23.11.2015 Neue Arbeitskonzepte rechtlich absichern

Arbeiten 4.0 erfordert neue Unternehmenskultur

Von: Gesa Müller

Neben den rein technischen Aspekten muss der neue, mobile Stil zu arbeiten rechtlich abgesichert werden, damit ständige Erreichbarkeit nicht mit 24/7-Arbeit gleichgesetzt wird. Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich gegenseitig vertrauen können, wie Frank Roth von Appsphere verdeutlicht.

„Ein Umdenken muss hinsichtlich der Definition von ‚Arbeit‘ erfolgen. Im Arbeitsvertrag schuldet der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer für die erbrachte ‚Arbeitszeit‘ ein Entgelt. Die zu erbringende Leistung wird meist in einer Zielvereinbarung definiert. Rein rechtlich ist jedoch die erbrachte Arbeitszeit das Maß der Dinge“, kritisiert Frank Roth von Appsphere.

Herr Roth, was verstehen Sie unter modernem, mobilen Arbeiten?
Frank Roth:
Ein moderner Arbeitsplatz erlaubt es ­Mitarbeitern, mit jedem Endgerät auf alle Anwendungen und Daten im Unternehmen zuzugreifen, für die sie die Berechtigungen haben. Sie müssen überall arbeiten und unabhängig von Uhrzeiten auch international und vor allem intuitiv im Team oder mit Kunden kommunizieren und wie am stationären PC gewohnte Anwendungen nutzen können.

Dabei muss die dahinter stehende Infrastruktur so aufgebaut werden, dass die Geschäftsleitung sämtliche Compliance-, Datenschutz- und auch Budgetvorgaben einhalten kann, während die IT-Abteilung u.a. dank User-Self-Services eine beherrschbare, hochverfügbare Lösung liefert, die möglichst vollautomatisiert und mit wenig Betriebsaufwand funktioniert.

Wie weit reicht die neue Flexibilität der Mitarbeiter denn heute schon?
Roth:
Es ist klar erkennbar, dass sich das flexible und mobile Arbeiten in einigen Branchen immer stärker durchsetzt. Dieser Wandel ist zum einen natürlich technischer Natur. Zum anderen spielt der Wandel in Unternehmen eine beachtliche Rolle, denn dort muss zunächst eine Kultur und Akzeptanz auf mehreren Ebenen für das Thema erreicht werden. Unternehmen müssen ihren Angestellten Vertrauen schenken, dass sie im Rahmen der ihnen gegebenen Freiheit und Selbstbestimmtheit die vereinbarten Leistungen erbringen. Die Mitarbeiter müssen hingegen dem Unternehmen vertrauen, dass ständige Erreich- und Verfügbarkeit nicht in 24/7-Arbeit mündet.

Problematisch stellt sich die gesetzliche Lage dar, denn das aktuell gültige Arbeitszeitengesetz und auch die Bildschirmarbeitsplatzverordnung sind Hürden, die moderne Arbeitsstile meist im Keim ersticken, führen sie doch dazu, dass das Unternehmen in den meisten Fällen gegen geltendes Recht verstößt. Der Gesetzgeber ist jedoch dabei, die geltende Rechtslage der Realität anzugleichen.

Welche Rolle spielen mobile Technologien, welche spielt die herkömmliche IT-Infrastruktur?
Roth:
Beide Bereiche spielen eine wichtige Rolle, denn nur wenn Infrastruktur und Anwendungen optimal aufeinander abgestimmt und integriert sind, können Produktivitätssteigerungs- und Agilitätsziele erreicht werden. Beim Übergang in moderne Arbeitskonzepte dürfen nicht alle bisher eingesetzten Lösungen unbrauchbar werden. Das bedeutet, dass die vorhandene IT-Infrastruktur soweit möglich und sinnvoll in den neuen Aufbau übernommen werden können sollte. Arbeitet ein Unternehmen z.B. mit Microsoft Office, ist ganz klar, dass dies auch mobil zugänglich gemacht werden muss, damit Mitarbeiter in ihrer gewohnten Anwendungsumgebung arbeiten können.

Es ist also wichtig, dass die Basisinfrastruktur möglichst durchgängig virtualisiert ist. Dann benötigt es ein System-Management-Tool, das Standardarbeitsplätze ebenso verwaltet wie das  Geräte- und Applikationsmanagement mobiler Geräte. Die Software wiederum kann dann automatisiert  auf der virtualisierten Infrastruktur bereitgestellt werden. 

