➽Herr Krüger, logistische und intralogistische Prozesse sind meist über lange Zeiträume gewachsen. Was finden Sie in vielen Unternehmen vor?
Krüger: Kleinere Unternehmen arbeiten oft noch ohne komplette EDV-Unterstützung. Die Lagerinformationen werden auf Papier festgehalten und sind zwangsläufig, kurz nachdem sie notiert sind, schon wieder veraltet. Je größer das Unternehmen, desto mehr IT-Unterstützung findet man vor. Teilweise wird mit Excel-Listen gearbeitet oder das ERP-System bietet Lagerfunktionen. Die meisten ERP-Systeme können jedoch keine durchgängigen logistischen Prozesse vom Wareneingang bis zum Fulfillment abbilden. Und wenn, dann nur mit hohen Anpassungskosten. Auch ist die mobile Unterstützung oftmals nur rudimentär abgebildet. So findet man papierbasierte Behelfslösungen vor, die automatisch wiederum zu Fehlbeständen und hohen logistischen Kosten führen.
➽Warum hinkt die Lieferkette oftmals anderen Unternehmensprozessen hinterher?
Krüger: In den vergangenen Jahren wurde sehr viel in ERP-Systeme sowie E-Commerce- und Weblösungen investiert. Nach dem Motto: Hauptsache verkaufen, die Ware bekommen wir schon irgendwie zum Kunden. Die ERP-Systeme beherrschen die Administration und das Auftragsmanagement, stoßen aber bei logistischen Prozessen an ihre Grenzen. Der zentrale Grund hierfür ist, dass es logistisch in jedem Unternehmen unterschiedlich abläuft und es sehr schwer ist, einen Standard zu definieren. So steckt zwangsläufig das Optimierungspotential in den nächsten Jahren in den logistischen Prozessen der Unternehmen.
➽ Wie gehen Sie bei Unternehmen vor, die Unterstützung in Sachen Logistik und Lieferkette anfragen?
Krüger: Wir stellen den Kunden sehr früh eine fertige Logistik- und Materialflusslösung als Cloud-Version zur Verfügung, wobei die Lösung aus vielen BestPractice-Modellen besteht – vom Wareneingang bis zum Fulfillment. Danach lassen sich die logistischen Anforderungen mit Hilfe der Software direkt beim Anwender testen. Durch Change Requests können Anpassungen vorgenommen werden. Dieses Verfahren ist effektiv, weil zum einen die Kosten für Lasten- und Pflichtenhefte entfallen und zum anderen das Rad nicht neu erfunden werden muss.
➽ Sie binden die Kunden früh ein?
Krüger: Ein massives Problem beim klassischen Wasserfallmodell ist, dass der Kunde erst richtig unterstützt werden kann, wenn er die Software bereits benutzt und einsetzt. Beim klassischen Software-Entwicklungsmodell sind aber zu diesem Zeitpunkt bereits über 90 Prozent der Projektkosten verbraucht, wobei die Rückmeldung der Kunden aus Kostengründen oft nicht mehr berücksichtigt werden kann. Bei einem iterativen Entwicklungsmodell mit Best Practices kann der Kunde sehr früh in den Anpassungsprozess integriert werden. Somit kennt er das System und die Anpassungen von Anfang an, gibt sehr früh Feedback und man kann auf Veränderungen im Prozess eingehen. Die Kundenzufriedenheit ist mit diesem Verfahren wesentlich höher.
➽Der Bezug einer Logistiksoftware im Cloud-Modell scheint zunächst nichts anderes als eine neue Art der Bereitstellung der Software?
Krüger: Es gibt ja bereits Application Service Providing. Dieses Modell existiert schon einige Jahre und wird von verschiedenen Rechenzentren angeboten. Im Prinzip wurde im Rahmen des ASP-Modells ein Rechner gemietet, um die Lizenzen und Skalierung musste sich der Kunde selbst kümmern.
