19.04.2017 Robuste Geräte im industriellen Umfeld

Einsatzgebiete von Rugged Devices

Von: Lea Sommerhäuser

Uncooles Design, großes Gewicht und hohe Kosten – was ist dran an den Klischees über Rugged Devices?

Im industriellen Umfeld kommen vor allem Fully-Rugged-Geräte zum Einsatz.

Smartphones, Tablets und Notebooks – all diese Geräte gibt es auch im Rugged-Format. Denn gerade im industriellen Umfeld spielt bei mobilen Endgeräten die Robustheit gepaart mit Leistungsvermögen eine tragende Rolle. „Hier erfüllen Consumer-Geräte nicht immer die Anforderungen“, weiß H. Paulos Ghebreweldi, Senior Project Manager bei Datalogic, „somit sind Rugged Devices auch im Jahr 2017 nach wie vor stark gefragt.“ Gleiches bestätigt Martin Haaf, Geschäftsführer der i.Safe Mobile GmbH: „Diese Geräte sind gefragter denn je, zumindest in der Industrie. Denn die Automatisierung verlangt inzwischen nach mobilen Geräten – und speziell hier sind die Ansprüche an die Robustheit sehr hoch.“ Aber auch im Freizeitbereich, und hier insbesondere im Outdoor-Bereich, zeige sich ein Wachstum. Schließlich stehen in diesem Feld immer mehr Applikationen zur Verfügung, welche für Sportler, Wanderer oder Extrembergsteiger sehr hilfreich sein können. Und die Outdoor-Fans benötigen dazu Geräte, welche nicht unbedingt beim ersten Sturz auf die Felsen oder ins Wasser ihre Funktion aufgeben.

Im professionellen Bereich kommen Rugged Devices insbesondere in der Produktion, im Außendienst, im Lager, in der Warenwirtschaft, bei Paketdiensten, beim Militär oder in Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben zum Einsatz – im Grunde überall dort, „wo sie Erschütterungen, Stößen oder Stürzen, Schmutz, Feuchtigkeit, extremen Temperaturen sowie Luftdruckunterschieden ausgesetzt sind“, erklärt Sven Scheller, Regional Manager Solution Architects Central Europe bei Honeywell Safety & Productivity Solutions. Spezielle Rugged-Handhelds werden auch im Bereich „Ticketing“ von deutschen und internationalen Bahnunternehmen sowie von Parkraumbewirtschaftern und öffentlichen Diensten genutzt. Für den Handel und Einsatz am Point of Sale (POS) stehen indes besonders ergonomisch gestaltete Handhelds und robuste Touch-Computer mit professionellen Sicherheits-Features zur Verfügung. „Bei semi-professionellen Anwendungen – beispielsweise in der Gastronomie – werden auch normale Consumer Devices eingesetzt“, weiß Thomas Uppenkamp, Sales Manager bei der Casio Europe GmbH.

„Eine von uns in Auftrag gegebene Studie zum Thema ‚Nachhaltigkeit in der IT‘ zeigt, dass die Gesamtbetriebskosten von Consumer-Geräten aufgrund von Ausfallzeiten, Reparaturen und kürzerer Haltbarkeit über den Einsatzzeitraum deutlich höher liegen als die von Rugged Devices.“
Marco Rach, Panasonic

Letztlich gibt es also zahlreiche unterschiedliche Branchen, die von robusten Geräten profitieren. Grundsätzlich sind sie überall dort prädestiniert, wo Geräteausfälle dramatische Folgen mit sich bringen können und die Devices im 24/7-Dauereinsatz – egal ob drinnen oder draußen, bei Wind und Wetter – einer erhöhten Beanspruchung ausgesetzt sind. „Bei Rettungsdiensten oder in der Logistik zählt z.B. jede Sekunde, so dass zuverlässige IT für den unterbrechungsfreien Dienst unumgänglich sind“, fügt Marco Rach, Manager Marketing Germany & Austria bei Panasonic, noch ein Beispiel an.

Unterschiedliche Robustheitsgrade

Bei ihren robusten Mobilgeräten unterscheiden die Hersteller häufig zwischen „Semi“-, „Fully“- und „Ultra-Rugged“-Modellen. Denn nicht in jeder Anwendung müssen Geräte extremsten Bedingungen standhalten. Die unterschiedlichen Robustheitsgrade werden laut Jennifer Plouvier-Leupers von Getac durch die Zertifizierungen nach Indus-trie- und MIL-Standards definiert. „Semi-robuste Geräte sind MIL-STD-810G- und IP52-zertifiziert und eignen sich bestens für Anwender im Außendienst oder der öffentlichen Sicherheit, wo die Geräte auch Spritzwasser, Vibrationen und Stöße aushalten müssen“, erklärt die Marketing-Managerin. Fully-Rugged-Geräte erfüllen indes sehr hohe Ansprüche an die Robustheit und sind nach MIL-STD-810G- und IP65-Standard zertifiziert, was u.a. eine bestimmte Sturz- sowie Feuchtigkeitsresistenz bedeutet. Für explosionsgefährdete Bereiche wie Atex 2 soll es speziell zertifizierte Fully-Rugged-Geräte geben. Ultra-Rugged-Modelle werden vorwiegend vom Militär eingesetzt – die Anforderungen sind hier extrem hoch. Beispielsweise werden spezielle Nachtsichttechnologien und ein Salznebelschutz verlangt. Ferner sollen die Geräte nach MIL-STD-461F zertifiziert sein.

