Die Republica nervt ein bisschen. Zwar charmant, aber sie nervt. Wer den Grund wissen will, muss bei Twitter nach dem Hashtag #rp15 suchen. „Bin jetzt im Flieger“, heißt es da. Oder: „Wir sehen uns dann gleich.“ Oder der Allzeitklassiker: „Und wo ist jetzt dieses Internet?“ Eine Anspielung auf unzuverlässiges WLAN für Veteranen, die noch wissen, wie sich abbröckelnder Datenfunk anfühlte, damals, weit draußen in den Düppeler Schanzen.
Inzwischen ist die Republica nicht mehr das kleine, lauschige Treffen einiger Blogger, die sich mal kennenlernen und dabei über ihre Lieblingsthemen sprechen wollen. Sie ist zu einem Großereignis geworden: Die einzige deutsche Konferenz zu digitalen Themen, die wenigstens halbwegs mit ihren internationalen Vettern konkurrieren kann, etwa der Indie-Supermesse SXSW, der allzuständigen TED nebst ihrer Ableger oder der Elitenkonferenz LeWeb.
Doch für viele ist sie trotzdem noch das Klassentreffen der digital affinen Berliner aus ganz Deutschland. Besonders schön drückt es die deutsche Wikipedia aus: Sie ist „eine Konferenz rund um das Web 2.0, speziell Weblogs, soziale Medien und die Digitale Gesellschaft.“ Das klingt so stark nach den Nuller Jahren, dass man Ironie vermuten muss.
Die Mainstream-Medien dagegen verlegen sich auf die gleichen milde jubelnden Textbausteine, die schon bei der CeBIT oder der Hannover-Messe zum Einsatz kamen. Für die Stuttgarter Zeitung ist sie „Europas größte Konferenz für digitale Technik und digitale Kultur“. Der WDR beschreibt sie sogar als „eines der weltweit wichtigsten Digital-Events“.
Mit Frauen, aber ohne Sascha Lobo
Dies alles ist sie auch, die Republica 2015 in Berlin. Hier äußern 800 Redner in gut 450 Stunden auf 17 Bühnen ihre Gedanken zu digitaler Kultur und vielen anderen Dingen. Das Motto lautet in diesem Jahr „Finding Europe“. Die Veranstalter wollen ganz staatstragend „den digitalen Kulturraum Europa und seine netzpolitischen Besonderheiten beleuchten“.
Das sind übrigens immer noch dieselben wie in der Anfangszeit, Spreeblick-Blogger Tanja und Johnny Häusler, Netzpolitik.org-Gründer Markus Beckedahl und Republica-Geschäftsführer Andreas Gebhard, Mitglied im Lobbyverein „Digitale Gesellschaft“. Sie rechnen mit etwa 6000 Teilnehmern, unter anderem Internet-Aktivisten, Wissenschaftler, Hacker, Unternehmer, NGOs, Journalisten, Blogger, Social Media- und Marketing-Experten.
Und wie in der Anfangszeit wird das Programm mehr oder weniger allein vom Orga-Team zusammengestellt, auf der Basis eines „Call for Papers“, der jedes Jahr zu einem enormen Rücklauf führt. Nebenbei bemerkt: Im Gegensatz zu vielen anderen Konferenzen schaffen es die Berliner wieder einmal, für fast die Hälfte der Vorträge eine Frau zu buchen. Und ebenso verlässlich tragen auch wieder ein paar bekannte Gesichter der deutschen Internetszene vor, minus Netzirokese Sascha Lobo, der in diesem Jahr eine Republica-Pause einlegt.
Doch längst sind Netzthemen nicht mehr alles, was die Republica zu bieten hat. So berichtet Alexander Gerst von seinem Aufenthalt auf der ISS, Ai Weiwei präsentiert ein neues Projekt und Nilz Bokelberg spielt Bingo mit dem Publikum (oder umgekehrt). In Anlehnung an das „Wissenschaftsjahr Zukunftsstadt“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung geht es in zahlreichen Vorträgen um „Smart Cities“. Andere Vorträge präsentieren Forschungsergebnisse zu Anonymus oder erklären, wie man auf einem Raspberry Pi einen Tor-Proxy konfiguriert.
Diese Aufzählung könnte noch sehr lange weitergehen und wäre dann noch nicht einmal angekommen bei den Subkonferenzen wie der „Musicday“, der „Fashiontech Berlin“ und dem Kongress „Media Convention“. Kurz und gut: Die Republica ist wie in jedem Jahr eine digitale Wundertüte, deren Vielfalt von den Besuchern nicht zu bewältigen ist.
Denn das Programm ist komprimiert auf 33 Stunden Veranstaltungszeit. Da werden viele Republica-Besucher die Notbremse ziehen und sich auf einige Highlights beschränken. Wissensdurstige können die Vorträge später noch in aller Ruhe auf YouTube durchackern. Wichtiger ist es für viele, drei Tage lang zu networken und zu feiern, sich selbst, die anderen und das Internet.
Bildquelle: republica / Gregor Fischer (CC-BY-SA 2.0)
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Der Youtube-Kanal mit den Videos der meisten Vorträge
Alles auf einen Blick in den PDF-Flyern: Das Programm am Dienstag, 5. Mai, am Mittwoch, 6. Mai und am Donnerstag, 7. Mai