Microsoft mischt die Karten neu

Auf zweierlei Pfaden

Mobiles Arbeiten mit der Cloud und Apps auf allen Geräten – ein mögliches Szenario sieht so aus: Der Anwender schaut morgens auf seinem Windows-Smartphone nach, ob der Kollege die Präsentation geschickt hat. Später in der Regionalbahn ergänzt er sie auf seinem Windows-Tablet mit Anmerkungen. Im Büro arbeitet er weiter – natürlich an seinem Windows-PC. Und weil die Kollegin am Schreibtisch gegenüber eine Telefonkonferenz hat, steckt er das Tablet in die Tastaturhülle und arbeitet in der Cafeteria weiter.

Dieses Szenario ist nicht besonders ungewöhnlich. Mit Blick auf Windows 8 und seinen kleinen Bruder Windows Phone 8 ist dabei ein Punkt entscheidend: Auf Smartphones, Tablets, Notebooks und Desktop-PCs gibt es eine einheitliche Benutzeroberfläche, die gleichen Apps und dieselben Daten.

Strategische Entscheidung

Für Gregor Biswanger ist dies der große Vorteil beim neuen Windows-8-Ökosystem. Der Microsoft MVP für Client App Dev und Solution Architect bei der Impuls Informationsmanagement GmbH in Nürnberg verfolgt die Entstehung des Metro-Ökosystems schon seit Längerem. Er sieht viele Anzeichen für einen gelungenen Markteintritt. „Microsoft hat zahlreiche gute strategische Entscheidungen getroffen – ein gemeinsamer Kernel für alle Geräteklassen, eine breite Unterstützung vieler Programmiersprachen und als Thema Nummer eins für die Entwickler: Performance, Performance, Performance – und Akkulaufzeit.“ Zumindest an der Arbeitsgeschwindigkeit dürfte der Durchbruch von Windows 8 nicht scheitern – die ist nach allen Tests der Vorabversionen verblüffend hoch.

Peter Nowak (siehe Interview Seite 54) ortet Schwierigkeiten für den Erfolg eher in anderen Gebieten. „Mit einem bestimmten Mobilsystem verbindet sich oft ein Lebensstil, der sich auch über Apps verwirklicht“, meint der Experte für mobile Anwendungen. „Microsoft braucht als Nachzügler gute Argumente für den Wechsel, denn zunächst verliert man alle gewohnten Apps. Die müssen teils neu gekauft werden – sofern es sie gibt.“

Der Wechsel des Mobilsystems als Lebensstilwandel? Das klingt ein wenig kurios, ist aber die Gegenwart. Viele Leute nutzen bestimmte Apps im privaten oder beruflichen Alltag sehr intensiv. Ein Verzicht darauf ist für sie oft kaum vorstellbar. Wer also von einem aufs andere System umsteigt, erwartet alle Lieblings-Apps auf dem neuen System – ein Ausschlusskriterium für viele. Das hat nichts mit dem System als solchem zu tun. Die Metro-Oberfläche und viele andere Elemente von Windows 8 gelten in der Mobilbranche als innovativ und konzeptionell gelungen. Doch die Apps sind vor allen Dingen bei Tablets entscheidend. „Das ist eine Art Henne-Ei-Problem“, meint Peter Nowak. „Ohne ausreichende Verkaufszahlen der Geräte ist das System für Entwickler unattraktiv, aber ohne attraktive Apps verkaufen sich die Geräte schlecht.“

Intensive Unterstützung

Gregor Biswanger erwartet eine große Zahl an interessanten Apps für Windows-Tablets. Nach seiner Einschätzung öffnet Microsoft die Tore für Entwickler sehr weit und macht die Entwicklung möglichst leicht. „Da Metro-Apps auch mit HTML5 und Javascript entwickelt werden können und gleichzeitig die bekannten Werkzeuge für C#/C++ verfügbar sind, ist das Potential enorm“, meint Biswanger. „Etwa 60 Prozent aller Entwickler beherrschen Javascript und können somit Metro-Apps schreiben. Bei anderen Systemen ist das Beherrschen von Objective C, C++ oder Java notwendig – diese Kenntnisse sind deutlich weniger weit verbreitet.” Die Vielzahl möglicher Entwicklungssprachen und die intensive Unterstützung durch Microsoft sei eine Einladung an Programmierer, möglichst fleißig für die Metro-Oberfläche zu entwickeln.

