„Wir sind einer der wenigen Multi-OS Anbieter. Aus unserer Sicht gibt es für jedes Betriebssystem Vor- und Nachteile. Daher möchten wir unseren Kunden die freie Wahl lassen“, sagt Martin Börner, Vice President Telecom Division, Samsung Electronics GmbH.
Herr Börner, das mobile Marktsegment ist derzeit stark in Bewegung. Wie bewerten Sie die Situation?
Martin Börner: Nach wie vor sehen wir den ungebremsten Trend vom normalen Feature Phone zum Smartphone. Bei Netzbetreibern beispielsweise besteht das Portfolio zu 70 Prozent aus Smartphones. Auch bei Samsung haben wir unser Angebot dahingehend ausgerichtet, wobei wir das traditionelle Feature-Phone nicht vernachlässigen werden.
In der Vergangenheit gab es auf Herstellerseite noch diverse Segmentierungen, die beispielsweise Trennungen beim Operating System oder beim Design vorsahen. Heute konzentriert sich die ganze Industrie auf Touchscreen-Telefone. Hier ist der Formfaktor mit großen Displays ein Trend. Dazu haben wir kürzlich auf der IFA ein neues Produktformat, das Samsung Galaxy Note, vorgestellt. Mit seinem 5,3 Zoll Display es die perfekte Kombination aus Tab und Smartphone – das „All-in-one“-Produkt. Wir denken, dass genau dieser Trend zu Smartphones und Tablets weiterhin anhalten wird und als Wachstumsmotor für die Branche dient.
Enterprise Mobility ist ein strategisches Thema. Wo stehen die Anwender auf dem Weg zu leistungsfähigen, mobilen Infrastrukturen?
Börner: Enterprise Mobility ist kein neues Thema für uns. Hier sehen wir momentan ebenfalls starke Verschiebungen, auch dank leistungsstarker Hardware. Früher gab es eine klassische Spielweise mit Windows und Intel, diese verändert sich zunehmend zu Google und Arm, was ein ganz neues Gefüge im mobilen B2B-Markt darstellt. Daher rückt Enterprise Mobility immer mehr in den mobilen Anwenderbereich.
Trotzdem gibt es aus unserer Sicht eine klare Unterscheidung zwischen dem B2B- und dem B2C-Geschäft. In vielen Fällen sind Nutzer von Enterprise-Mobility-Lösungen gleichzeitig auch Privatanwender. An dieser Stelle wollen wir versuchen, eine geschickte Verschmelzung zu etablieren. Unser Ziel ist es, für dieses Szenario mobile Endgeräte anzubieten, die das Berufs- wie auch das Privatleben vereinfachen.
Welche Rolle spielt Cloud Computing im Zusammenhang mit neuen, mobilen Arbeitswelten – auch unter dem Aspekt der Sicherheit?
Börner: Cloud Computing ist derzeit der absolute Trend, der für die Hersteller Veränderungen mit sich bringt. Vor einiger Zeit wurde die Speichergröße diskutiert, sowohl für den internen als auch für den erweiterbareren Speicher. Beides können wir hausintern liefern. Mittelfristig wird sich das jedoch wandeln – die Frage ist nur, wann.
Sicherheit ist hier ein ganz großes Thema. Bevor alle Daten tatsächlich in der Cloud abgelegt werden, braucht man absolute Sicherheit, dass diese dort gut aufgehoben sind. Darüber hinaus ist es wichtig, ein Backup zu haben, sowie die Option, immer und überall auf die Daten zugreifen zu können.
Wie können sich die Marktführer im Mobility-Segment künftig überhaupt noch voneinander abgrenzen?
Börner: Im Bereich Mobility haben wir Partnerschaften mit Cisco, SAP oder Sybase, bis hin zu vertikalen Applikationen. Das wird meiner Meinung nach ein Alleinstellungsmerkmal sein. Natürlich werden diese Segmente auch von anderen Unternehmen bedient, jedoch kommt es auf die Integration der Applikation in die Hardware an. Das Zusammenspiel von attraktiver Hardware und der Business-Anwendung ist hier die „gewinnbringende Formel“.
Welche zusätzlichen Services müssen Sie neben Hardware und Betriebssystemen anbieten, um dauerhaft erfolgreich zu sein?
