOS 7 reagiert auf einen selbst ausgelösten Trend bei Benutzeroberflächen - endlich, wie viele Apple-Fans meinen. Denn iOS wirkte gegenüber der Konkurrenz etwas aus der Zeit gefallen. Die neue Systemversion hat jetzt wieder aufgeholt. Doch zuerst ein genauer Blick auf Trends und Entwicklungen.
Responsive Design, One Page Design, Flat Design - diese drei Trends im mobilen und stationären Web sind erst durch iPhone und iPad entstanden. Die “New Wave” im UI-Design markieren einen deutlichen Bruch zu klassischen Auffassungen von Webdesign und der Gestaltung von Benutzeroberflächen.
“Responsive” bedeutet: Eine Webseite wird nicht lediglich verkleinert dargestellt, sondern passt sich in ihrem Aussehen an die kleineren Displays von Smartphones und Tablets an. “One Page” bedeutet, dass alle wichtigen Informationen auf einer einzigen Webseite erscheinen. Sie nutzt HTML5, um möglichst interaktiv zu sein. Zudem bietet sie das horizontale oder vertikale Rollen mit der Maus oder einer Wischgeste an.
Beide Trends treten vorwiegend verknüpft auf. Unterstützt durch formatfüllende Reportagefotos, anspruchsvolle Typografie, Erzählkunst (neudeutsch: Storytelling) und einen Hang zur Regel “Weniger ist mehr” entsteht dann ein Publikationsprojekt wie Narrativly. So eine Website sieht auf allen Gerätetypen gleich gut aus und ist gleich gut lesbar.
Das flache Design als dritter Trend ist eher bei Benutzeroberflächen für Betriebssysteme, Apps und Webdiensten zu finden. Dabei ersetzen die Entwickler die Imitation von Objekten aus der Dingwelt durch geometrische Grundformen, Farbflächen und Schrift. Windows 8 ist das erste “große” Betriebssystem mit dieser Technologie und die Smartphone-Variante Windows Phone 8 war auf Nokia-Geräten der innovative Vorreiter.
Das etwas pummelig wirkende Originaldesign von iOS 1.0 stand vor etwas mehr als einem Jahrfünft auf der Höhe der Zeit. Die Displays waren seinerzeit viel kleiner und geringer aufgelöst als heute üblich. So hatte das erste iPhone eine 3,5-Zoll-Anzeige mit nur 320 x 480 Pixeln. Solche Mager-Displays gibt es heute nur noch bei Smartphones für unter 100 Euro.
Trotz wachsender Displays blieb den iPhone-Nutzern das rundliche Urdesign bis heute erhalten - auch auf dem iPad mit 10 Zoll-Display und sagenhaften 1536 × 2048 Pixeln Auflösung. Doch die sprichwörtlichen runden Ecken stehen für eine beispiellose Erfolgeschichte: Einem kleinen Team aus innovativen Entwicklern um Steve Jobs ist es gelungen, im Alleingang einen Markt zu definieren und anfangs auch zu dominieren.
Doch erfolgreiche Vorreiter bekommen es sofort mit Copycats zu tun. Google hat in den ersten Versionen von Android die Basiskonzepte übernommen und erweitert - zum Beispiel mit den praktischen Widgets, die auf dem Homescreen Infos anzeigen.
Doch erst mit der Version 3.x/4.x haben die Entwickler für Android ein eigenständiges Design gefunden - die Holo-Oberfläche. Sie folgt vielen Regeln des Flat Design und verzichtet weitgehend auf die Wirklichkeit imitierende (“skeuomorphe”) Elemente. Das einzige Problem von Holo: Der Einsatz dieser Design-Sprache ist für Entwickler nicht verpflichtend, weshalb bei Android-Apps bunte Vielfalt herrscht - die den guten Eindruck von Holo häufig zerstört.
Aus solchen und ähnlichen Erfahrungen in der Android-Welt hat dann Microsoft bei der völligen Neugestaltung des Windows-Ökosystem gelernt. Die Anforderung an die Designer und Entwickler von Windows (Phone) war schwierig und einfach zu gleich: Entwickelt ein Oberflächendesign, dessen Gestaltung zu allen Konkurrenzsystemen inklusive der Vorgänger “Windows Mobile” und “Windows 7” den gleichen Abstand einhält und das völlig neu ist.
Schwierig war diese Aufgabe, weil alle Vorgängersysteme zusammen eine irrwitzig große Variationsbreite in der Gestaltung verwirklicht haben. Microsoft konnte das Rad kaum neu erfunden, sondern es lediglich an ein Gesamtkonzept anpassen. So sind zum Beispiel die “Live Tiles” nichts weiter als Widgets, deren Formensprache reduziert und an die Kacheloberfläche von Windows angepasst wurde.
Einfach war diese Aufgabe, weil es immer einfacher ist, etwas von Grund auf neu aufzubauen. Ein vorhandenes System zu verbessern ist schwer, weil alle Grundentscheidungen zu diesem System ein Hindernis für Veränderungen sind. So gesehen hat Microsoft alles richtig gemacht, bis auf die Sache mit dem raketenhaften Erfolg - der im neuen Mobilmarkt allerdings nicht so einfach zu erreichen ist.
Nun ist also Apple in der Rolle des träge gewordenen Tankers, der dringend sein altbacken wirkendes Betriebssystem renovieren muss. Interessante Zeiten für das erfolgverwöhnte Unternehmen, im Sinne des bekannten chinesischen Sprichwortes.
Eine eindeutige Reaktion auf iOS 7 kam wie immer von den Aktienmärkten: Apple fiel, Nokia stieg. Das ist natürlich nur ein Ausschnitt aus einen insgesamt mauen Börsentag, doch einhellige Begeisterung sieht anders aus. Die Reaktionen der Fachleute auf das neue Design waren uneinheitlich und reichten von “Hammer” bis “Hässlich”.
Doch endgültige Urteile verbieten sich in einem so frühen Stadium, denn iOS7 ist noch unfertig und im Betastadium. Apple orientiert sich an den Designstandards, die inzwischen von der Konkurrenz vorgegebenen werden: Schmale Schrift, flache Icons und Bedienelemente, wenige Realwelt-Imitationen.
Bei einem flüchtigen Blick wirkt iOS7 eher wie ein anders eingefärbtes Holo-Android. Der Blaseneffekt im Hintergrund erinnert an HTC und die Typografie an Windows 8. Und dann sind da noch die farbenfrohen Icons. Kurz: Das Design ist modern, wirkt aber nicht mehr avantgardistisch. Dieser Eindruck ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Apple und sein iOS die Vorreiterrolle verloren haben
Bildquelle: Apple