Ein natives Cloud-Modell bietet demgegenüber neue Möglichkeiten. Es besteht Zugriff auf unbeschränkte Rechenleistung, die nach tatsächlichem Verbrauch abgerechnet wird. Dies ist gerade in der Logistik interessant. Stichwort Weihnachtsgeschäft: Hier muss plötzlich die vielfache logistische Leistung erbracht werden. Im Rahmen eines Cloud-Modells kann man die Rechenleistung dynamisch an die Anforderungen anpassen und die Kosten auf die Transaktion umrechnen. Das kommt dem Logistiker in der Regel sehr entgegen, weil er pro Packstück oder Palette kalkuliert. Es ändert sich auch einiges für den Systemanbieter. Er hat ein großes Interesse an erfolgreichen gemeinsamen Transaktionen, weil er nur dann Einnahmen erzielen kann.
➽Inwieweit müssen auch ganze Prozessketten verändert und angepasst werden?
Krüger: Wir bieten eine Public-Cloud-Version an, in der wir auf alle individuellen Kundenwünsche eingehen können. Unsere Materialflussmanagementlösung besteht aus einem Kernelement, das in drei Versionen mit unterschiedlich großen Anpassungsmöglichkeiten angeboten wird.
➽Worin liegt die Beratungsleistung?
Krüger: Das Projektziel ist die Senkung der Prozesskosten, es geht um Bestandssicherheit, geringe Suchzeiten und Chargenrückverfolgung. In Workshops werden diese Potentiale analysiert. Prozesse werden definiert und für den Kunden dokumentiert.
➽Mit welchen möglichen Effizienzsteigerungen locken Sie potentielle Kunden?
Krüger: Rechnet man alle Punkte zusammen – Bestandssicherheit, geringe Suchzeiten, kurze Wege, Chargenrückverfolgung, Inventur, Dokumentation – kommt man auf Einsparpotentiale in der Intralogistik von über 30 Prozent. Es kommt natürlich darauf an, mit welchem Grad der Automatisierung der Kunde vor Projektbeginn bereits gearbeitet hat. In bisherigen Projekten haben wir die 30 Prozent weit übertroffen.
➽Mit welchen Kosten und Projektlaufzeiten hat man zu rechnen, wenn man seine Logistikprozesse reorganisieren und auf ein transaktionsbasiertes Modell setzen möchte?
Krüger: Die kleinste Version werden wir Ende des Jahres für ca. 10 Euro pro Tag anbieten. Das System lässt sich softwaretechnisch in einer Woche aufsetzen, früher waren dafür mindestens drei Monate nötig. Der Anwender erhält zwei Links – einer für die stationäre Anwendung mit Firefox oder Internet Explorer, den anderen für den mobile Client oder Tablets. Etwas länger dauern Maßnahmen bei den Kunden. Etwa die Regalplätze mit Barcodes zu versehen, die Lagerstandorte mit dem WLAN auszuleuchten oder die Tablets und mobilen Scanner zu beschaffen. Sobald diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist ein produktiver Einsatz innerhalb einer Woche möglich. In der nächsten Version bieten wir zudem einen volumenabhängigen Transaktionspreis ab 12 Cent pro Palettenumschlag an. Legt man zugrunde, dass bei einer Palettenbewegung vom Wareneingang bis zum Zielplatz logistische Kosten von ca. 2,50 Euro anfallen, liegen wir mit unseren Transaktionskosten unter fünf Prozent ganz gut.
➽Können Sie uns ein Kundenprojekt nennen, in dessen Rahmen der Anwender (signifikante) Kosten- und Zeiteinsparungen erzielen konnte?
Krüger: Wir haben einen großen Kunden im Maschinenbaubereich, der mit Hilfe unseres Transportleitsystems über 100.000 Euro im Jahr einspart. Ein weiterer spart über 70 Prozent seiner innerbetrieblichen Transporte. Dies wurde vor allem durch eine transparente Dokumentation erreicht.