07.03.2017 Verzerrte Sicht

Big Data mit Facebook führt in die Irre

Von: Ingo Steinhaus

Facebook ist kein Big-Data-Paradies, denn die Mehrheit der Beiträge ist nichtöffentlich und einige Nutzergruppen agieren sehr vorsichtig.

Frauen posten auf Facebook eher nichtöffentlich

Facebook ist eine Spielwiese, nicht nur für die Nutzer, sondern auch für Wissenschaftler, Marktforscher und Big-Data-Analysten, die öffentliche Facebook-Beiträge auswerten. Zudem gibt es zahlreiche Unternehmen, die nicht nur ihren eigenen Facebook-Seiten analysieren, sondern auch anderswo Einträge mit bestimmten Schlüsselworten, etwa Markennamen suchen.

Das Problem dabei: Facebook besteht nicht nur aus den öffentlichen Beträgen, die von jedermann und auch ohne Facebook-Zugang zu sehen sein. Ein großer Teil der Daten ist nichtöffentlich und entzieht sich damit normalerweise dem Zugriff der neugierigen Forscher. Die meisten Social-Media-Analysen beruhen deshalb auf dem, was offensichtlich ist.

Nur wenige Facebook-Nutzer posten öffentlich

Doch die Frage ist: „Gibt es systematische Unterschiede zwischen öffentlichen und nichtöffentlichen Beiträgen?“ Wenn das so ist, sind alle Aussagen auf der Basis des öffentlichen Bereichs von Facebook mit Vorsicht zu genießen. Womit auch schon die Forschungsfrage einer aktuellen Studie (via) genannt ist.

Eine Gruppe von jungen Wissenschaftlern unter anderem von der University of Colorado in Boulder und dem Georgia Institute of Technology in Atlanta haben Facebook-Nutzer dazu aufgefordert, ihre sechs letzten Beiträge für eine wissenschaftliche Untersuchung zur Verfügung zu stellen, inklusive demographischer Informationen. Auf diese Weise ist ein Datensatz mit etwa 11.000 Facebook-Postings aller Art zustande gekommen, der von dem Forscherteam untersucht worden ist.

Die Studie hat ein paar sehr interessante Ergebnisse ergeben, die von den Autoren so nicht erwartet wurden. Auffällig ist zum Beispiel, dass lediglich ein gutes Viertel der Beiträge vollständig öffentlich sind. Die Mehrheit aller Beiträge sind lediglich für Freunde sichtbar und nur eine Minderheit nutzt die Feineinstellungen der Posts. Viele Nutzer setzen außerdem die Standardeinstellung für alle Facebook-Beiträge ein.

Wenn man Facebook-Nutzer fragt, sind sie vor allem über den Datenschutz bei intimen und emotionalen Inhalten besorgt. Doch das in der Studie sichtbare Verhalten spricht eine andere Sprache: Der Inhalt der Beiträge hatte keinen besonderen Einfluss auf die Datenschutzeinstellungen. Wer vorwiegend öffentlich schreibt, macht dies auch bei sehr persönlichen Beiträgen. Wer nur für Freunde schreibt, bewertet auch hier nicht die Einträge und macht einzelne, möglicherweise allgemein interessante Beiträge nicht öffentlich.

Das sichtbare Facebook ist eine verzerrte Welt

Stattdessen ergab die Studie einen Zusammenhang mit dem Alter und dem Geschlecht. So tendierten Frauen stärker dazu, ausschließlich Beiträge für ihre Freunde zu schreiben. Eine andere Auffälligkeit: Ältere Nutzer ab 65 Jahren neigen eher dazu, alles öffentlich zu machen. Diese Zusammenhänge sind interessant für die Marktforschung und sollten bei der Ableitung von Aussagen aus Facebook-Daten zur Vorsicht mahnen.

Zugespitzt bedeutet das: Die öffentlich zugänglichen Beiträge auf Facebook spiegeln mehr die Lebenswelt älterer Männer wieder als die von jüngeren Frauen. Und das lediglich der kleinere Teil von Facebook öffentlich ist, sollte Big-Data-Evangelisten von allzu weitreichenden Aussagen abhalten. Das öffentlich sichtbare Facebook entspricht nicht dem privaten der Freundeskreise. Es ist „biased“, wie die Soziologen sagen und gibt nur eine unbekannt stark verzerrte Sicht auf Social-Media-Realität preis. Darüber hinaus haben die Probanden der Studie ihre Facebook-Beiträge freiwillig und wissentlich ausgewählt, sodass auch hier eine Verzerrung möglich ist.

Die einzelnen Studienergebnisse harren allerdings noch der Erklärung und ähnliche Forschungen mit umfassenderen Fragestellungen wären notwendig. Es ist zwar naheliegend ist, eine Verlagerung des „Datenschutzes“ auf Selbstzensur zu vermuten, doch die Daten geben das nicht her. Es gibt also noch viel zu tun für die Facebook-Forschung, weit ab von vorschnellen und kurzschlüssigen Ableitungen. Es wird deutlich, soziale Netzwerke nicht das Big-Data-Paradies ist, für das viele es halten.

Bildquelle: Thinkstock

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