Börner: Im klassischen Fall ist Service zunächst einmal Reparatur und Garantie. Das haben wir bereits sehr gut im Griff. Wir legen den Servicebegriff allerdings etwas weiter aus. Zusätzlich zur Hardware und dem Betriebssystem bieten wir Apps an, und zwar in unserem hauseigenen Store. Samsung ist außerdem als einer der wenigen Multi-OS-Anbieter weltweit in der Lage, mehrere Betriebssysteme anzubieten und diese mit einem speziellen Overlay zu optimieren.
Dies bedeutet, dass wir nicht das Standard-OS integrieren, sondern seitens Samsung bereits in der Vergangenheit immer geschickte Anpassungen mit Verbesserungen für den Kunden bereitgestellt haben. Beispielsweise unsere vier verschiedenen Hubs, die jeweils einen Zusatznutzen mit sich bringen. Social Hub und Music Hub gewähren einen schnellen und einfachen Zugang zu den beliebtesten Sozialen Netzwerken oder den Lieblingssongs. über den Readers Hub hat der Nutzer Zugriff auf ein attraktives Angebot an Büchern, Magazinen und Zeitungen. Der Game Hub öffnet das Tor zu einer Fülle an mobilen Spielen.
Wie bewerten Sie die Weiterentwicklung der von Samsung eingesetzten Betriebssysteme – insbesondere die von Android nach dem Kauf von Motorola Mobility durch Google?
Börner: Wie bereits erwähnt, sind wir einer der wenigen Multi-OS Anbieter. Aus unserer Sicht gibt es für jedes Betriebssystem Vor- und Nachteile. Daher möchten wir unseren Kunden die freie Wahl lassen. Zu dem jeweiligen „Standard-OS“ bieten wir zugunsten der Benutzerfreundlichkeit oft noch unsere eigene Benutzeroberfläche TouchWiz an. Zudem haben wir mit Bada noch ein eigenes Operating System im Angebot, das wir in Zukunft mit großem Einsatz weiter aufbauen werden.
Der Erfolg gibt uns Recht. Bada steht laut einer Gartner-Studie weltweit auf Platz fünf der Betriebssysteme. Mit Blick auf Android, sind wir einer der stärksten Betreiber im Markt. Wir hoffen, dass Android OS auch in Zukunft als offenes System bestehen bleibt. Die aktuelle Situation mit Motorola Mobility sollte da nicht stören.
Und was passiert mit Windows Phone?
Börner: Windows Phone ist ein nach wie vor ein wichtiger Teil unserer OS-Strategie. Die nächsten Erscheinung, also Version 7.5, genannt Mango, die gerade auf der IFA angekündigt wurde, werden wir auch mit eigener Hardware bestücken und noch dieses Jahr umsetzen. Traditionell ist Windows Phone die Plattform, die den B2B-Usern vom Desktop her bekannt ist. Auch im Mobility-Bereich spielt dieses OS eine sehr große Rolle, da es hier die wenigsten Sicherheitsdiskussionen gibt und es generisch als B2B-Tool seit Jahr und Tag dient.
In welche Richtung geht die Entwicklungsarbeit der Hardware bei Samsung? Die Übergänge zwischen den gerade erst etablierten Geräteklassen Tablet und Smartphone sind bereits jetzt fließend. Was kommt demnächst?
Börner: Tablets und Smartphones sind etabliert. Unsere Studien belegen, dass die Tragbarkeit und auch die Displaygröße eine entscheidende Rolle spielen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir Smartphones bis zu 4,5 Zoll anbieten können und jetzt mit dem Samsung Galaxy Note ein neues Segment geschaffen haben. Studien zufolge hat der Durchschnitts- Konsument etwa 2,7 Geräte im Einsatz, was bei vielen zu Komplikationen und weniger Effizienz führt.
Die Nutzer wollen die „eierlegende Wollmilchsau“, um das Beste aus allen Bereichen mitnehmen zu können und sie möchten bei einem großen Display nicht auf Tragbarkeit und Leichtigkeit verzichten. Deshalb haben wir Endgeräte von vier bis zehn Zoll im Portfolio. Dazu kommen Formate von zwölf bis 19 Zoll im Mobile-Computing-Bereich. Wir bieten also für jeden Bedarf das passende Gerät. Im nächsten Schritt besetzten wir das Zwischensegment. In dieser Beziehung glauben wir an Hybride, wie es beim Galaxy Note der Fall ist.
