Der "Rechenknecht" wurde als webbasierte App konzipiert und komplett mit HTML5 programmiert.
Da immer mehr Nutzer immer mehr Zeit mit ihren mobilen Endgeräten und den darauf installierten Apps verbringen, sind auch die Erwartungen an Bedienung und User Interfaces von Apps gestiegen. Durch den Siegeszug der Smartphones entstand mit der Zeit eine Lücke zwischen der teils schwachen Performance, die mit HTML5 erzielt wurde, und den ruckelfreien, flüssigen Darstellungen, wie sie durch native Programmierung erreicht werden konnten. Bald erkannten einstige HTML5-Vorreiter wie Facebook die Probleme bei Performance und Usability und entwickelten ihre HTML5-Apps komplett neu – als nativ programmierte Applikationen.
Unternehmen, die eine App anbieten möchten, stehen vor der Entscheidung, auf welche Technologie sie setzen sollen. Dabei wird oft nur das technische Pro und Kontra der nativen App-Entwicklung gegenüber der HTML5-basierten Version betrachtet, statt das Thema strategisch anzugehen. Idealerweise ist der erste – und zugleich wichtigste – Schritt der Entscheidungsfindung eine konzeptionelle und inhaltliche Analyse: Welche Anwendungsfälle sollen in der App abgebildet werden? Welche Zielgruppe spreche ich an? Welche User Experience erfüllt den Zweck der App am besten? Mit der Leitidee, die sich aus den Antworten auf diese Fragen ergibt, können erste Proof of Concepts erstellt werden, die zeigen, welche Technologie die Idee unterstützen kann.
Im Hinblick auf die geplanten Anwendungsszenarien sollte abgewogen werden, welche Dynamik der Content und die Funktionalität bieten müssen. HTML5-Techniken empfehlen sich etwa dann, wenn ganze Features zur Laufzeit nachgeladen werden sollen, z.B. interaktive Schaubilder zur Ergänzung von News. Oft benötigen HTML5-Apps auch eine kürzere Entwicklungszeit als die nativen Pendants. Der größte Vorteil von HTML5-Apps ist jedoch die grundsätzliche Lauffähigkeit auf nahezu jeder Plattform. Dies wird dann wichtig, wenn mehrere Plattformen unterstützt werden sollen.
Ebenfalls lohnt es sich, den Blick über den Tellerrand der App hinaus zu richten. So lassen sich bei Unternehmen häufig Synergien erschließen – etwa indem Teile einer mobilen Website als App wiederverwendet und lediglich um App-spezifische Funktionen erweitert werden. Doch ungeachtet der Unterstützung aller gängigen Plattformen – der Anpassungsaufwand für die unterschiedlichen mobilen Betriebssysteme und Versionen sollte immer eingeplant werden. Hier hilft eine genaue Konzeption der Anwendungsstruktur dabei, Sackgassen zu vermeiden. Der Einsatz von HTML5-Frameworks kann da Hilfestellung leisten. Spätestens jetzt sollte auch das umgebende Eco-System der App betrachtet werden: Auf welche Entwicklungsressourcen kann heute und in Zukunft zugegriffen werden? Welche Schnittstellen in das Unternehmensnetzwerk sind nötig? Zu welchen Geschäftsprozessen existieren Abhängigkeiten?
Den Analysten von Gartner zufolge wird 2016 die Hälfte der verfügbaren Apps hybrid sein, d.h. Apps auf Basis von HTML5, ergänzt durch nativ programmierte Funktionen. Diese Einschätzung der Analysten scheint durchaus realistisch, wenn man die schnelle Entwicklung der mobilen Endgeräte betrachtet. Schon jetzt lässt sich auf neuerer Hardware mit HTML5-basierten Apps eine User Experience erreichen, wie sie bisher nur nativen Apps vorbehalten war. Das neue, voll auf HTML5 setzende Firefox OS für Mobilgeräte ist ein Beweis dafür, dass sich selbst mit schwächerer Hardware durch eine optimierte Browser-Engine Apps erstellen lassen, die eine gute Performance bieten.
Die nach dem HTML5-Hype anzutreffende Skepsis ist in Teilen dennoch begründet. Einmal entwickeln, überall einsetzen – dieser Leitspruch funktioniert in der Praxis oft nur bedingt. Der Grund dafür ist meist eine unterschätzte Aufgabenstellung: ein stark fragmentiertes Umfeld mobiler Endgeräte mit stark unterschiedlichen und teils veralteten Softwareständen. Und auch erfahrene Webentwickler müssen sich darüber bewusst sein, dass sich das im stationären Web erworbene Know-how nicht im vollen Umfang auf die Entwicklungen für mobile Endgeräte übertragen lässt.
Trotz der stark gewachsenen Akzeptanz von HTML5 stecken die Entwicklungsumgebungen für Apps noch in den Kinderschuhen. Noch können Programmabstürze oder Darstellungsbugs nicht näher analysiert werden. Performance-Optimierungen können vielfach nur durch die Trial-and-Error-Methode erreicht werden. Hinzu kommt, dass nicht immer sichergestellt ist, dass eine Anpassung auf einem Device das gleiche Ergebnis wie auf einem anderen Endgerät erzielt. Aus heutiger Sicht empfiehlt es sich dennoch, Standardtechnologien dort vorzuziehen, wo sie die Nutzerbedürfnisse erfüllen. In der Mobile-App-Entwicklung ist HTML5 ein solcher Standard, der sich trotz wechselnder Marktführer immer weiterentwickelt hat und weiterhin an Bedeutung gewinnen wird. Unternehmen sind also gut beraten, bei ihrer Entscheidungsfindung HTML5 als Alternative zur nativen App-Entwicklung in Betracht zu ziehen.
Quelle: Arne Bippes, Geschäftsführer der Bippesbrandão GmbH
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