„Die M2M-Technologie ist da – jetzt gilt es, die Umsetzung in der Industrie gezielt und zeitnah voranzutreiben“, betont Dr. Bettina Horster, Direktorin Mobile im Eco und Vorstandsvorsitzende der Vivai AG.
Frau Dr. Horster, inwiefern ist das Thema „M2M-Kommunikation“ bereits in den Unternehmen angekommen? Wie ist der Stand der Dinge?
Dr. Bettina Horster: Das Thema und die nötige Technologie haben die deutsche Wirtschaft schon erreicht – die Pilotierung von M2M ist inzwischen abgeschlossen. Jetzt gilt es, branchenübergreifende Standards und praxistaugliche Geschäftsmodelle zu entwickeln. Neben dem Optimieren und Einrichten neuer Services steht vor allem eine durchdachte Monetarisierung im Vordergrund. Diese ist durch die vielen Beteiligten nicht so einfach. Unter anderem muss geklärt werden, wem Daten gehören, wer Plattformen betreibt und finanziert.
Für welche Branchen bzw. Unternehmensbereiche ist M2M besonders interessant/relevant und warum?
Horster: M2M ist für alle Bereiche relevant, für die eine Remote-Abfrage oder Steuerung fest installierter oder mobiler Maschinen einen Mehrwert darstellt. Egal, ob Ferndiagnosen im E-Health-Bereich, die Steuerung von Geräten zu Hause oder der Einsatz in der Produktion – die Anwendungsszenarien von M2M sind praktisch unbegrenzt. Wie das aktuelle Pilotprojekt Skolkovo Smart City in Russland, das auf der Hannover Messe vorgestellt wurde, zeigt, ist sogar die komplette Vernetzung ganzer Städte keine Zukunftsmusik mehr.
Welche Anforderungen müssen die Unternehmen erfüllen, um auf M2M setzen zu können?
Horster: Unternehmen müssen sich vor allem die Frage stellen: „Was bringt uns das?“ Die Implementierung von M2M muss sich für den Betrieb lohnen und vom Management und von der Belegschaft kontinuierlich vorangetrieben werden – insbesondere angesichts der erforderlichen Investitionen in Maschinen oder umfangreiche Retrofits. Auch branchenspezifische Fragen – etwa der Einsatz geeigneter und robuster Technik – spielen eine wichtige Rolle.
Wie können die Unternehmen die Kosten im Blick behalten, wenn die Kommunikation der Geräte/Maschinen/Automaten etc. über das Internet bzw. das Mobilfunknetz läuft – teilweise auch über Ländergrenzen hinweg? Welche Tarifmodelle sind im M2M-Bereich üblich?
Horster: Die Mobilfunkbetreiber bieten schon heute globale SIM-Karten an, so dass das internationale Roaming keine Argument mehr ist, warum M2M nicht zum Einsatz kommt. Die meisten Unternehmen wählen eine Flat-Fee-Variante mit spezieller M2M-SIM. Natürlich steht nicht überall ein Netz zur Verfügung. Hier bieten sich Lösungen an, wie das Zwischenspeichern der Daten, das Aufspannen eines temporären WLANs oder auch Satellitenverbindungen. Für die Anbieter von M2M-Lösungen ist es wichtig, dass sie zunächst die SIM-Karte fest verbauen und dann je nach Einsatzgebiet den geeigneten Mobilfunkbetreiber auswählen. Dies kann in Sibirien ein ganz anderer sein als in Chile. SIM-Karten-Hersteller wie Giesecke und Devrient oder Gemalto arbeiten an Lösungen, um sogenannte White-Label-SIMs zu verwalten.
Wie unterscheiden sich M2M-SIM-Karten von den „normalen“ SIM-Karten?
Horster: Man kann jede SIM-Karte für M2M verwenden. Wenn man sich jedoch vorstellt, dass eine SIM-Karte in einem LKW-Trailer zum Teil Beschleunigungen von 10 g aushalten muss und das auch in klirrender Kälte, dann wird klar, warum es verschiedene SIM-Karten-Varianten gibt. Neben den Micro- oder Nano-SIMs gibt es daher die MFF-SIMs. Dieser SIM-Chip-Typus arbeitet zuverlässig selbst bei Temperaturschwankungen von - 40 bis über + 100 Grad Celsius. Er wird fest verlötet und ist damit widerstandsfähiger gegen physikalische Einflüsse. Die feste Integration der MFF-SIM bietet zusätzlich einen Schutz gegen Diebstahl.
Wie kann eine sichere Übertragung der Daten gewährleistet werden (Stichwort: Datenschutz)?
Horster: Durch die Übertragung der Daten mittels Kommunikationsnetzen und die vielfache Anbindung von Cloud-Lösungen sieht sich M2M den gleichen Herausforderungen gegenüber wie andere Kommunikations- und IT-Bereiche. Gleichzeitig wirft M2M neue Datenschutzfragen auf: Zum Beispiel werden die von Connected Cars gesammelten Daten derzeit ungefragt zur Verbesserung von Produkten gesammelt oder gemeldete Staudaten an Dritte verkauft. Angesichts solcher Automatisierungen muss dringend die Frage geklärt werden, wem diese Daten gehören.
Was geschieht bei Störungen der Mobilfunk-/Internetverbindung? Welche weiteren Probleme können auftreten?
Horster: Um Datenverluste bei Störungen zu vermeiden, ist eine Zwischenspeicherung sinnvoll, bis die Verbindung wiederhergestellt ist. Doch die massiven und ungefilterten Datenmengen im M2M-Bereich würden Nutzer und Datenpuffer in vielen Fällen deutlich überfordern. Hier lohnt es sich für Unternehmen, frühzeitig eine klare Auswahl zu treffen, welche Daten wie oft gesammelt werden müssen, welche gleich auf der Maschine ausgewertet werden und welche nach einem Ablaufdatum vernichtet werden können. Es ist wichtig, dass die sowieso schon ausgelasteten Netze nicht zusätzlich mit Datenmüll blockiert werden.
Was werden Ihrer Meinung nach die nächsten Entwicklungsschritte im Bereich „M2M“ sein?
Horster: Große Effizienzsteigerungen lassen sich durch Innovationen der einzelnen Maschinen selbst nicht mehr realisieren. Das Potential liegt vielmehr darin, die Effizienz der Maschinen durch Prozessinnovationen, Optimierungen und gezielte Vernetzung aller beteiligten Akteure zu steigern. Wenn beim Maishäckseln der Abtransport der Ernte vom Feld ins Silo nicht reibungslos funktioniert, weil der LKW etwa noch in der Wiegestation festhängt und die erzwungene Kaffeepause gut und gerne 1.000 Euro pro Stunde kostet, dann wird schnell deutlich, wo erneute Quantensprünge zur Effizienzverbesserung möglich sind. Dafür müssen aber allgemeine und Branchenstandards entwickelt werden, damit sich der Trailer von Krone und der Maishäcksler von Claas beim Ernteprozess abstimmen können. Die M2M-Technologie ist da – jetzt gilt es, die Umsetzung in der Industrie gezielt und zeitnah voranzutreiben. Wenn die deutsche Wirtschaft im Maschinenbau und Export an der Weltspitze bleiben will, darf sie den Trend nicht verpassen: M2M wird in naher Zukunft kein nice-to-have, sondern ein must-have sein.