Nachgefragt bei Frank Hasemann, Honico

Basis für die Zukunft

Interview mit Frank Hasemann, Geschäftsführer der Honico Consulting und Managementberatung GmbH

Frank Hasemann, Honico

„HTML5 wird in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit die Basis für die Entwicklung von User Interfaces darstellen“, sagt Frank Hasemann, Geschäftsführer von Honico.

Herr Hasemann, wie gestaltet sich das derzeitige Interesse der Unternehmen an der App-Entwicklung auf Basis von HTML5?
Frank Hasemann:
Bei den meisten Unternehmen ist das generelle Thema Mobility erst in den Anfängen, so das die Kernfragen sich gar nicht um die Entwicklungs- bzw. Oberflächengestaltung nach Außen drehen, sondern vielmehr erst einmal Fragen und Unklarheiten bestehen, welche Prozesse zu mobilisieren sind, wie man überhaupt an die Businessdaten in SAP herankommt, wie der Zugriff auf Businessdaten erfolgt und welches Framework bzw. welche Technologien zukünftig zum Einsatz kommen sollen.

Hat man sich schon tiefergehend beschäftigt, ist es allerdings so, dass die meisten Kunden dann wissen und auch fordern, dass die Applikationen mit HTML5 erstellt werden/müssen, um einen zukunftsfähigen Standard zu liefern.

Wir haben allerdings bei einer Vielzahl von Kunden, welche sich umfassend mit dem Thema Mobility beschäftigt haben, die Situation, dass ihnen der Stellenwert von HTML5 bereits deutlich ist. Bei diesen Kunden geht es dann bereits um die Frage, mit welchen Aufwänden und Problemen bei der Umsetzung zu rechnen ist.

Inwieweit unterstützen Sie als Anbieter bereits diese Entwicklung? Und welche Umstellungen waren hierfür in Ihrer Entwicklungsabteilung vonnöten?
Hasemann:
Wir unterstützen diese Technologie mit unserem Produkt, dem Neptune Application Designer, natürlich durchgehend. Unsere Produkte verfügen bereits weitgehend über mobile Prozesse, deren mobile und Desktop Interfaces ausschließlich mittels Neptune und der integrierten Frameworks umgesetzt wurden.

Die Umstellungen beim Einsatz von Neptune war innerhalb weniger Tage vollzogen, da die Entwicklungsumgebung vollständig in SAP integriert ist (ähnlich der Umgebung zur Entwicklung per Webdynpro ABAP oder der SE38). Vor allem der Transport der Entwicklungen mittels des SAP-Transportwesens, anstelle unübersichtlicher Deployment-Prozesse, erleichterte die Akzeptanz in unserer Entwicklungsabteilung.

Aufgrund der vollständigen Integration in die ABAP-Entwicklungsumgebung benötigten die vorhandenen Entwickler eine kurze, zweitägige Einführungsschulung. Vor allem Vorkenntnisse aus der BSP- oder Webdynpro-Entwicklung waren hierbei hilfreich. Selbst ABAP-Entwicklern mit minimalen HTML-Kenntnissen war jedoch aufgrund des durchdachten Frameworks innerhalb weniger Stunden eine Entwicklung von HTML5-basierten Oberflächen inklusive der Integration von Backend-Prozessen möglich.

Falls zusätzliche Kenntnisse notwendig wurden (z.B. Verwendung von Phonegap bei hybriden Apps, Einbindung weiterer Javascript-Frameworks etc.) ließen sich diese in kurzen Schulungen oder per Selbsttraining erlernen.

Offiziell soll HTML5 erst 2014 verabschiedet werden, obgleich schon jetzt fleißig damit programmiert wird. Wie schätzen Sie die Möglichkeit eines „Fallbacks“ für die Entwickler nach offiziellem Release ein?
Hasemann:
Unseres Erachtens wird kein Fallback-Szenario notwendig. HTML5 ist ja kein SAP oder sonst einer Firma gehörendes Produkt, sondern ein Entwicklungsstandard, der massiv von den Browserherstellern/-anbietern gestützt/gefördert wird, um Inhalte und Oberflächen via Web anzubieten/damit arbeiten zu können.

Ein Fallback im Sinne einer Umstellung auf andere Techniken der UI-Entwicklung muss nicht berücksichtigt werden. HTML5 basiert ja auf HTML, einer seit 1992 bestehenden Auszeichnungssprache, welche millionenfach eingesetzt wird und im Rahmen der Einführung lediglich eine Erweiterung des Vokabulars und eine Überarbeitung der DOM-Spezifikation bietet. HTML und auch weitere Technologien wie CSS und Javascript sind bewährte, grundsolide Standards.

Insofern sind bezüglich sehr weniger, spezieller HTML5-Bestandteile die jeweiligen Arbeitsentwürfe des W3C zu beachten und hier gegebenenfalls über Umsetzungen mittels HTML4.01 nachzudenken. Anzumerken ist noch, dass die meisten Browser bereits heute HTML5 weitgehend implementiert haben. Insofern sind schon jetzt aussagefähige, verlässliche Tests möglich.

Welche Grenzen setzt HTML5 bei der App-Erstellung? Und welche Risiken birgt der Standard?
Hasemann:
Aus unserer Sicht setzt HTML5 keinerlei Grenzen beim Einsatz in der Entwicklung von mobilen Applikationen. Ein Zugriff auf die device-spezifischen Features (Sensoren etc.) ist durch die Generierung von webbasierten, hybriden Apps mittels des Phonegap-Frameworks problemlos möglich.

