09.06.2017 Menschenähnliche Roboter

Der ideale Roboter ist harmlos und niedlich

Von: Ingo Steinhaus

Boston Dynamics arbeitet an humanoiden Robotern. Die wirken oft etwas unheimlich und sind vielleicht schwer zu vermarkten.

Sieht aus wie ein T-0.99, ist aber Boston Dynamics Atlas

Boston Dynamics geht nach Japan, aber nicht wie vor etwa einem Jahr gemeldet zu Toyota, sondern zum Technologiekonzern Softbank, der bereits eine Robotik-Tochter hat und kürzlich Schlagzeilen mit der Übernahme des Prozessorherstellers ARM gemacht hat,  der passenderweise vor kurzem einen speziellen KI-Chip angekündigt hat. Zugleich übernehmen die Japaner auch eine zweite, weniger bekannte Robotik-Unternehmung von Google mit dem Namen Schaft. Damit endet eine vergleichsweise lange Suche nach einem Käufer, was bei den Leistungen von Boston Dynamics ungewöhnlich ist.

Das Unternehmen gehört zu den Technologieführern in Robotik und hätte sicher das Produktportfolio so manches Großunternehmens geschmückt. Doch leider waren plausibel klingende Käufer wie Siemens entweder nicht daran interessiert oder sind nicht zum Zuge gekommen. Das sich ausgerechnet japanische Konzerne so intensiv für Robotik interessieren, liegt an einer soziokulturellen Besonderheit: Menschenähnliche Roboter werden in Japan deutlich positiver aufgenommen als im Rest der Welt. Sie sind dort bereits in einigen Bereichen im Alltagseinsatz, beispielsweise in der Alten- und Krankenpflege.

Im Rest der Welt sind viele Leute bei humanoiden Robotern eher skeptisch, auch Google. Nach verschiedenen Berichten war das Management in Mountain View nicht besonders glücklich mit den entwickelten Robotern. Nach der Veröffentlichung eines Videos mit einem recht beeindruckenden Robot gab es auch negative Kommentare mit dem Tenor: Die Roboter übernehmen jetzt alle Jobs. Diese Reaktion ist naheliegend, dem Film ist ein gewisser Gruselfaktor nicht abzusprechen. Durch die Menschenähnlichkeit entsteht beim Betrachter eine größere Identifikation mit dem Gerät und es ist somit leichter vorstellbar, dass die Maschine menschliche Aufgaben übernehmen könnte.

Dabei ist echte (100%ige) Menschenähnlichkeit gar nicht so leicht zu erreichen. Vor allem das menschliche Gesicht ist im Moment nicht realistisch nachzubilden. Mit 43 Muskeln kann ein Mensch hunderte von Gesichtsausdrücken formen und alle Versuche, dies per Technik zu kopieren, sind gescheitert - auch bei Computeranimationen zum Beispiel in Games oder Animes. Zwar sind die animierten Menschen immer realistischer geworden und werden von den Zuschauern als glaubwürdig eingestuft, doch es gibt hierbei eine Grenze.

Der „Uncanny Valley“-Effekt

Bei einer hochrealistischen Darstellung, die aber trotzdem nicht vollständig menschlich wirkt, entsteht der sogenannte „Uncanny Valley“-Effekt. Mit diesem Tal der Unheimlichkeit ist das Absinken der positiven Gefühle gegenüber Animationen gemeint, die immer menschenähnlicher werden. Ganz offensichtlich wirken fast vollständig menschlich aussehende, aber künstlich erzeugte Gesichter auf die Betrachter sehr unheimlich. Der vermutliche Grund: Das menschliche Gehirn ist sehr stark auf das Entziffern von Mimik ausgerichtet, da wir als soziale Wesen die Gefühle der anderen anhand ihres Verhaltens  „lesen“ müssen.

Unbewusst erkennen die meisten Menschen, wenn ein Gesicht trotz technischer Perfektion unecht wirkt. Dieser Effekt kann auch für die Hersteller von humanoiden Robotern zu einem Problem werden - je Menschen ähnlicher, desto großzügiger wirken sie und dürften häufiger negative Reaktionen provozieren. Als Haushaltsroboter sind sie wahrscheinlich ungünstig, dafür wäre ein Vierbeiner wie Spot Mini sicher deutlich besser geeignet.

Aus den Reaktionen von Menschen auf Tiere und technische Geräte lässt sich leicht ableiten, wie ein Haushaltsroboter aussehen müsste, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Verkaufserfolg werden könnte: Er müsste auf den ersten Blick an einen mittelgroßen Hund erinnern und sollte verschiedene Merkmale von „Niedlichkeit“ besitzen, beispielsweise pummelig wirkende Rundungen, die Reaktionen entsprechend des Kindchenschemas bei den Besitzern hervorrufen.

Humanoide Roboter dagegen wirken nicht nur wegen des „Uncanny Valley“-Effekts gruselig. Sie rufen auch Erinnerungen an eine Vielzahl von Hollywood-Kinofilmen ab, in denen sich menschenähnlich wirkende Roboter gegen ihre Schöpfer erheben oder von Megakonzernen und korrupten Regierungen als Mittel der Unterdrückung eingesetzt werden. Wenn es ein Unternehmen schafft, diese beiden Effekte zu vermeiden und einen wirklich praktischen Rohbau zwischen Haushaltshelfer zu entwickeln, dürfte es das Geschäft des Jahrtausends machen.

Bildquelle: Thinkstock

 

 

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