06.09.2017 Tracking-Systeme für Fußball und Radsport

Digitales Doping: Datenanalysen im Sport

Von: Ina Schlücker

Egal ob im Leistungssport oder Amateurbereich: Wer Sport macht, will sich kontinuierlich verbessern oder den einmal erreichten Leistungsstand zumindest halten. Mittels digitaler Hilfsmittel geht das dafür erforderliche Training einfacher vonstatten.

Leistungssteigerung dank Datenanalysen im Sport

Dank digitaler Hilfsmittel wie Datenanalyse-Tools und Tracking-Systemen lassen sich im Leistungssport genaue Berechnungen durchführen.

Durch vorinstallierte Features erhalten die Nutzer von Smartphones, Smartwatches und Aktivitäts-Trackern jederzeit Einblick in ihre Gesundheits- und Leistungswerte. Dabei können sie sämtliche Bewegungsdaten nicht nur in Apps oder Cloud-Diensten abspeichern. Vielmehr lassen sich mit den angehäuften Daten auch bunte Verlaufskurven erstellen, die über mögliche Fortschritte und vermeintliche Schwachpunkte Auskunft geben.

Während die „Vermessung des Ichs“ im Breitensport erst in den letzten Jahren zugenommen hat, ist das Sammeln und Auswerten von Informationen einzelner Athleten im Leistungssport seit langem gang und gäbe. Allerdings haben sich im Zuge der Digitalisierung die Hilfsmittel verändert: Während man früher Ernährungs- und Trainingspläne auf Papier niederschrieb, erfolgt die Planung heute mittels Software-Tools auf dem Tablet. Entscheidend für Trainer und Athleten ist dabei, dass mit den neuen Werkzeugen sämtliche Bewegungsabläufe und biochemischen Reaktionen unmittelbar auswertbar sind und auf lange Sicht per Klick verfügbar bleiben.

Trainieren oder lieber regenerieren?

Inzwischen haben mehrere IT-Anbieter das Potential digitaler Lösungen im Umfeld des Spitzensports für sich entdeckt. Denn nicht erst der jüngste Transfer von Neymar vom FC Barcelona zu Paris Sain-Germain für unglaubliche 222 Mio. Euro zeigt, wie viel Finanzkraft hinter Fußballvereinen und Sportverbänden steckt. So bietet beispielsweise Microsoft seit Ende Juni 2017 mit der „Sports Performance Platform“ verschiedene auf Azure basierende Dienste und Tools an, die es Sportteams ermöglichen, Trends in der Sportler- und Teamleistung zu erkennen. Dabei bedient man sich aktueller Technologien wie Machine Learning und Künstlicher Intelligenz (KI). Herstellerangaben zufolge nutzen Teams wie Seattle Reign FC, Real Sociedad, Benfica Lissabon und Cricket Australia die Plattform bereits, um Leistungen aufzuzeichnen und zu steigern.

Mit der Plattform kann die sportliche Leistung einzelner Athleten oder ganzer Teams aufgezeichnet und analysiert werden. „Das Zusammenspiel von Power BI, dem cloud-basierten Dienst für Datenauswertung und -visualisierung, und technischen Konzepten wie vorausschauenden Analysen schließt die Lücke zwischen dem Sammeln und Organisieren von Daten und der Vorhersage von Trends und Mustern, sodass Trainer schnellere Entscheidungen treffen können“, betont Peter Jaeger von Microsoft. Ob an der Seitenlinie, in der Umkleidekabine oder während der Regeneration: Die Trainer erhalten eine Übersicht über die Leistung, Erholung und Bereitschaft einzelner Sportler und können darauf basierend Entscheidungen treffen, wann ihre Athleten am besten einzusetzen sind oder wie intensiv das Training ausfällt. Zudem sollen dadurch Verletzungen vermieden und Leistungen verbessert werden.

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Ein Beispiel: Das Frauenfußballteam von Seattle Reign FC sammelt die Daten von Spielerinnen hinsichtlich ihrer Herzfrequenz, ihrer Geschwindigkeit auf dem Feld, ihrer Beschleunigung und ihrem Abbremsen. Auf diese Weise lassen sich Anomalien identifizieren: Ist eine Fußballerin häufiger als gewöhnlich gesprintet, treten Muskelschmerzen verstärkt auf. Sind die Temperaturen während des Spiels besonders hoch ausgefallen, wurde das Herz-Kreislauf-System der Spielerin stärker gefordert. Anhand dieser und weiterer Daten kann Trainerin Laura Harvey besser entscheiden, wie lange die Erholungsphase der Spielerin sein und wie intensiv das erste Training nach dem Spiel ausfallen sollte.

Die Jugendarbeit fördern

Nicht nur Microsoft, sondern auch die SAP AG aus Walldorf erweist sich als äußerst umtriebig, was Datenanalysen im Fußball anbelangt. Mit ihrer Software Sports One arbeiten nicht nur Bundesligisten wie SV Werder Bremen und die TSG 1899 Hoffenheim, sondern auch die deutsche Fußballnationalmannschaft. Das Trainerteam um Joachim Löw nutzt die Lösung u.a. dafür, sich durch die Auswertung von Spieldaten auf bevorstehende Partien vorzubereiten.