Wenn Daten immer dezentraler bereitgestellt werden, muss umso mehr für ihre Sicherheit gesorgt werden. Aber wie?
Roth:
Natürlich ist bei Begriffen wie „Virtualisierung“ und „Cloud“ die Sorge erstmal da, dass jeder auf Daten und Systeme Zugriff hat. Der „Next Generation Workplace“ allerdings integriert die IT in Form der Private Cloud im eigenen Rechenzentrum und bezieht dann Anwendungen als Public-Cloud-Services externer Cloud-Provider. Unternehmen bestimmen dabei selbst, welche Anwendungen sie aus der Public Cloud beziehen bzw. nutzen möchten. Je nach Datensicherheitsanforderung können so zum z.B. E-Mail- und CRM-Anwendungen über die Public Cloud bezogen werden, während ERP, Dokumenten-Management oder Human-Resources-Anwendungen über die Private Cloud abgedeckt werden.

Zudem spielen natürlich die Authentifizierung, das Identity-Management, SSL/VPN, die Web-Proxy sowie auch die Rechtevergabe intern eine wichtige Rolle. Gerade die massiv steigende Mobilität der Wissensarbeiter und die Verfügbarkeit smarter mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablets, Laptops, etc.) treibt die Nutzung der Public Cloud massiv nach vorne.

In welcher Form müssen die Arbeitnehmervertreter eingebunden werden, wenn es um Arbeitszeiten- und Überstundenregelungen geht?
Roth:
Die Einbindung von Arbeitnehmervertretern ist gerade in großen Unternehmen obligatorisch, denn die gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Arbeitszeiten und Überstunden, welche durch flexibles und mobiles Arbeiten aus den Angeln gehoben werden, sollen durch zusätzliche Betriebsvereinbarungen (wie z.B. eine Vereinbarung zur „betrieblichen Mobilität“) wieder eingefangen werden. Das klappt in vielen Fällen auch recht gut, wenngleich es meist Neuland ist und die Unternehmen damit erst Erfahrungen sammeln müssen. Ein Umdenken muss jedoch hinsichtlich der Definition von „Arbeit“ erfolgen. Im Arbeitsvertrag schuldet der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer für die erbrachte „Arbeitszeit“ ein Entgelt. Die zu erbringende Leistung wird meist in einer Zielvereinbarung definiert. Rein rechtlich ist jedoch die erbrachte Arbeitszeit das Maß der Dinge.

Hier wird es ein Umdenken geben müssen, denn die durch moderne, mobile und flexible Arbeitsstile gewonnene Autonomie in der Zeit-, Aufgabe und Prioritätengestaltung sind dann für Arbeitgeber problematisch, wenn die Leistungserbringung nicht den vereinbarten Vorgaben bzw. Erwartungen entspricht. Und da der Arbeitgeber nicht im Büro ist, sondern von unterwegs oder zu Hause arbeitet, entzieht er sich jeglicher Arbeitskontrolle und kann deshalb nur die Lieferung der vereinbarten Leistung seiner im Arbeitsvertrag geschuldeten Leistung nachweisen. Hier geht es ohne großes Vertrauen nicht.

Gibt es weitere Hindernisse?
Roth:
Es gibt immer wieder Diskussionen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern hinsichtlich der für ein monatliches Entgelt geschuldeten Leistung. Hier kann man im Arbeitsvertrag aber bereits viel regeln. Wenn ein Arbeitnehmer aufgrund seiner Tätigkeiten viel unterwegs ist bzw. zu weit entfernten Kunden zur Leistungserbringung reisen muss, ist das im Vorfeld bekannt und kann durch entsprechende Ausgleichszahlungen oder Überstunden geregelt werden. Am Ende gilt immer: Wenn die Anreisezeit zur Arbeitserbringung genutzt werden kann, ist diese Zeit auch als Arbeitszeit anrechenbar. Problematisch sind sicherlich Anreisezeiten in überfüllten öffentlichen Verkehrsmitteln oder als Beifahrer im Auto, bei denen man nicht arbeiten kann und diese Zeit somit als Freizeit gewertet wird.

Wie arbeiten wir in zehn Jahren?
Roth:
Die Arbeitswelt wird sich weiterhin stark verändern. Die wachsende Globalisierung und der damit einhergehende Wettbewerb mit preiswerten ausländischen Arbeitskräften und Leistungen erzeugen auch in Deutschland einen enormen Preis- und Lieferdruck. Noch überragt die Qualität und rechtfertigt eventuell einen höheren Preis. Aber das wird sich in den kommenden zehn Jahren mit Sicherheit weiterhin verschlechtern. Flexible Arbeitsstile sollen u.a. zu einer höheren Mitarbeiterproduktivität beitragen und die Arbeitskosten weiter senken – beispielsweise durch weniger Bürofläche. In zehn Jahren werden weitaus mehr Menschen mobil bzw. von zuhause aus arbeiten. Aber es wird auch weiterhin einen hohen Anteil an Mitarbeitern geben, die im Büro ihre Arbeit verrichten und auf Basis von Arbeitszeit bezahlt werden. Es geht hier um eine generelle Umwälzung in der Gesellschaft und nicht nur, isoliert betrachtet, um mobile Endgeräte.

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