11.01.2017 Das doppelte IoT

Das Internet des Murkses und der Industrie

Von: Ingo Steinhaus

Das Internet der Dinge setzt sich bei industriellen Anwendungen durch, bei den Heimanwendern ist allerdings noch viel Überzeugungsarbeit nötig.

Das Internet of Things ist seit gut 20 Jahren im Gespräch und seine unterschiedlichen Elemente finden sich im Gartner-Hypecycle noch im steilen Anstieg. Wearables, Connected Homes, IoT-Plattformen und vieles mehr sind also ein richtiger Hype. Da ist es ganz interessant, zwischen den Jahren mal mit normalen Menschen zu reden - also solchen, die HiTec-News nicht auf ihrer Apple Watch lesen.

Internet of Useless Things

Kurz und gut: Kaum jemand außerhalb der Techie-Szene kennt das Internet der Dinge und das hat sogar einen Grund, denn es gibt nur wenige wirklich sinnvolle Anwendungen dafür. Erfolgreich ist das IoT lediglich in der Nische, unter anderem bei Selbstoptimierern und Sportfreaks: Fitness-Armbänder und vergleichbare Geräte verkaufen sich in diesen Szenen recht gut. Ein weiterer Bereich, der allerdings erst langsam wächst, ist das Connected Car. Die meisten Lösungen sind noch nicht Massenmarkt angekommen und finden sich lediglich in der meist als Firmenwagen genutzten Oberklasse.

Auch die Zahl der Smart-Home-Anwender ist bislang gering, denn viele Lösungen erfordern größere Umbauten und eignen sich ohnehin nur für Hausbesitzer und Bauherren. Einige weitere Lösungen haben zwar ebenfalls einen gewissen Erfolg, betreffen aber stark abgegrenzte professionelle Einsatzbereiche, etwa IoT-Geräte für die Gesundheitsüberwachung oder intelligente Stromzähler.

Darüber hinaus gibt es wahnsinnig viele Spielereien und schrägen Murks. Beispiele finden sich zuhauf in den Meldungen des Twitter-Accounts Internet of Shit. Sein Motto: „Warum nicht einfach einen Chip einbauen?“ Es steht für die Versuche von Unternehmen, immer billiger werdende Sensoren und Single-Chip-Computer auch noch auf die sinnloseste Weise zu nutzen.

Getränkeflaschen mit Selfie-Funktion oder Grillreiniger, die wie ein Staubsaugerroboter über den Rost fahren, gehören eindeutig in die Gaga-Abteilung des Kapitalismus. Doch auch scheinbar ernsthafte Anwendungen sind fragwürdig, da sie vorhandenen Geräten nichts Neues und Nutzwertiges hinzufügen. So gibt es zum Beispiel IoT-Toaster, bei denen der Bräunungsgrad des Brotes per Smartphone gesteuert werden kann oder Kaffeemaschinen, die mit einer App einzuschalten sind. Wer‘s mag …

Manche Gadgets für Heimanwender werden auch zur Sicherheitsfalle, etwa die vor einiger Zeit von verschiedenen Discountern ausgelieferten IP-Kameras. Sie waren ab Werk so konfiguriert, dass sie ohne Kennwort frei im Internet zugänglich waren. Ein typisches Problem von unvollkommen designten IoT-Geräten, bei denen die technischen Fähigkeiten der ins Auge gefassten Konsumenten nicht bedacht wurden.

Doch das ist nicht alles. Das IoT ist noch nicht tot, wie bereits die ersten Auguren angesichts des Shitty-Product-Netzes meinen. Denn es gibt noch ein zweites Internet of Things und das ist das Netz der industriellen und gewerblichen Dinge. Anders als im B2C-Sektor geht es hier ernsthaft zu und viele Lösungen mit Computing-Fähigkeit und Netzanschluss sind mehr als sinnvoll.

Industrielles Internet mit echten Anwendungen

Im Geschäftskundenmarkt herrschen Pragmatismus und die Überzeugung, dass es tatsächlich sinnvolle Anwendungsbereiche für das IoT gibt. So setzen sich beispielsweise Augmented-Reality-Anwendungen in der Logistik langsam aber sicher durch. Die Beschäftigten werden dabei mit einer AR-Brille ausgestattet, die Arbeitsanweisungen einblendet und somit die Kommissionierung beschleunigen. DHL beispielsweise testet diese Möglichkeiten.

Klassiker im industriellen Internet der Dinge ist „Predictive Maintenance“. Auf Deutsch: Vorausschauende Wartung. Hierbei es geht einfach darum, über Sensorik und Übertragung von Monitoring-Daten Probleme in Maschinen und Anlagen frühzeitig zu erkennen - also dann, wenn sie sich erst anbahnen und nicht, wenn es schon zu spät ist. Dabei gehört ThyssenKrupp Elevator zu den Vorreitern, außerdem beim Einsatz der „Mixed-Reality“-Brille Microsoft HoloLens.

Ein cloudbasiertes Anlagen-Überwachungssystem entwickelt meldet potentielle Störungen frühzeitig. Dann wird ein Monteur zum Kunden geschickt, der mit HoloLens Zugang zu allen technischen Informationen des Aufzugs erhält - mit dem Vorteil, jederzeit beide Hände frei zu haben. Ein anderes Beispiel: Der Traditionshersteller Class hat sein gesamtes Produktspektrum auf Vernetzung und Cloud umgestellt und wandelt sich mehr und mehr vom Landmaschinenanbieter zu einer Art „Apple für Farmer“. So ist beispielsweise die GPS-Anbindung und weitgehende Autonomie bei allen Landmaschinen und Traktoren inzwischen Standard.

In der Logistik verbreitet sich zunehmend smarte Container. Sie erleichtern die Kontrolle über Aufenthaltsort und Zustand des Frachtguts. Und das Berliner Startup Orderbird hat ein Kassensystem für die Gastronomie entwickelt, das auf einer iPad-App basiert. Die moderne Software mit allen nur denkbaren Funktionen hat gegenüber der Konkurrenz einen eindeutigen Vorteil: Es müssen keine Spezialkassen gekauft werden.

Diese Beispiele zeigen deutlich, dass sich das Internet der Dinge im gewerblichen und industriellen Bereich verbreitet, da es dort die Vorteile von Vernetzung und Embedded Computing ausspielen kann. Zwar haben viele Anwendungen keinen großen Hipness-Faktor, aber sie sind für die Unternehmen nützlich und werden sich deshalb in vielen Bereichen weiterverbreiten.

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