19.06.2017 Vernetzte Gesundheit

„Datensicherheit muss zum Standard werden“

Von: Lea Sommerhäuser

Interview mit Moritz Diekmann, Geschäftsführer von Telefónica Next, über den Einfluss der Digitalisierung auf das Gesundheitswesen und wie Patienten die Hoheit über ihre Daten behalten

Moritz Diekmann, Telefónica Next

Moritz Diekmann, Geschäftsführer von Telefónica Next

Herr Diekmann, inwieweit hat die Digitalisierung bereits das Gesundheitswesen „umgekrempelt“?
Moritz Diekmann:
Schon heute kann Digitalisierung helfen, unser Leben zu verbessern und unsere Gesundheit zu schützen. Es gibt eine hohe Akzeptanz und auch Zahlungsbereitschaft für Lösungen rund um Pflege und längere Unabhängigkeit für ältere Menschen. Das gilt nicht nur für Digital Natives, sondern auch für Senioren, denen die eigene Unabhängigkeit wichtig ist. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion im Telefónica Basecamp hat es Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe neulich auf den Punkt gebracht: „Die Menschen erwarten zu Recht eine bestmögliche medizinische Versorgung. Deswegen müssen wir Datenschätze heben.“

Welche Rolle spielen hierbei Smart Devices und Datenanalysen?
Diekmann:
Nehmen wir z.B. den Wunsch vieler älterer Menschen, länger im eigenen Zuhause zu leben: Notfallbuttons werden schon häufig genutzt – ob über den Arzt oder die Krankenkasse bezogen oder einfach nur von den Kindern der älteren Menschen gekauft. Viel klüger wäre die Anwendung solcher Alarmsysteme, wenn ein solcher Button über eine Plattform wie Geeny.io mit einer smarten Steckdose vernetzt wäre. So könnte der Alarm auch dann auslösen, wenn der Senior aus dem Haus gegangen ist, aber den Ofen angelassen hat. Daraus könnten Kinder und Betreuungspersonen Benachrichtigungsregeln erstellen. Aus nur zwei Anwendungen wird hier schon ein lösungsorientiertes Angebot für ältere Menschen. Wenn man nun z.B. einen Erinnerungsservice für die Einnahme von Medikamenten hinzunimmt oder den Zugriff auf Daten und Notrufketten für den Hausarzt oder den häuslichen Pflegedienst freigibt, so können wir hier unter dem Stichwort „Assisted Elderly Living“ ganz pragmatisch ein Ökosystem von Lösungen zur Unterstützung häuslicher Pflege aufbauen.

Können Sie konkrete Beispiele nennen, wie Patienten bereits von der digitalen Umstellung und Vernetzung mit mobilen Endgeräten profitieren?
Diekmann:
Smartwatches können heute schon den Puls messen. Für das iPhone gibt es Blutzuckermessgeräte und ein großer Sanitärhersteller hat vor kurzem ein WC vorgestellt, das automatisch die Urinwerte kontrolliert. Und das sind „nur“ Anwendungen für den Privatgebrauch. Verschiedene Fachärzte bekämen ein besseres Bild ihrer Patientin, wenn diese ihnen Zugriff auf Daten von anderen Ärzten oder smarten Geräten zur Verfügung stellen würde. Denken Sie an die Möglichkeiten, die sich in Krankenhäusern oder ganzen Gesundheitssystemen durch Vernetzung von Daten und Diensten ergeben können. Oder an Landärzte, denen Remote-Diagnostik künftig eine bessere und individuellere Versorgung ihrer Patienten ermöglichen kann.

Und wo liegen die Risiken für die Patienten?
Diekmann:
Gerade in der Gesundheitsversorgung und bei der Pflege sind die Chancen der Digitalisierung groß. Zugleich ist die Verantwortung besonders hoch, eben weil das Wohl von Menschen und ihre Privatsphäre unmittelbar betroffen sind. Die Chancen und Verantwortung einer vernetzten Medizin abzuwägen – das ist die Herausforderung, vor der wir als Gesellschaft stehen. Dabei muss uns bewusst sein: Die Grenzen zwischen privater und gesundheitlicher Nutzung verschwimmen zunehmend. Die Realität ist, dass viele Kunden bereits neue Dienste nutzen und bereit sind, dafür Daten zu teilen.

Wer sollte über die erhobenen Gesundheitsdaten verfügen dürfen?
Diekmann:
Unternehmen und Organisationen brauchen einen Mentalitätswechsel: Die Nutzer müssen die Kontrolle über ihre Daten haben. Wenn jemand viele Daten teilen will, ist das in Ordnung. Aber es muss genauso in Ordnung sein, wenig Daten preiszugeben. Unter dieser Prämisse der Datenkontrolle können Unternehmen heute direkt anfangen, Lösungen zu entwickeln, die auf Gesundheitsdaten basieren. Dafür muss man nicht auf die Politik oder Versicherungen warten.

Wie kann gewährleistet werden, dass Patienten wirklich die Datenhoheit behalten?
Diekmann:
Datensicherheit muss zum Standard werden. Was Unternehmen zusätzlich leisten müssen, ist Datentransparenz: Kunden müssen verstehen, welche Daten gespeichert werden und wer diese Daten wie nutzen darf. Das beinhaltet auch, Freigaben zu widerrufen oder Gesundheitsdaten zu löschen. Und wie eben schon gesagt: Das Teilen von gesundheitsrelevanten Daten muss vollkommen freiwillig geschehen. Hier darf unter keinen Umständen Zwang angewendet werden.

Wo sollten Ihrer Ansicht nach im Rahmen der „vernetzten Gesundheit“ Grenzen gesetzt werden?
Diekmann:
Im Mittelpunkt stehen müssen der Nutzen für die Versicherten und die Bedürfnisse der Patienten: hohe Versorgungsqualität, Teilhabe am medizinischen Fortschritt, Selbstbestimmung, Verständlichkeit und Sicherheit. Daran muss sich eine „vernetzte Gesundheit“ ausrichten. Die Grenzen müssen für mich wie folgt gesetzt werden: Niemand darf in seinem Versicherungsschutz benachteiligt werden, wenn er oder sie bestimmte digitale Anwendungen nicht nutzen kann oder will.

Bildquelle: Telefónica Next

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