Ein weiteres Anwendungsszenario findet man bei den Bremern: Die Hanseaten verwenden die Software zunächst im Nachwuchsbereich und im Drittligateam, um sie Schritt für Schritt für den Profibereich anzupassen. Ab der gerade gestarteten Bundesligasaison soll sie dann auch bei der Datenanalyse der Profis unterstützen. Die Einführung von Sports One sei ein weiterer Meilenstein in der sportlichen Ausrichtung, wird Frank Baumann, Geschäftsführer für den Bereich Sport bei den Grün-Weißen, zitiert. „Wir wollen damit die von uns angestrebte Vernetzung zwischen Jugendarbeit und Profibereich verbessern und die Verbindung zwischen den einzelnen Fachbereichen des Funktionsteams stärken“, so Baumann.

Bis zu 60 Mitarbeiter sammeln beim Verein nun Informationen im Umfeld von Spielern und Spielen sowie im Rahmen der Trainingssteuerung. Aufgrund der akribischen Ausbildung junger Talente und der gezielten Weiterentwicklung der Spieler fallen zahlreiche Daten an. Für den Verein ist es immens wichtig, diese Daten systematisch zu sammeln und für alle relevanten Bereiche nutzbar zu machen. Jeder Spieler könne alle für sich wichtigen Daten dabei jederzeit persönlich abrufen und sich eigenverantwortlich über den eigenen Fitness- und Ernährungstand oder das Gegnerverhalten informieren.

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter

Neben den Feldspielern sind bei der SAP-Software zuletzt die Torhüter in den Fokus gerückt. Mit der Web-Anwendung „Penalty Insights“ sollen Torhüter und Torwarttrainer von datengestützten, interaktiven Einblicken profitieren, die bei der Vorbereitung auf Strafstöße und Elfmeterschießen helfen. „Für die Analyse eines Elfmeterschießens mussten wir bislang mühsam Daten auswerten“, so Andreas Köpke, Torwarttrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft. „Nun können wir das taktische Verhalten einzelner Spieler analysieren und unsere Torhüter entsprechend vorbereiten.“ Dann muss auch keiner mehr Torhütern Zettelchen zustecken, wie geschehen beim WM-Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien 2006 in Berlin – außer vielleicht, um den gegnerischen Schützen zu verunsichern. Das Tool Penalty Insights war ursprünglich als Funktion zur Analyse von Strafstößen in Sports One enthalten. Nach positiven Testläufen im DFB und aufgrund hoher Nachfrage wurde die Funktion zu einem eigenständigen Produkt weiterentwickelt. Damit können nun Videoclips zu allen in der dazugehörenden Datenbank gespeicherten Strafstößen abgerufen und mithilfe von Filtern Schussvorlieben von Elfmeterschützen analysiert werden.

Außerdem lässt sich ermitteln, welche Spieler mit größter Wahrscheinlichkeit den nächsten Strafstoß ausführen werden. Unterschiedliche Filter sollen detaillierte Spieleranalysen und das Aufdecken von Verhaltensmustern ermöglichen. Neben der Spielsituation oder Schusseigenschaften, wie dem Anlauf eines Spielers, lässt sich untersuchen, auf welche Torbereiche die Schützen zielen. Zudem ist die schnelle Anzeige von Statistiken zur Gesamtzahl der Strafstöße, Anzahl der Treffer bzw. Fehlschüsse und zur Trefferquote eines Spielers möglich. Die Datenbank enthält u.a. Daten zu Elfmetern von Spielern der ersten und zweiten Bundesliga, der deutschen Nationalmannschaft und von Mannschaften der US-amerikanischen Major League Soccer. Die Unterstützung weiterer Ligen und Länder sei bereits geplant, heißt es aus Walldorf.

Analyse-Tools im Radsport

Derzeit werden nicht nur im Fußball immer mehr Daten erhoben. Auch in anderen Sportarten werden fleißig Informationen rund um die Athleten gesammelt und ausgewertet, um Training oder Wettkampf entsprechend darauf auszurichten. Der IT-Dienstleister Dimension Data legt seit Jahren sein Augenmerk auf den Radsport generell und im Besonderen auf die jährlich stattfindende Tour de France. Dieses Jahr realisierte man dabei erstmals den Einsatz von Datenanalysewerkzeugen wie Machine Learning und Predictive Analytics. Die Technologien  wurden eingesetzt, um Zuschauern, Athleten, Kommentatoren und Trainern neuartige Einsichten in den Radsport zu ermöglichen. Möglich wurden die Analysen durch den Einsatz einer Big-Data-Plattform und verschiedener Tracking-Technologien. Dazu gehörten u.a. GPS-Transponder unter dem Sattel jedes Athleten, ein virtuelles, cloud-basiertes und räumlich flexibles Datenanalyse-Center sowie eine leistungsstarke Datenübertragung. Auf diese Weise wurden von 198 Radfahrern aus 22 Teams auf der 3.540 km langen Route über 150 Millionen Daten erzeugt.

Über die Tour de France hinaus mischt Dimension Data auch bei europäischen Sechstagerennen mit. Neben den Wettbewerben in Kopenhagen, London oder auf Mallorca unterstützte man im Januar 2017 das Berliner Pendant. Bei dem ältesten Sechstagerennen der Welt stattete man die Teilnehmer mit speziellen Sensoren aus. Diese erhoben beispielsweise Daten wie Position, Geschwindigkeit, Trittfrequenz oder Puls der Fahrer und werteten sie über eine eigens eingerichtete Cloud-Plattform aus. So erhielten die Zuschauer auf Bildschirmen vor Ort im Velodrom, auf der Website des Sechstagerennens oder im Rahmen der TV-Übertragung von Eurosport Echtzeitanalysen über den Stand des Rennens und die Fahrer.


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