08.09.2017 Longreads für das Wochenende

Codeknacker, Mathematiker und Skeptiker

Von: Ingo Steinhaus

Das Voynich-Manuskript ist vielleicht entschlüsselt, das P-NP-Problem leider doch nicht gelöst und auch Skeptiker können irren.

Foliant aus dem Mittelalter

Foliant aus dem Mittelalter

Die berühmte Voynich-Handschrift gilt (galt?) als mysteriös, da sie in einer unbekannten Schrift und Sprache verfasst ist. Nicholas Gibbs, nach eigener Auskunft ein Experte für mittelalterliche Medizin-Handschriften, meint, dass die Schrift kein kryptographischer Code ist, sondern eine Folge von lateinischen Ligaturen und Abkürzungen - also eine Art Kurzschrift, bei der einzelne Zeichen für Silben oder ganze Wörter stehen. Inhalt des Manuskripts sind nach Ansicht von Gibbs medizinische Texte speziell für die Behandlung von Frauen. Das klingt nicht unlogisch, bestehen die Abbildungen des Manuskripts doch zu einem großen Teil aus Bildern von (Heil-)Pflanzen und badenden Frauen. Damit reiht sich Gibbs in die Reihe der Voynich-Entschlüsseler ein, die jedoch bisher alle gescheitert sind. Ist ihm jetzt die Lösung gelungen? Eines ist auf jeden Fall klar: Die Gemeinde der Voynich-Forscher wird losziehen und versuchen, die Gibbs-Hypothese zu widerlegen. Vielleicht gelingt es auch ja jemandem, die Person von Nicholas Gibbs dingfest zu machen, denn er ist im Internet sonst nicht zu finden - eine Seltsamkeit in diesen Zeiten.

Nicht mysteriös, aber ebenso spektakulär ist die Sache mit dem P-NP-Problem. Vor ein paar Wochen hat der Bonner Mathematiker Norbert Blum eine Lösung für dieses Problem veröffentlicht. Genauer gesagt: Er hat einen Beweis dafür veröffentlicht, dass P ungleich NP ist. Das hat natürlich alle möglichen Mathematiker auf den Plan gerufen, diesen Beweis zu prüfen und zu versuchen, ihn zu widerlegen. Und? Mission gelungen. So funktioniert Wissenschaft.

Bei allen Arten von spektakulären Beweisen, Entdeckungen und Erklärungen ist Skepsis angebracht. Dies gilt auch für etwas, was in Juristenkreisen gerne als "herrschende Meinung" bezeichnet wird. Also: Wenn 97 Prozent aller Veröffentlichungen in einer Fachrichtung einer bestimmten Erklärung zustimmen, ist sie nicht deshalb schon richtig. Umgekehrt gilt das aber auch. Gegen den Mainstream zu sein, bedeutet nicht recht zu haben - auch die ungefähr drei Prozent der wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die die Hypothese vom menschengemachten Klimawandel ablehnen, müssen sich der Kritik stellen.

Zum Schluss noch eine vossianische Antonomasie: Smalltalk ist der Nikola Tesla der IT-Branche.

Bildquelle: Thinkstock

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