Worin sehen Sie die Stärken von HTML5?
Hasemann:
Wie bereits beschrieben, wird HTML5 in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit die Basis für die Entwicklung von User Interfaces darstellen. Hierzu tragen die neuen Funktionalitäten, beispielsweise im Bereich Video, Audio, dynamische Grafik und lokaler Speicher, bei. Speziell auf den Bereich der SAP-UIs bezogen, sehen wir in HTML5 eine grundsolide Basis zur Entwicklung von User Interfaces für alle Einsatzbereiche (Mobil, Desktop, Portale). Der Einsatz spezifischer Entwicklungspatterns (beispielsweise responsive Design) wird zu drastisch verkürzten Entwicklungszeiten bei der Entwicklung von Oberflächen führen. Bereits jetzt lässt sich jeder Businessprozess auf jedem Device mittels des gleichen UIs darstellen. Und zwar performant, robust, sicher, barrierefrei und hochgradig an die Bedürfnisse des Users anpassbar.

Hinzu kommt, dass durch die Verwendung HTML5-basierter Anwendungen keinerlei Installation auf dem Device erfolgen muss, da ja die Anwendung per Link aufgerufen wird. Aufwendige Rollout-Strategien bei Release-Wechseln, App-Stores wie auch Szenarien zur Fernlöschung (z.B. aus Sicherheitsgründen) sind bei rein HTML5 nicht notwendig.

Inwiefern ist auch die Entwicklung nativer Apps auf Basis von HTML5 möglich?
Hasemann:
Native Apps können problemlos HTML5 zur Darstellung von Oberflächen nutzen.

Inwieweit könnte HTML5 andere Programmiersprachen bzw. native Apps verdrängen?
Hasemann:
Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung halten wir es für wahrscheinlich, dass native Apps bis 2016 nur noch bei Verwendung sehr spezieller Features des Devices (Bluetooth, Gyroskope) und im Gaming-Bereich aufzufinden sein werden. Die weitaus größte Zahl der Businessanwendung, vor allem im SAP-Umfeld, wird HTML5-basiert sein. Eine Verdrängung anderer Programmiersprachen sehen wir dabei vor allem im Bereich der Oberflächenprogrammierung.

Und inwieweit wird die App-Entwicklung auf Basis von HTML5 den App Store und Google Play Store beeinflussen?
Hasemann:
Wie bereits beschrieben, benötigen HTML5-basierte Apps keinerlei Installation auf dem Device. Ein Zugriff über einen App-Store zum Start einer Anwendung ist also nicht notwendig.

Über welche Plattformen oder Stores werden die HTML5-Apps selbst vertrieben?
Hasemann:
In Ergänzung zum Neptune Application Designer wird durch uns ein Produkt zur Verwaltung von mobilen Applikationen ausgeliefert. Dieses Mobile Application Management (MAM) verwaltet zentral alle User, Anwendungen und mobile Applikationen.

In einer typischen SAP-Systemlandschaft meldet sich der Anwender mittels eines Links (HTTPS-Request) an dem MAM an, wird (durch natives Login in der SAP-Systemlandschaft) authentifiziert und bekommt eine Übersicht aller für ihn verfügbaren Anwendungen als Liste von Links zurück.

Dieses Konzept kann durch den Kunden selbstverständlich auch ohne Einsatz unseres MAM realisiert werden, da der App-Store eine Liste von Links auf Anwendungen darstellt, welche einfach als dynamische Website realisiert wird.

Wer prüft die Sicherheit der Apps, wenn Sie frei im Netz verfügbar sind?
Hasemann:
Unser Konzept der Mobilisierung von SAP-Anwendungen mittels des Neptune Application Designers basiert auf einer Philosophie der größtmöglichen Sicherheit für Businessanwendungen. Die Gewähr der Sicherheit wird vollständig innerhalb der SAP-Systemlandschaft geleistet. Der Aufruf einer Businessanwendung erfolgt per VPN oder HHTPS auf ein SAP-System. Dort wird der Anwender mittels nativem Login gegen den Benutzerstamm authentifiziert. Ebenso werden die innerhalb einer Anwendung notwendigen Berechtigungsprüfungen innerhalb des SAP-Systems abgewickelt.

Selbst wenn also der Link auf eine mobile Anwendung einem nicht authorisierten Anwender bekannt wäre, würde er bereits beim ersten Versuch des Zugriffs durch das SAP-System abgewiesen.

Anders stellt sich das Szenario bei Prozessen, welche offline verfügbar sein sollen, dar. Hier gilt es sicherzustellen, dass solche Daten auch bei Verlust des Devices vor fremdem Zugriff geschützt werden. Angesichts der heute in der Regel hohen Verfügbarkeit von Verbindungen zum Firmennetz sollte bereits bei der Modellierung der mobil verfügbaren Prozesse darüber nachgedacht werden, ob diese Daten notwendigerweise offline verfügbar sein müssen.

Wie schätzen Sie die zukünftigen Entwicklungen im Bereich HTML5 ein und wie werden wohl Apple und Google darauf reagieren?
Hasemann:
Wie bereits erläutert, sehen wir, wie die SAP (siehe Sapui5) und viele andere, HTML5 als DIE Basis für die Zukunft von webbasierten Anwendungen für mobile Devices und Desktop. Innerhalb kürzester Zeit wird HTML5 der Standard zur UI-Entwicklung werden. Hierzu tragen u.a. die Vielzahl von verfügbaren Frameworks (Jquery, Jquery Mobile, Jquery UI, Rgraph, Wijmo, Isotope, Modernizr etc.) bei.

Google trägt, wie auch Mozilla und andere, dieser Entwicklung durch die Implementierung der HTML5-Features, Performance-Optimierung (beispielsweise Javascript) und einer Vielzahl von frei verfügbaren Apis (Mobile, Chart Tools etc.) Rechnung.

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