Noch nicht weg vom Fenster: BlackBerry
Das "Wallstreet Journal" macht gerne Meinung und oft auch Politik. Da will sein Blogableger "All Things Digital" (ATD) über die IT-Branche nicht nachstehen. Im Fall Leo Apotheker konnte die Redaktion bereits mit dem richtigen Artikel zur richtigen Zeit Personalpolitik machen. Jetzt scheint RIM, der im Moment etwas verschwitzt wirkende BlackBerry-Hersteller, ein hinreichend leichtes Opfer zu sein.
Die Fakten: Research in Motion, die kanadischen Erfinder des klassischen Manager-Tools BlackBerry, haben Probleme. Wie andere Hersteller sind sie zu spät auf den Touchscreen-Zug aufgesprungen und haben sich zu sehr auf angestammte Produkte und Märkte verlassen. Die Folge: Der Aktienkurs sinkt deutlich.
Die Gegenreaktion (moderne Smartphones, verbesserte Systemsoftware, mehr Apps) konnte bisher noch nicht wirken und ist nicht ganz problemlos. So ist es auch RIM nicht gelungen, dem iPad etwas entgegenzustellen. Leider bewahrheitete sich zu allem Überfluss auch noch Murphy's Law: Mitte Oktober war das abgesicherte Blackberry-Netz, über das Privatkunden ihre Mails erhalten, ganze drei Tage lang gestört - die BlackBerrys waren damit praktisch nutzlos geworden.
Wer wissen will, wie man eine dramatische Situation noch weiter dramatisiert ("Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern", empfahl MGM-Gründer Louis B. Mayer seinen Autoren), der sollte auf ATD Artikel über RIM suchen.
Da wird jede Meldung ausführlich zelebriert und mit etwas Spin nach unten versehen. Verzögerung beim neuen OS? Brutal downgrade. Der Aktienkurs sinkt? Bad things getting worse. BlackBerry-Kunden bleiben (nicht?) bei der Stange? Selling point tarnished. RIM gewinnt gegen den Trend einen Großinvestor? Waiting for merger.
OK, geschenkt, ATD ist witzig und bissig. Wir Journalisten sollten so sein. Wir sollten den ganzen Tag lang mit Kraft wider die Stachel des Opportunismus und der Langeweile löcken. Aber eine Gegenprobe zeigt: Beim "Batterygate" von Apple ist ATD merkwürdig zahnlos und schafft es kaum, mehr als die offizielle Pressemeldungsprosa zu rekapitulieren.
Was hätte man aus dieser "Apfel ohne Saft"-Vorlage alles machen können... Jetzt fehlt nur noch ein Schelm, der sich etwas dabei denkt.
Bildquelle: Olga Meier-Sander / pixelio.de