Welche Software-Funktionalitäten fragen Ihre Business-Kunden derzeit nach?
Börner: Nach wie vor ist die Nachfrage im Bereich Business-Apps hoch. Damit meine ich alles zum Thema Funktionalität, Sicherheit und reine Business-Anwendungen, wie zum Beispiel für die Vertriebssteuerung bis in die vertikalen Märkte hinein. Dieser Bereich wird von uns zusätzlich mit einem eigenen B2B-Team unterstützt, welches eine Schnittstelle zu den klassischen Broadlinern im Markt und auch Systemintegratoren bildet.
Welche Kooperationen mit Sicherheits- oder Gerätemanagement-Anbietern pflegen Sie?
Börner: Neben den klassischen Multimedia-Anwendern haben wir auch an die Enterprise-Nutzer gedacht: So haben wir z.B. auf dem Galaxy SII die Bürosoftwaresuite "Polaris Office" vorinstalliert und Kooperationen mit Sybase und Cisco geschlossen, um zusätzliche Business- und Sicherheits-Features bereitzustellen. Dazu zählen die Verschlüsselung gespeicherter Daten oder die Unterstützung von Cisco-VPNs durch einen eigenen AnyConnect-Client, aber auch einfache Business-Apps wie ScanR Business Center, CamCard oder Evernote.
Apps – ob sinnvoll und nützlich oder nicht – werden gerade millionenfach bereitgestellt und heruntergeladen. Wie leistungsfähig muss das mobile Endgerät der Zukunft sein (und wann bricht die mobile Infrastruktur ob der Datenmassen zusammen)?
Börner: Statt Apps millionenfach bereitzustellen, gehen wir eher den Qualitätsweg. Wir sehen in Samsung Apps, dass in den Top Ten lokale und sinnvolle Applikationen beliebt sind. Im Durchschnitt laden sich die Konsumenten maximal 15 Apps auf ihr Endgerät runter. Dazu benötigt man keinen Store mit 500.000 Anwendungen zur Auswahl. Die guten Apps sprechen sich herum, was über die verschiedenen Betriebssysteme aller Anbieter erkennbar ist, da sich die guten Applikationen in jedem OS durchsetzen.
Was die Datenmassen betrifft, wird es meiner Ansicht nach aufseiten der Endgeräte keine Limitationen geben und auch die Netzbetreiber investieren immer weiter in schnelle Datenleitungen, wie beispielsweise LTE. Diese Leitungen wollen natürlich auch gefüllt werden, das heißt man benötigt sinnvolle Anwendungen. Dazu zählen auch Services wie Smart TV, die dort selbstverständlich mit einhergehen und über die Netzbetreiber laufen. Hier gibt es eine Verschmelzung zwischen CE, IT und Telekommunikation.
Wie bewerten Sie das Thema Social Media – übertriebener Hype oder doch dauerhafte Substanz?
Börner: Für einen Hype ist der Bereich Social Media bereits zu lange aktuell und hat eine Größenordnung erreicht, die sich nur noch schwer verleugnen lässt. Wir haben bereits sehr früh auf Social Media gesetzt. Die sozialen Medien sind ein integraler Bestandteil unseres Marketing Mixes, den wir nicht nur von Endgeräteseite, sondern auch kommunikationstechnisch angehen. Wir nutzen diese Medien und ermöglichen auch technologisch deren Verbreitung.
Mittlerweile reichen zwei oder drei soziale Netze nicht mehr aus, eher vier bis fünf werden regelmäßig benutzt. User wollen nicht für jedes Netzwerk eine einzelne App. Die Lösung für dieses Problem ist unser Social Hub, welcher die wichtigsten Social Networks wie Facebook und Twitter unter einem Dach zusammenfasst. Als letzte Neuerung stellen wir unseren webbasierten Instant Messaging Service ChatON vor, der einen plattformübergreifenden Weg der Kommunikation zwischen Samsung-Usern und ihren Kontakten darstellt. Communities lassen sich per Gruppen-Chat ansprechen, der Austausch von Bildern und Videos erfolgt problemlos. Die Registrierung erfolgt über die Mobilfunknummer. Der Client wird kostenlos in den entsprechenden App Stores zur bereitgestellt.