30 Jahre Bildschirmtext

Das deutsche Protointernet (das niemand nutzen wollte)

Bei Bildschirmtext war der Nutzer ein Gebührenzahler. Unsere französischen Nachbarn haben es anders gesehen und waren mit Minitel erfolgreicher.

Wie man einen Misserfolg plant, lässt sich an der Geschichte des 1983 eingeführten Onlinedienstes “Bildschirmtext (Btx)” ablesen. Diese Technik wurde erstmals in Großbritannien entwickelt, Anfang der 1970er Jahre. Zu dieser Zeit waren Computer so leistungsfähig, das ein Versand von Informationen an viele Adressaten gleichzeitig möglich schien.

Das britische Konzept sah eine Gliederung der Infos in Seiten vor und interaktive Elemente zur Eingabe oder Auswahl von Daten. Verglichen mit dem frühen Internet jener Jahre (das noch Arpanet hieß) war das Konzept extrem fortschrittlich und erinnert an die Möglichkeiten des World Wide Web.

Der britische Dienst Prestel, der deutsche Bildschirmtext und das französische Minitel waren drei bekannte Umsetzungen dieser Ideen. 1983 eingeführt, bot Btx einige interessante Dienste: Die Nutzer konnten Bankgeschäfte erledigen, Flüge buchen, Versandhauskataloge anschauen, die Fahrpläne der Bahn einsehen und Kurznachrichten von FAZ oder Handelsblatt lesen. Zudem gab es Mitteilungen an andere Nutzer, die die pro Seite 30 Pfennig kosteten und Chat-Anwendungen.

Anders als im heutigen Internet war Btx mit einer praktischen Möglichkeit für die Bezahlung von Inhalten verbunden: Die Anbieter konnten eine seitenabhängige (0,01 - 9,99 DM) oder eine zeitabhängige (0,01 - 1,30 DM pro Minute) Gebühr fordern. Die Kosten wurden über die Telefonrechnung der Nutzer abgerechnet. Damit war die Nutzung von gebührenpflichtigen Diensten relativ einfach.

Leider war das deutsche Internet erfolglos: Statt der erhofften eine Million Anwender gab es 1986 erst rund 60.000 Nutzer. Zum Erfolg wurde das System nie. Größeren Zuspruch erhielt es erst, als Btx 1995 mit E-Mail und Internet-Zugang verknüpft wurde und auf Computern genutzt werden konnte.

Das Hauptproblem des Dienstes waren seine hohen Kosten. So gab es neben einer zusätzlichen Btx-Grundgebühr vor allem Kosten für das Kaufen oder Mieten der notwendigen Hardware. Ein Blick ins Nachbarland Frankreich zeigt, wie ein Erfolg funktioniert: Die französische Post erlaubte zwar nur den Minitel-Zugang über spezielle Terminals, gab die Geräte aber kostenlos ab.

Seit 1983 war das landesweite Telefonbuch via Minitel kostenlos verfügbar. Die Kunden der französischen Post konnten statt des Telefonbuchs auch ein kostenloses Minitel-Terminal anfordern. Der Erfolg dieser Strategie: Vier Millionen Anwender bis 1990, 25 Millionen bis zum Jahr 2000. Zeitweise beliefen sich die Umsätze via Minitel auf umgerechnet eine Milliarde Euro pro Jahr. Erst 2012 wurde das System komplett eingestellt, da es vom Internet verdrängt wurde - nur noch 400.000 Haushalte nutzten Minitel.

Der Unterschied zwischen beiden Systemen: Die französische Post hat frühzeitig darauf gesetzt, durch kostenlose Geräte und Gratisdienste Nutzer anzulocken. Anschließend wird mit den Nutzern Geld verdient, über Services wie Banking, Buchung von Flug- und Bahntickets, Aktienkauf und Online-Bestellungen.

Anders ausgedrückt: Die Franzosen haben die Nutzer nicht als eigentlichen Kunden gesehen, sondern als Ressource, die überhaupt erst das Geldverdienen möglich machte. Bei der “Gebührenmentalität” der Deutschen Bundespost sind die Kosten einfach breit über alle Beteiligten gestreut worden. Für “normale” Anwender war das System zu teuer und damit unattraktiv.

Bildquelle: Petra Bork / pixelio.de

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