„Die Differenzierung zwischen Semi-, Fully- und Ultra-Rugged-Geräten ist oft den Erkenntnissen der Marketing-Abteilungen geschuldet“, bemerkt Thomas Uppenkamp. Derzeit entwickle sich ein Trend bei den Herstellern von Consumer Devices, ihre Geräte durch ein paar augenfällige Maßnahmen auf „Rugged“ zu trimmen. Doch ein kantiges Gehäuse reiche industriellen Anwendern nicht aus. Auf jeden Fall ist es ein Unterschied, ob ein Gerät lediglich mit einem verstärkten Gehäuse versehen oder schon von innen heraus robust konzipiert wird.

Am meisten gefragt seien von den genannten Gerätetypen derzeit Fully-Rugged-Devices, meint Martin Haaf von i.Safe Mobile. Bekräftigt wird seine Aussage von H. Paulos Ghebreweldi. Zwar käme das auf die Anwendungsfelder an, doch „im industriellen Umfeld werden nach wie vor Fully-Rugged-Geräte am häufigsten angefragt“, so der Senior Project Manager von Datalogic. Und auch bei Getac sind es neben den Semi- insbesondere die Fully-Rugged-Modelle – und hier vor allem Tablet-PCs –, die auf der Wunschliste der Kunden stehen, ergänzt Jennifer Plouvier-Leupers.

Rugged vs. Consumer Devices

Industrietaugliche Rugged-Geräte übertrumpfen herkömmliche Consumer Devices aber nicht nur durch ihre wesentlich höhere Robustheit gegenüber diversen Umwelteinflüssen. Sie weisen laut Sven Scheller zudem „eine längere Lebensdauer, ein besseres Service-Konzept und eine längere Produktverfügbarkeit“ auf. Ein Consumer-Gerät sei in der Regel lediglich zwei bis 2,5 Jahre verfügbar.

Ein weiteres Plus der robusten, mit zahlreichen Schnittstellen versehenen Endgeräte ist die sehr geringe Ausfallquote, wodurch auch mögliche Ausfallkosten gering gehalten werden können. „Auch bei der Wartungsfreundlichkeit und – sollte doch einmal etwas zu Bruch gehen – bei der Reparaturfähigkeit können Consumer-Geräte schlicht und ergreifend nicht mithalten“, betont Marco Rach. So müssten jene Geräte bei einem Akkuwechsel z.B. zum Hersteller-Service geschickt werden. Und bei einem Komponentenschaden werden die Consumer-Modelle teilweise sogar komplett verschrottet und durch Neugeräte ersetzt, da sie gar nicht für Reparaturen ausgelegt sind. „Dies entspricht nicht den Nachhaltigkeits- und Umweltfreundlichkeitsprinzipien, zu denen sich heutzutage viele Unternehmen selbst verpflichten“, kritisiert der Marketing-Manager von Panasonic. Nicht zuletzt punkten Rugged Devices beim Thema „Sicherheit“. Ein integriertes Schreib- bzw. Lesemodul für NFC-Karten kann z.B. zur sicheren Authentifizierung bzw. gegen illegalen Zugriff genutzt werden, während ein SAM-Karten-Slot eine zuverlässige Verschlüsselung sensibler Daten gewährleistet.

Klischee oder Realität?

Doch wie wir wissen, ist längst nicht alles Gold, was glänzt. So finden sich auch bei Rugged Devices ein paar Mängel bzw. Kritikpunkte, die den einen oder anderen Anwender möglicherweise vom Kauf abhalten. Oft ist die Rede vom „uncoolen“ Design, hohen Gewicht und hohen Kosten der Geräte. Trifft dies wirklich auf die Rugged Devices zu? Oder verbirgt sich dahinter nur ein Klischee? „Im Vergleich zu Consumer-Geräten sind robuste Modelle um einiges teurer“, gesteht Sven Scheller und erklärt den Hintergrund: „Der Preis ergibt sich aus den hohen Produktionskosten, die mit denen eines Consumer-Geräts nicht zu vergleichen sind.“ So seien u.a. die Stückzahlen geringer, das Gehäusematerial und die Verarbeitung wesentlich aufwendiger und hochwertiger. Zudem würden bei Rugged-Geräten Zertifizierungskosten anfallen. „Ein Rugged Device kostet tatsächlich im Regelfall mehr als ein Consumer Device“, bestätigt auch H. Paulos Ghebreweldi. Allerdings nutzen viele Unternehmen ihre robusten Geräte über einen sehr langen Zeitraum, „im Schnitt gehen wir von einer Nutzungsdauer von ca. vier bis fünf Jahren aus. Das heißt, wir reden hier von einer langfristig angelegten Investition“, so der Senior Project Manager.

