02.08.2017 In welcher Welt wollen wir leben?

Die digitale Zukunft

Von: Ina Schlücker

Welche Chancen eröffnet Künstliche Intelligenz? Welche Risiken und ethische Herausforderungen birgt sie? Werden uns Roboter über kurz oder lang den Rang ablaufen? Führende Experten diskutieren die digitale Zukunft und ihre Folgen.

  • Die digitale Zukunft

    Die Digitalisierung verändert unseren Alltag derzeit wie kaum eine technologische Entwicklung zuvor.

  • Das Sachbuch greift das zum Jahreswechsel 2015/16 veröffentlichte „Digital-Manifest“ auf und führt die Debatte entlang vielfältiger Themenlinien weiter.

Die Digitalisierung verändert den Alltag derzeit wie kaum eine technologische Entwicklung zuvor. Vor diesem Hintergrund greift ein Sachbuch das zum Jahreswechsel 2015/16 veröffentlichte „Digital-Manifest“ auf und führt die Debatte entlang verschiedener Themenlinien weiter.

Im Vordergrund des Fachtitels steht zunächst das von mehreren internationalen Experten verfasste Digital-Manifest. Dessen Ursprungsgedanke und Inhalte werden ebenso ausführlich erläutert wie die konkreten Forderungen zur Gestaltung der digitalen Zukunft. Unter der Fragestellung „Big Data, Nudging*, Verhaltenssteuerung: Droht uns die Automatisierung der Gesellschaft durch Algorithmen und Künstliche Intelligenz (KI)?“ verstehen die Verfasser ihr Manifest als Appell zur Sicherung von Freiheit und Demokratie. Skizziert wird, wie sich Staaten in Smart Nations verwandeln könnten und Bürger zu rein datengesteuerten Individuen werden.

Dabei fallen Schlagworte wie das in China geplante Punktekonto „Citizen Score“, wo das Surfverhalten des Einzelnen in eine Gesinnungsüberwachung einfließt. Oder Feudalismus 2.0, in dessen Rahmen selbstverantwortliche Bürger zum von „Superintelligenzen“ digital gesteuerten Untertanen mutieren. In einer programmierten Gesellschaft lebten demnach programmierte Bürger. Sie befinden sich in einer von Algorithmen und den dahinterstehenden Software-Konzernen erzeugten „Filter Bubble“. Dort werden sie in einer Art digitalem Gedankengefängnis mit personalisierten Informationen gefüttert. Laut den Autoren könnte dies schlimmstenfalls das Ende von Soziodiversität und damit das Aus jeglicher Kreativität bedeuten: „Big Nudging zielt auf die Gleichschaltung vieler individueller Handlungen und auf eine Manipulation von Sichtweisen und Entscheidungen ab“, heißt es an einer Stelle des Manifests. Am Ende führe dies gar zur Dominanz von totalitären Systemen und Diktaturen.

Ein Ehrenkodex für Nerds

Trotz dieser düster anmutenden Zukunftsprognosen stecken die Autoren den Kopf keineswegs in den Sand, sondern geben verschiedene Handlungsempfehlungen, wie man die Herrschaft von Algorithmen eindämmen könnte. So könnte ein Ehrenkodex für Software-Programmierer, ähnlich dem hippokratischen Eid für Ärzte, diese dazu verpflichten, sensible Daten und Algorithmen nicht zu missbrauchen. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auch auf die auf fünf Grundprinzipien basierende Big-Data-Ethik der Initiative „Data for Humanity“.

Desweiteren fordern die Verfasser des Digital-Manifests, dass der Staat einen geeigneten Regulierungsrahmen schaffe müsse, um die Kompatibilität der Technologien mit der Demokratie zu garantieren. Nicht zuletzt sollte jeder Bürger das Recht auf die Kopie aller gesammelten Daten erhalten. Die Idee der Autoren fußt auf einer persönlichen Daten-Mailbox, in der sämtliche Kopien automatisiert gespeichert werden. Bedenkt man allerdings, dass jeder App-, Mobil- oder Internetnutzer im Sekundentakt zig Datenspuren hinterlässt, wird schnell deutlich, dass sich die schiere Masse der dort auflaufenden Kopien nicht wirklich handhaben lässt.

Deutlich überspitzte Darstellung

Um der Neutralität gerecht zu werden, setzt das Fachbuch den Befürwortern des Digital-Manifests etliche kritische Stimmen entgegen: Das Manifest sei zu einseitig negativ, lautet ein Vorwurf. Es würden vorrangig Negativszenarien angeführt, während positive Entwicklungen und Chancen der Digitalisierung unter den Tisch fielen.

Zudem wird angemerkt, dass die Forschung hinsichtlich Künstlicher Intelligenz und Robotik – und damit auch hinsichtlich der zugrundeliegenden Algorithmen – noch in den Kinderschuhen steckt. So heißt es an einer Stelle: „Selbst die überwiegende Mehrheit der Hauptprotagonisten im Bereich ‚Deep Learning’ schätzt die Entwicklung einer echten Künstlichen Intelligenz (was immer das im Detail heißen mag) in mittelbarer Zukunft als äußerst unwahrscheinlich ein.“ In einem Interview betont denn auch Gerhard Weikum, Direktor am Max-Planck-Institut in Saarbrücken, dass „lernende KI-Systeme keine größere Bedrohung als vernetzte Computersysteme generell darstellen“. Vielmehr handle es sich immer noch um Algorithmen für klar definierte Aufgaben, die ihrer Programmierung folgen. Wie etwa das von der Google-Firma Deep Mind geschaffene System „AlphaGo“, dass im Oktober 2015 erstmals einen Menschen beim fernöstlichen Spiel „Go“ schlagen konnte.

Nach der munteren Diskussion rund um das Digital-Manifest, greifen mehrere Experten im weiteren Verlauf des Sachbuchs diverse Themen rund um die Digitalisierung auf. Dabei findet man neben theoretisch-wissenschaftlichen – und damit eher abgehobenen – Abhandlungen auch Beiträge mit aktuellem Praxisbezug. Hierzu zählen Texte über autonom fahrende Kraftfahrzeuge, über die zunehmend vernetzte Energiewirtschaft oder über die Bemühungen von Großmächten um die Entwicklung autonomer Waffensysteme, sogenannter Killerrobots.

Nicht zuletzt lockern verschiedene Interviews die Materie zusätzlich auf. Interessant ist beispielsweise das Interview mit dem gehörlosen Journalisten und Informatiker Enno Park, der sich selbst, seitdem er ein sogenannten Cochlea-Implantat zur Spracherkennung trägt, als Cyborg bezeichnet.

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* Bei „Digitalem Nudging“ (von englisch to nudge für stupsen) handelt es sich um einen Begriff der Verhaltensökonomie. Damit sollen z.B. Verbraucher zum Kauf animiert werden, indem man ihnen Artikel zeigt, für die sich andere Kunden, die das Produkt gekauft haben, interessieren.

Bildquelle: Thinkstock/iStock

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