08.05.2017 Zögerlicher Einsatz mobiler Anwendungen

Business-Apps in der Logistik

Von: Lea Sommerhäuser

In einer Studie fanden die Duale Hochschule Baden-Württemberg und der IT-Anbieter AEB heraus, dass das Interesse an Business-Apps in der Logistik zwar hoch sind, bislang werden sie aber nur bedingt eingesetzt. Dr. Ulrich Lison, Portfoliomanager und Mitglied der Geschäftsführung der AEB GmbH, berichtet über die Hintergründe.

Dr. Ulrich Lison, AEB

„Wir befinden uns derzeit in einer Phase, in der Unternehmen immer besser verstehen, welche Potentiale in der mobilen Verfügbarkeit von Daten schlummern", berichtet Ulrich Lison von AEB.

Herr Lison, was verbirgt sich hinter der „Global Trade Management Agenda“?
Ulrich Lison:
Wir haben festgestellt, dass es im Umfeld Logistik und Supply Chain Management (SCM) zwar viele Studien und Marktanalysen gibt, doch keine, die sich spezifisch der Schnittstelle von SCM und Global Trade Management widmet – ein Gebiet, auf dem wir seit vielen Jahren aktiv sind. Deshalb haben wir in Zusammenarbeit mit der DHBW unter dem Namen „Global Trade Management Agenda“ eine eigene Studienreihe eingeführt, um die Entwicklungen im Markt und bei unseren Kunden noch besser zu verstehen.

Wie kam die Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und Prof. Dr. Dirk Hartel zustande?
Lison:
Wir kooperieren mit diversen Hochschulen, Universitäten und Verbänden – und im Rahmen dieser Aktivitäten besteht auch schon seit vielen Jahren die Nähe zur DHBW Stuttgart. Ich selbst bin ein Ex-DHBWler – zu jener Zeit hieß sie allerdings noch Berufsakademie – und halte dieser Tage Vorlesungen für DHBW-Studenten. Im Rahmen der Zusammenarbeit entstand schließlich die Idee, mit dem Studiengangsleiter für BWL-DLM-Logistikmanagement, Prof. Dr. Dirk Hartel, gemeinsam die Studie ins Leben zu rufen.

Worum geht es in Ihren Vorlesungen?
Lison:
Der Schwerpunkt ist auch hier die Schnittstelle von Logistik und Außenwirtschaft. Wir stellen fest, dass im logistischen Umfeld in Sachen „Forschung & Lehre“ oft viele Dinge des Außenhandels sehr kurz kommen, insbesondere die der zollrechtlichen und compliance-bezogenen Betrachtungen. Mittlerweile pflegen wir nicht nur an der DHBW, sondern auch z.B. an der Hochschule in Ludwigshafen enge Kooperationen, bei denen wir unser Wissen und unsere Kompetenz miteinbringen und an die Studierenden weiterreichen.

Im Rahmen der jüngsten Studie wurde die Rolle von Apps in der Logistik, im Supply Chain Management und im Außenhandel untersucht. Was können mobile Applikationen grundsätzlich in der Logistik leisten?
Lison:
Potentiale sehen die Unternehmen laut der Studie bei der Steuerung und Überwachung von Prozessen sowie immer dann, wenn es um Fachinformationen geht. Das ist auch naheliegend, denn hier ist die Integration und Nutzung einer entsprechenden App weniger komplex. Schließlich geht es nur darum, mobil entsprechende Informationen verfügbar zu halten. Diesen Aufgaben widmen sich insbesondere die Logistikunternehmen, etwa Paketdienste. Sie bieten ihren Kunden entsprechende Services an und informieren beispielsweise, wann ein Paket zugestellt wird. Klassische Industrieunternehmen verbinden indes noch viele Aufgaben mit Arbeitsplatz- bzw. Desktop-Anwendungen.

Warum?
Lison:
Es macht in der Regel keinen Sinn, eine typische Execution-Anwendung, bei der ein Vielzahl an Daten zu prüfen bzw. einzugeben sind,  auf dem Tablet oder Smartphone zu nutzen. Es würde ja auch niemand auf die Idee kommen, eine Seminararbeit auf dem Handy zu schreiben. An dieser Stelle braucht es einfach nach wie vor die klassische Desktop-Anwendung. Eine Überweisung via Tablet oder Smartphone zu tätigen, ist dagegen heute schon eine sinnvolle Alternative.

Laut der Studie zögern allerdings noch viele Unternehmen, auf Business-Apps zurückzugreifen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Lison:
Wir befinden uns derzeit in einer Phase, in der Unternehmen immer besser verstehen, welche Potentiale in der mobilen Verfügbarkeit von Daten schlummern. Die entsprechende Transformation, die letztlich Bestandteil der Digitalisierungsstrategie ist, nehmen sie nun nach und nach vor. Es kommt vielleicht „erschwerend“ hinzu, dass die Unternehmen am Markt bzw. in der Praxis noch nicht genügend Business-Anwendungen sehen. Aber letztlich stehen wir am Anfang einer Entwicklung, die Dynamik wird weiter zunehmen. Wir müssen uns und den Unternehmen einfach noch Zeit geben, die digitale Transformation mit entsprechenden Business-Apps auf den Weg zu bringen.

