Die beliebteste Metapher für ein Programm zum unkomplizierten Aufschreiben von Kurztexten: Der Notizblock
Manch ein Aufstand gegen das Althergebrachte beginnt mit einem Manifest: Nieder mit dem Holz-, Leder- und Metallimitat. Wovon die Rede ist? Von einem Gestaltungsprinzip, das bereits seit dem späten 19. Jahrhundert als Skeuomorphismus bezeichnet wird.
Das altgriechisch inspirierte Wort beschreibt die Imitation bestimmter Objekte an oder auf einem völlig anderen Objekt. Einige klassische Beispiele dafür sind gedruckte Fliesen auf Linoleumböden oder Glühlampen in Flammenform.
Doch die moderne, eigentliche Domäne des Skeuomorphismus sind die Computer. Bereits in den 1970er Jahren war erkennbar, dass sie nicht länger ein Spezialgebiet für Techniker sind. In zahlreichen Unternehmen nutzten auch technisch Unkundige diese Geräte. So suchten die Ingenieure nach Wegen, ihre Bedienung für Nicht-Techniker zu erleichtern.
Dies war die Geburtsstunde der grafischen Benutzeroberfläche mit ihrer Metaphorik von Desktop, Ordner, Papierkorb, Fenster und Schaltern, die sich herabsenken, wenn sie betätigt werden. Diese skeuomorphischen Grundelemente werden heute noch benutzt und dank der zunehmenden Leistungsfähigkeit der Rechner sind noch viele weitere Elemente auf dem Computer wirklichen Objekten nachempfunden.
Vor allem in den Betriebssystemen von Apple finden sich extrem viele skeuomorphische Objekte. Die E-Book-Anwendung sieht aus wie ein aufgeschlagenes Buch, Notizprogramme wie ledergebundene Notizbücher und ein Rechenprogramm wirkt wie ein Taschenrechner aus dem Designmuseum.
Doch diese Art des Gestaltens ist in die Kritik gekommen. So wirkt es zwar optisch schick, wenn eine Kontakte-App wie ein Rolodex aussieht. Doch es ist nicht mehr unbedingt stichhaltig anzunehmen, dass diese Nachahmung die Arbeit mit der App erleichtert. Denn welcher Computerbesitzer unter 35 kennt oder nutzt noch eine Rollkartei?
Auch jüngere iOS/MacOS-Entwickler haben sich vom Hardcore-Skeuomorphismus eines Steve Jobs verabschiedet. So nutzen etwa die Aufgabenverwaltung Clear oder das Workflowtool 30/30 ein elegant wirkendes, lediglich auf Farbflächen und Typografie basierendes Design. Trotzdem sind diese Apps nicht schwieriger zu bedienen als ihre Konkurrenten.
Durch den Verzicht auf Buttons und Slider werden in beiden Apps die informierenden Designelemente auch zu Bedienelementen. In beiden Fällen ist das einem Touchscreen deutlich angemessener als andere Lösungen. Der Clear-Interfacedesigner Christopher Downer ist allerdings kein fanatischer Gegner des Skeupomorphismus. Er plädiert dafür, diese Gestaltungsmittel sinnvoll und überlegt einzusetzen.
Doch inzwischen gibt es sogar ein ganzes Betriebssystem, das sich Schritt für Schritt weg vom Skeuomorphismus entwickelt, zunächst vorwiegend an der Oberfläche: The interface formerly known as Metro. Die neue, flache Benutzeroberfläche von Windows Phone und Windows 8 setzt sich deutlich vom Imitations-Overkill Apples ab.
Die neue Windows-Oberfläche setzt auf Typografie, einfache Formen und verlaufsfreie Farben. Der Designer Sacha Greif beschreibt in einem Essay die Entstehung der beiden konkurrierenden Designprinzipien und zeichnet die seit einigen Jahren laufende Debatte zwischen Vertretern der beiden Richtungen nach.
Und zum Schluss ein Blick darauf, dass die Welt häufig ironische Schlenker macht. Das vormals als Metro bezeichnete UI-Design kommt nicht von einer Garagenfirma, sondern von einem der (immer noch) größten und mächtigsten Softwarekonzerne der Welt.
Trotzdem ist die neue Windows-Oberfläche eine recht typische disruptive Innovation: Ihr Marktanteil auf Touch-Geräten ist noch nicht groß, sie wird von vielen etablierten Akteuren abgelehnt und muss sich erst noch die Meriten bei den Anwendern verdienen. Trotzdem ist flaches Design die Zukunft der Benutzeroberfläche - dieses oder ein ähnliches.
Warum? Weil inzwischen immer mehr Menschen auf der Welt mit Computern als Alltagsobjekt aufwachsen. Design-Metaphern zur Übertragung von Erfahrungen aus der "wirklichen" Umwelt werden dadurch überflüssig, der Computer ist ein Objekt sui generis. Designer haben nun viel größere Freiheiten als jemals zu vor, interessante, optisch attraktive und leicht zu bedienende Anwendungen zu erschaffen. Also los!
Bildquelle: Simone Hainz / pixelio.de