„Die meisten Unternehmen werden beim Kauf neuer Laptops oder Tablets verleitet, ihre Kaufentscheidung nur auf Grundlage des Kaufpreises zu treffen. Weil aber der Kaufpreis nicht immer die tatsächlichen Gerätekosten widerspiegelt, könnte dies ein teurer Fehler werden.“
Jennifer Plouvier-Leupers, Getac

Was das Gewicht anbelangt, seien die Rugged Devices „leichter und handlicher geworden“, meint Marco Rach, „bleiben allerdings aufgrund ihres Designschwerpunkts hinsichtlich Robustheit und Langlebigkeit etwas schwerer als Consumer-Geräte.“ Kunden würden zudem das martialische Design und die Optik lieben – und dennoch hat Panasonic dieses Erscheinungsbild bei seinen Geräten inzwischen nahezu abgelegt. Auch Sven Scheller stellt fest: „Die Hersteller von Rugged Devices richten sich mittlerweile mit ihren Gerätedesigns nach den Anforderungen der Kunden und entwickeln ‚coolere’ Optiken.“

Bevor Rugged-Geräte in Produktion und in den Verkauf gehen, müssen sie nicht nur den optischen und funktionalen Kriterien entsprechen, sondern auch ihre Robustheit unter Beweis stellen. Dies geschieht in Form von groß angelegten Testreihen nach Industrie- und MIL-Standards – im besten Fall nicht nur unter den wachsamen Augen des jeweiligen Herstellers, sondern auch im Beisein von unabhängigen, speziellen Dienstleistern und Instituten. Im Fokus der Tests stehen hierbei Attribute wie (Spritz-)Wasser, Luftfeuchtigkeit, Fall/Sturz, Stoß, Vibration/Erschütterung, Schock, Temperatur, Staub, Druck und elektromagnetische Verträglichkeit.

„Wie bei Consumer-Geräten ist auch bei Rugged Devices der Akku das Bauteil mit der geringsten Lebensdauer“, gesteht Sven Scheller. „Abhängig vom Einsatzgebiet hält dieser in Rugged-Modellen ca. zwei Jahre.“ Aus diesem Grund sollte die Möglichkeit eines Batteriewechsels geprüft werden. Außerdem kann es im sehr rauen Gebrauch auch mal passieren, dass „Displays nach Stürzen aus sehr großer Fallhöhe einen Sprung aufweisen“, bemerkt Jennifer Plouvier-Leupers.

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Daher sollten die Anwender pfleglich mit ihren Produkten umgehen, auch wenn Rugged Devices robust gebaut sind. Doch tun sie das in der Praxis? Laut H. Paulos Ghebreweldi eher nicht: „Tatsächlich gehen viele Anwender sorgsamer mit ihrem Smartphone um als mit ihrem Rugged Device.“ Das liege natürlich daran, dass die Anwender wissen, dass ein Rugged-Gerät Schläge und einen Aufprall im Regelfall überlebt. Ähnlich sieht es Marco Rach: „Da es normalerweise nicht die eigenen Geräte sind, sondern die des Arbeitgebers, fassen die Nutzer sie nicht gerade mit Samthandschuhen an.“ Bei einigen Kunden seien die Geräte mit Hot-Swap-Akku-Technologie im 24/7-Dauereinsatz, so dass sie im Schichtdienst sogar durch verschiedene Nutzerhände gehen würden und damit noch weniger pfleglich behandelt werden. Oftmals werden sie eher als Werkzeug angesehen und nicht als sensible Technik. Doch Getac registriert z.B. nur sehr wenige Reparaturen aufgrund unsachgemäßen Umgangs.

Die wichtigsten Kaufkriterien

Trotz aller Robustheit sollten Interessierte beim Kauf vor allem auch auf die Verarbeitung, Qualität, Ergonomie und Handhabung der Geräte achten. Darüber hinaus sind die Service-Leistungen wie Wartungen, Reparaturen und Software-Updates rund um die Rugged Devices entscheidend – nicht zu vergessen die Kompatibilität zu anderen Produkten mit entsprechendem Zubehör. Hier ist u.a. die Betriebssystemaktualisierung eine wichtige Komponente, um die Datensicherheit und Software-Integration in bestehende Firmen-Software zu gewährleisten. Nicht zuletzt spielen auch Mobile-Device-Management-Lösungen (MDM) eine wichtige Rolle, um die robusten Geräte letztlich zu verwalten und zu warten.


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