Wann war eigentlich die letzte Innovation bei Desktop-Software? Wann ist zum letzten Mal ein interessantes Programm erschienen, dass jeder begeistert auf dem Rechner installiert hat? Wer aktiv IT-Magazine und Tech-Blogs verfolgt, findet auf diese beiden Fragen nur eine Antwort: Schon lange nicht mehr.
Auch bekannte und bewährte Anwendungen unter Windows werden nicht mehr unbedingt in Richtung “Überraschung’” weiter entwickelt. Teils verzichten die Hersteller sogar - aus welchen Gründen auch immer - auf ein Upgrade zu modernen Funktionen. Ein Beispiel, das etwas ausführlicher geschildert werden soll: Auf meinem Desktop-PC nutze ich schon seit Jahren das Notizzettel-Programm TurboNote+.
Es ist ein wirklich gelungenes und praktisches Hilfsmittel für die Arbeit als Autor und Journalist. An sich könnte ich es jedem empfehlen - es bildet optisch gelungen eine vielfarbige Zettelwirtschaft ab, ist umfassend an den persönlichen Geschmack anzupassen und vom Funktionsumfang her völlig ausreichend.
Das Problem: Es ist konzeptionell veraltet. Zwar wurde und wird es gelegentlich angepasst und erweitert, doch der ganz große Entwicklungssprung fiel aus. Was könnte das sein? Klar: Die Anpassung an die Cloud, an Mobilgeräte und an Windows 8/8.1.
So wäre es schön, die bunten Zettel auch in der Dropbox zu speichern oder mit Evernote zu verknüpfen. TurboNote+ hätte nämlich durchaus das Zeug zu einem schicken, praktikablen Alternativ-Frontend für den Notizblock-Cloudservice. Und wenn der Entwickler schon dabei ist, kann er ja auch gleich eine Touchversion für (The Interface Formerly Known As) Metro mitliefern.
Diese ausführliche Klage ist ein Beispiel für die Probleme, die herkömmliche Software-Unternehmen aus der PC-Ära mit der Entwicklung der letzten fünf bis sieben Jahre haben. Auch die Großen schlagen sich nicht besser. So fällt den meisten Herstellern im Grunde nur ein Weiterdrehen der Featuritis ein: Noch mehr Funktionen in noch mehr Menüoptionen.
Der Trend geht aber längst in die Gegenrichtung - Stichwort ”Distraction Free Working”. Minimalistische und ästhetische Schreibwerkzeuge wie Simplenote, Write.app oder Quip haben es vorgemacht: Beschränkung auf Grundfunktionen, attraktive Nutzeroberfläche und Funktionen für die Teamarbeit bilden einen Art Basiskonsens für moderne Apps.
Die einzelnen Dienste haben dabei trotzdem noch zahlreiche Unterscheidungsmerkmale entwickelt. So ist Simplenote in erster Linie ein digitaler Notizblock, Quip eher ein Office-Texter mit mehr Formatierungsmöglichkeiten. Der Markt für diese Hilfsmittel ist stark in Bewegung, zur Zeit kommen regelmäßig neue Editor-Dienste auf den Markt - zuletzt Draft und Editorially mit dem Schwerpunkt auf Zusammenarbeit.
Auch andere Desktop-Lösungen haben inzwischen leistungsfähige Konkurrenten in der Cloud gefunden. Vor wenigen Tagen ist die neue Version des euphorisch als “Powerpoint-Killer” begrüßten Bunkr an den Start gegangen. Die App und auch die Präsentationen sind komplett in HTML5, so dass sie auf jedem System und in jedem Browser laufen, auch dank der eigenen URL. Die neue Version bringt zusätzliche Bearbeitungsfunktionen, die Bunkr zu einer echten Alternative machen.
Die Aufzählung attraktiver Webapps, die zumeist eigene Mobilapps mitbringen, könnte noch lange weiter gehen. Bildbearbeitungen? Der Foto-Methusalem Pixlr, eine der ersten umfangreicheren Webapps überhaupt. Gliederungen? WorkFlowy und Fargo. Diagramme? Draw.io oder LucidCharts.
Und was machen die großen Hersteller? Stellen von teuren Einzellizenzen auf (in der Summe) sehr teure Abomodelle um. Natürlich unter Hinzufügung von Funktionen, die dem 99:1-Prinzip entsprechen: 99 Prozent aller Kunden sind von den spezialistischen Features überfordert, die das eine Prozent Intensivnutzer mal irgendwann vorgeschlagen hat.
Selbstredend sind die Abomodelle nicht unbedingt aus Kundenbedürfnissen abgeleitet. Sie reagieren eher auf die Tatsache, das zahlreiche Nutzer den ganzen Funktionswahnsinn nicht mehr mitmachen. Sie nutzen oft noch Uraltversionen und sind damit sehr zufrieden.
Selbst wenn die Hersteller den Support-Stecker ziehen, werden viele Anwendungen nicht erneuert. Gewinner sind schicke Webservices, die trotz Sicherheitsbedenken boomen. Immerhin: Einige Hersteller haben das erkannt und rudern heftig zurück.
So bietet Mindjet nun doch wieder eine Desktop-Version an, da die recht üppig bepreiste Aboversion wohl nicht der erhoffte Erfolg war. Auch Microsoft musste mit seinem Office 365 erst einmal lernen, dass die Gleichung “Viele Funktionen = hoher Preis” nicht mehr gilt. Wer für ein paar Euro im Monat eine leistungsfähige Alternative in der Cloud findet, überlegt sich den Einsatz von Funktionsmonstern für das Mehrfache sehr genau.
Desktop-Anwendungen und auch manche Client/Server-Lösung sind in die Sackgasse geraten. Angeflanschte Funktionen mit Buzzwords wie “Collaboration”, “Social” und “Cloud” vergrößern das Problem eher als es zu lösen. So werden die Anwendungen durch jeden Aufrüstungsschritt träger und träger.
Unterdessen sind die flinken Webapps längst hinter dem Horizont verschwunden sind. Und es werden immer mehr, auch für das Business. So kündigt der russische Suchmaschinenriese Yandex ein Webapp-Paket für Unternehmen an, dass mit dem Online-Office Google Apps konkurrieren soll.
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