So trivial sich diese Situation auch anhört und Autos mit Sicherheit nicht wirklich „sprechen“ können – kommunizieren können sie dennoch. Möglich macht dies die sogenannte Car-2-Car-Kommunikation – ein zukunftsweisendes Feld, dem sich namhafte Hersteller und Automobilzulieferer annehmen.
Genau genommen können Autos lediglich über das eingebaute Navigationssystem mit uns kommunizieren. „An der nächsten Ausfahrt rechts abbiegen!“ klingt es etwa, wenn man auf dem Weg zum Geschäftstermin ist. Dabei ist die Art der Kommunikation jedoch ziemlich einseitig. Anders verhält es sich, wenn Autos per Funktechnik untereinander kommunizieren. Dabei werden aktuelle Verkehrsinformationen gegenseitig ausgetauscht – Autos können diese sowohl senden als auch empfangen. Dass sich neben Herstellern auch verschiedene Software-Anbieter immer mehr mit dieser Technologie beschäftigen, zeigte nicht zuletzt die Omnipräsenz des Themas auf der diesjährigen Consumer Electronics Show in Las Vegas.
Doch was steckt eigentlich hinter dieser Technologie? Markus Zahnjel, Practice Head Embedded Software bei Atos, definiert sie so: „Car-2-Car-Kommunikation beschreibt eine Technologie, in der Fahrzeuge ad-hoc ohne zentrale Instanz – sprich: ohne Server im Internet – in einem Schwarm kommunizieren können.“ Tatsächlich wird die Funktionsweise im Rahmen eines herstellerübergreifenden Projekts namens „Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland“ (SimTD*) in Deutschland momentan erprobt. Unter Projektleitung der Daimler AG wurden bestimmte Autobahnen, Land- und Stadtstraßen im Großraum Frankfurt ausgewählt, auf denen die Kommunikation unter Autos bereits erfolgt. Die technische Voraussetzung dafür ist, dass in einem entsprechenden Auto eine Kommunikationsplattform, die so genannte „ITS Vehicle Station“, vorhanden sein muss. Diese sammelt relevante Daten aus der internen Elektronik wie etwa der Motorsteuerung. Von dieser Station werden die Informationen jeweils an die übrigen Verkehrsteilnehmer und die Verkehrsinfrastruktur, etwa Messstellen an Autobahnen oder Verkehrsampelsysteme in der Stadt gesendet (siehe Grafik). Falls der Kommunikationspartner nicht in unmittelbarer Sendereichweite ist, können andere Fahrzeuge Informationen übermitteln oder speichern und weiterleiten. Der Austausch erfolgt über Funktechnik, die auf dem WLAN-Standard aufbaut. Zusätzlich sind auch Mobilfunktechnologien wie UMTS und GPRS integriert, die Verbindungslücken des WLAN (z.B. bei fehlender straßenseitiger Infrastruktur) überbrücken können.
Generell verfügen heutige Neuwagen über eine Vielzahl von Sicherheitssystemen, entsprechende Standards werden bei der Produktion groß geschrieben. Angefangen beim Anti-Blockier-System (ABS) über das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) bis hin zur Antischlupfregelung (ASR) finden sich so manche elektronischen Helfer – dazu gesellen sich Anschnallgurte und Airbags im Innenraum, die bei einem Unfall innerhalb von 20 bis 50 Millisekunden auslösen und das Schlimmste verhindern sollen. Dies sind laut Bernd Klusmann, Bereichsleiter für Kommunikationstechnologien und Telematik beim Bitkom, „jedoch allesamt Verfahren, die primär im Wageninneren ‚greifen’.“ Einen signifikanten Schritt in Richtung der nächsten Sicherheitsstufe könne man über den Einsatz von miteinander vernetzten Autos erwarten. „Durch diese Technologie wird der erfassbare Bereich der Fahrzeugumgebung um ein Vielfaches erweitert. Kritische Situationen können auf diese Weise zeitig erkannt und durch eine entsprechende Reaktion des Fahrers entschärft werden“, so Klusmann. Eine kritische Situation könnte etwa hinter einer nicht einzusehenden Kurve lauern. Diese könnte mit der C2C-Technologie laut Monika Wagener, Head External Affairs & Communications Ford Research & Advanced Engineering Europe, rechtzeitig erkannt werden: „Im Vergleich zu heutigen Fahrerassistenzsystemen mit Sensoren können car-2-X-basierte Systeme um eine Ecke oder Kurve gucken und z.B. auch den Verkehr beobachten, der vom vorausfahrenden Fahrzeug verdeckt wird.“
Konkret kann dies am Szenario eines liegengebliebenen Fahrzeugs beschrieben werden, das sich irgendwo auf der gleichen Route befindet. Je nach aktuellem Standort könnte eine schnelle Information von anderen Verkehrsteilnehmern potentielle Unfälle vermeiden. Durch C2C „bekommt der Fahrer zeitnahe und verlässlichere Warnungen vor gefährlichen Situationen als dies heute mit Verkehrsfunk möglich ist“, ist sich Thomas Form, Leiter Forschung Elektronik und Fahrzeug Volkswagen AG, sicher. Denn oftmals ist man schon längst an der Gefahrenstelle vorbei, wenn die Warnung im Radio ertönt oder im Navigationsdisplay auftaucht.