Gibt es regionale Unterschiede hinsichtlich des Interesses an Business-Apps?
Lison:
Bei der Studie lag unser Fokus auf Deutschland, knapp die Hälfte der Teilnehmer kam aber nicht aus dem deutschsprachigen Raum, u.a. etwa aus UK, Niederlande, USA und Singapur. In einer ersten Analyse konnten wir allerdings keine großen regionalen Unterschiede in Sachen Potentiale, Herangehensweise und Einschätzung der Apps insgesamt feststellen.

Dafür wurde in der Studie festgestellt, dass insbesondere Mitarbeiter ohne Führungsfunktion den mobilen Anwendungen noch skeptisch gegenüber stehen. Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Lison:
Wenn Unternehmen in das Thema „Business-Apps“ einsteigen, hat dies oftmals einen innovativen Charakter. Wie erwähnt, geht es den Unternehmen vor allem darum, Prozesse über Business-Apps zu überwachen und zu steuern. In der Regel betreffen diese Aufgaben ein bestimmtes Management-Level. Diese Gruppe sammelt oftmals sehr positive Erfahrungen mit den Business-Apps. Anders herum formuliert: Die eher arbeitsplatzorientierten Mitarbeiter besitzen noch nicht den Erfahrungshorizont und sind etwas zurückhaltender als Menschen, die schon entsprechende Erfahrungen mit Business-Apps und der mobilen Verfügbarkeit sammeln konnten.

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Ist dies nicht ein Stück weit auch eine Generationsfrage?
Lison:
Spontan würde man sagen: vermutlich ja. Wir stellten in der Studie fest: eher nein. Hinsichtlich der Akzeptanz, Verbreitung entsprechender Devices und Nutzungsgrade von Apps ist es im Wesentlichen keine Frage der Generation.

Welche Risiken bergen die „kleinen Helfer“?
Lison:
Zum einen ist es die Sorge, dass man durch die ständige Erreichbarkeit und das Eintreffen von Informationen schnell abgelenkt wird und dadurch ineffizient ist. Das kennen wir vielleicht auch aus dem eigenen Arbeitsalltag. Zum anderen betrifft es die Trennung zwischen „beruflich“ und „privat“. Geht diese verloren? Das technische Equipment kommt oftmals von den Unternehmen und die Devices werden beruflich und privat gleichermaßen genutzt. Das sehen die Befragten als Gefahr an.

Mit welchem Aufwand ist die Einführung von Business-Apps grundsätzlich verbunden?
Lison:
Die klassische Herangehensweise in IT-Projekten verliert an Bedeutung. Unternehmen möchten oftmals nicht mehr umfassend in eine Software-Auswahl einsteigen, sie möchten sich keine Gedanken darüber machen, wie die Systeme betrieben und die Mitarbeiter geschult werden. Sie möchten nicht wissen, wie ein Change-Management und die Wartung funktionieren. Die Anwendungen müssen einfach verfügbar und laufend aktuell sein – also einfach funktionieren. Die Unternehmen pflegen bei der Einführung von Business-Apps im Grunde dieselben Erwartungshaltungen wie im Consumer-Umfeld.

Welche Faktoren machen den Erfolg einer Business-App aus?
Lison:
Dazu gehören Dinge wie Self-Service, Verfügbarkeit, Plattformunabhängigkeit und Collaboration, doch letztlich sind Business-Apps nur dann im Unternehmen erfolgreich, wenn sie Bestandteil der Digitalisierungsstrategie sind.

Inwieweit werden Business-Apps in der Logistik anno 2017 zum Wettbewerbsfaktor?
Lison:
Mir fällt es momentan schwer, dies an einem Datum festzumachen. In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir eine starke Wachstumsphase der Business-Apps in unserem thematischen Umfeld – dem Bereich Logistik und Außenhandel – erfahren. Laut der Studie stehen viele Unternehmen zwar noch am Anfang, sprich der Verbreitungsgrad ist noch nicht so hoch, doch sehen sie den Wettbewerbsvorteil und das Potential der Apps. Daher wollen sie hier in den nächsten Jahren und auch konkret in diesem Jahr investieren.


Dr. Ulrich Lison
... ist Portfoliomanager und Mitglied der Geschäftsleitung bei der AEB GmbH und u.a. für die Bereiche Außenwirtschaft, Risk-Management und internationale Zollverfahren zuständig. Neben seiner Tätigkeit bei AEB ist Lison in unterschiedlichen Organisationen als Berater und Referent tätig, u.a. als Fachkoordinator IT der Außenwirtschaftsrunde e.V. Er ist Autor zahlreicher Fachbeiträge und hält regelmäßig Vorträge und Vorlesungen zu Supply-Chain- und Außenwirtschaftsthemen.


AEB GmbH
Seit mehr als 35 Jahren optimiert die AEB GmbH mit ihrer Software Außenwirtschafts- und Logistikprozesse in Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung. Die Lösungen unterstützen mittlerweile über 5.000 Kunden bei Aufgaben rund um Transport- und Warehouse-Management, Zollabwicklung sowie Trade-Compliance-Management sorgen für mehr Transparenz in der Lieferkette. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Stuttgart und ist national und international an 16 Standorten vertreten.

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