Doch ein Spaziergang ist die Entwicklung einer Metro-App nicht. „Eine App muss auf jeden Fall vollkommen neu designt und an die Konventionen des Metro-Styles angepasst werden“, meint Thomas Erbrich, Geschäftsführer der ATE Software GmbH in Frankfurt. Der Entwickler hat sehr früh auf Metro gesetzt und ist mit einer eigenen Galerie-Anwendung bereits im Windows Marketplace vertreten. „Eine vorhandene App für iOS oder Android kann nicht ohne Weiteres auf Windows und Metro angepasst werden“, beschreibt Erbrich seine Erfahrungen. „So gibt es im Metro-Style eine strikte Trennung von Bedienung und App-Inhalten. Solche Dinge muss eine App berücksichtigen, sonst wird sie vermutlich abgelehnt.“

Einheitliche Hardware

Das Schreiben von guten Apps ist also nicht einfach, könnte aber trotzdem viele Entwickler anlocken – vor allem aus der Android-Welt. Matti Kawecki, Geschäftsführer von Appsourcing in Leipzig, hält die Metro-Oberfläche nach seinen Erfahrungen mit Apps für Windows Phone 7 in vielerlei Hinsicht für überlegen. Ein wichtiger Vorteil ist für ihn die strenge Politik von Microsoft, die Hardwarespezifikation von Smartphones und Tablets eng zu fassen und keine OEM-Anpassungen am System zu erlauben. „Bei Android muss ein Entwickler eigentlich viele Dutzend Geräte besitzen, um alle Kombinationen von Auflösung und Herstellerzusätzen zu testen“, so sagt er.

Das übersteigt die Ressourcen vor allem kleinerer Unternehmen, so dass Android-Apps häufig nicht auf allen Geräten optimal arbeiten. Microsoft habe diese Fehler von Android vermieden, meint Kawecki. „Apps für die Microsoft-Systeme sind durch die relative Einheitlichkeit der Hardware und den zentralen Windows Marketplace sehr attraktiv für Entwickler.“ Außerdem muss nicht jede App „nativ“ mit einer systemnahen Programmiersprache entwickelt werden. Eine gute Alternative ist die plattformübergreifende Entwicklung. Entsprechende Entwicklungssysteme wie der „Interaction Mobilizer“ von Interactive Intelligence sind Baukastensysteme, mit denen die Anwender unkompliziert eigene mobile Apps entwickeln können.

In diesem Fall erzeugt der Baukasten Spezial-Apps für Serviceprovider und Callcenter, die sie bei ihren Aufgaben unterstützen. Das System ist bereits auf allen wichtigen Plattformen vertreten und demnächst auch auf Windows 8 und Windows Phone 8. „Wir nutzen den Ansatz einer OS-unabhängigen Entwicklung“, erklärt Heiko Kuhn von der Interactive Intelligence GmbH (siehe Interview S. 50). „Die native App für jede Plattform ist relativ klein, der größte Teil des ausführbaren Codes befindet sich auf unseren Servern.“ Damit könne der Hersteller seinen App-Baukasten sofort auch auf neuen Systemen und Systemversionen anbieten – und auch auf anderen Plattformen. „Wir nutzen diese Technologie“, so Kuhn weiter, „auch für einen Facebook-App-Generator mit demselben Funktionsumfang.“

Solche App-Generatoren sind vor allem bei One-Featureset-Apps für spezielle Zwecke hilfreich, z.B. im Marketing oder im Kundenservice. Anwendungen à la Excel oder Photoshop dagegen dürften auch in Zukunft dem klassischen Desktop vorbehalten bleiben. Dies zeigt, dass sich die Windows-Welt aus der Sicht eines Entwicklers in zwei getrennt zu begehende Wege aufspaltet. Zum einen gibt es die universal auf allen Geräteklassen arbeitenden Metro-Apps, deren Stärken in der Lösung nur sehr weniger Probleme des Anwenders liegen. Ein typisches Beispiel sind Kalender-, Notiz- oder To-do-Apps.

Zum anderen gibt es die nur auf dem klassischen PC wirklich gut zu bedienenden Desktopanwendungen, die aber universelle Werkzeuge für eine große Zahl an Problemklassen sind. Ein gutes Beispiel hierfür ist Excel, das digitale „Schweizer Offiziersmesser“ vieler Mitarbeiter in Unternehmen. Doch vermutlich wird es noch einige Zeit und etliche Innovationen brauchen, bis diese beiden Wege wieder zueinanderführen. Erst dann wird die viel zitierte Formel vom „Post-PC-Zeitalter“ Wirklichkeit.

Bildquelle: iStockphoto.com/digitalhallway

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