Markus Zahnjel von Atos meint darüberhinaus, dass der Informationsaustausch zwischen den Fahrzeugen sogar schneller erfolge, als es über Internet möglich wäre. Dazu sieht er Kostenvorteile für die Nutzer: „Generell ist bei der Technik keine Anmeldung erforderlich und es fallen keine Gebühren für einen Kommunikationskanal an, wie es etwa bei einer SIM-Karte oder einem WLAN Access Point der Fall wäre.“
Das mag sein, doch falls sich die Technik durchsetzen sollte und es zu einer Serieneinführung kommt, könnte der neue Kleinwagen schnell mal ein paar Euro mehr Kosten. Und auch der Staat dürfte die Hand aufhalten, wenn es um die flächendeckende Nutzung geht – immerhin müssten Infrastrukturbauten, beim SimTD-Projekt werden diese „ITS Roadside Stations“ genannt, mit entsprechenden Sendern ausgerüstet und regelmäßig gewartet werden. Die PKW-Maut lässt grüßen.
Doch bevor man sich über zukünftige Finanzierungsmodelle Gedanken macht, sollte die Technik erst einmal möglichst fehlerfrei funktionieren. Denn dann wären weitere Ausbaustufen des Systems denkbar – zum Beispiel bei der Warnung vor Geisterfahrern, deren verschuldete Unfälle sich in den letzten Monaten häuften. Es folgten mediale Berichterstattungen und politische Diskussionen, in denen immer wieder die Frage aufgeworfen wurde, wie man solche Unfälle in Zukunft vermeiden und Geisterfahrer frühzeitig auf ihr falsches Handeln aufmerksam machen könne. Monika Wagener von Ford ist der Meinung, dass es „in Zukunft mittels Car-2-X-Kommunikation (C2X) möglich sein wird, sowohl das falsch fahrende Fahrzeug als auch den entgegenkommenden Verkehr direkt zu warnen.“ Dabei müsste die Warnung jedoch spätestens dann erfolgen, wenn der potentielle Falschfahrer dabei ist, in die falsche Richtung zu fahren. Dr. Christian Weiß, Manager car-2-X-basierte Funktionen bei der Daimler AG, hegt aufgrund dessen gewisse Skepsis: „Durch Car-2-X-Kommunikation könnten Geisterfahrer nur retrospektiv auf ihren Fehler hingewiesen werden, also wenn die Gefahr durch die Geisterfahrt bereits besteht. Ziel muss es aber sein, eine Geisterfahrt präventiv zu verhindern.“ Dies sei eher mit Verkehrszeichen-Assistenten möglich, die den Fahrer akustisch und optisch bei Einfahrverboten direkt warnen würden. Wenn man einen Schritt weiter denkt, könnte man sich fragen, ob die Technologie bei akuter Gefahr auch aktiv in das Fahrgeschehen eingreifen könnte und vor allem dürfte. „Die ersten Car-2-X-Systeme werden informierende bzw. warnende Systeme sein, d.h. es wird keine automatisierten Eingriffe in das Fahrzeugsystem geben. Der Fahrer wird auf Gefahrenstellen hingewiesen, muss aber selbst die entsprechende Aktion einleiten“, stellt Dr. Christian Weiß klar. Prinzipiell sei es jedoch denkbar, dass ein Fahrzeug aufgrund von Gefahreninformationen, die es über Car-2-X-Kommunikation erhält, die Geschwindigkeit automatisch reduziere. Die Systeme werden dann aber jederzeit durch den Fahrer übersteuerbar sein, ähnlich wie bei einem Abstandsregeltempomaten. Auch Thomas Form von der Volkswagen AG steht dem automatischen Eingriff kritisch gegenüber: „Der direkte Eingriff in eine Fahrfunktion ist denkbar, aber sehr kritisch zu sehen, da die finale Verantwortung für die Fahrzeugführung beim Fahrer liegen muss.“
Neben den Sicherheitsaspekten, die C2X erfreulicherweise mit sich bringt, sieht Markus Zahnjel von Atos weitere (nützliche) Möglichkeiten der Technologie, von denen Autofahrer in Zukunft profitieren könnten: „Das Auto der Zukunft wird noch viel mehr Informationen an den Fahrer liefern – so bietet C2C aufgrund des Peer-to-Peer-Charakters zahlreiche Möglichkeiten, Informationen im Verkehrsschwarm auszutauschen – etwa Musik-Playlisten von Auto zu Auto, die Benzinpreise oder Sonderangebote 500 Meter vor der Tankstelle.“ Doch möchte der Madonna-Hörer künftig überhaupt, dass die Klassikmusik der hinter ihm fahrenden Limousine in seiner zusammengestellten Musik auftaucht? Und Benzinpreise bzw. Sonderangebote des nächsten Elektromarktes lassen sich doch mit dem Smartphone jederzeit abrufen – den Nutzen dieser Angebote müsste wohl jeder Autofahrer für sich selbst abwägen.
Blickt man in die Zukunft, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich Autos mit Elektroantrieb durchsetzen und zusätzlich mit technischen Highlights wie C2X ausgestattet sein werden. So innovativ die Technologien auch sind, werden sie anfänglich wohl den Kostenrahmen für so manchen Autokäufer sprengen. „Wie häufig bei neuen Technologien, werden diese zunächst im Premiumsektor bzw. in den High-End-Produkten eingeführt, weil sie sich dort als erstes rechnen“, weiß Bernd Klusmann, Bitkom-Bereichsleiter für Kommunikationstechnologien und Telematik. So scheint es nicht verwunderlich, dass vorerst Kunden mit einem gewissen finanziellen Spielraum in den Genuss der neuen Technik kommen. Für Ottonormalverbraucher bleibt dann vorerst das Radio als Informationsquelle Nr.1 – oder eben der Beifahrer, der kann übrigens auch sprechen.
Bildquelle: Jaguar/Ferrari