Im Rahmen der mit Nokia Anfang 2011 geschlossenen Allianz versprach sich Microsoft, dort anzugreifen, wo sie im Desktop-PC-Bereich seither positioniert sind: ganz oben! Doch dieses Ziel wurde verfehlt. Mit der Vorstellung der Lumia-Geräte mit vorinstalliertem Windows Phone 7 setzte man auf eine intuitiv zu bedienende Benutzeroberfläche gepaart mit modernen Geräten, die für Lifestyle stehen sollten. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Gleichzeitig zeigt sich der Trend, dass der Absatz von Nokia-Devices im Smartphone-Geschäft kontinuierlich abnimmt. Zudem behaupten Experten, Microsoft verliere bereits seit Jahren Anteile am Smartphone-Markt. Axel Oppermann, Senior Advisor bei der Experton Group, sieht Gründe dafür: „Neben einer verfehlten Auswahl an Hardwarepartnern (OEMs) ist insbesondere die Zurückhaltung der Mobilfunkprovider (Carrier) ein zentraler Faktor für das Scheitern von Windows Phone. Vor allem in Deutschland und Europa sind die Aktivitäten der Carrier nicht wesentlich mehr als Lippenbekenntnisse und strategischer Opportunismus.“ Zudem würden die Vorgaben in Bezug auf die technische Ausstattung der Geräte die OEMs und Carrier einengen und erschwerten so die Positionierung am Markt, da es kaum Chancen für Alleinstellungsmerkmale gebe. Auch Sascha Pallenberg, Blogger bei Netbooknews, sieht es ähnlich: „Windows-Phone-7-Plattformen bieten bisher nicht ein Hardware-Feature, welches führend im Vergleich zu iOS- und Android-Smartphones ist.“
Fakt ist: Es musste gehandelt werden, denn iOS und Android wurde nicht wirklich herausgefordert. Mit Windows 8 soll jetzt alles besser werden. Neue Metro-Oberfläche, neue Touch-Funktionen, neue Geräteklassen – so weit, so gut, doch reicht das alles? Robert Virkus, CEO bei Enough Software, stellt fest: „Erstmals präsentiert sich Microsoft durch die Metro-Oberfläche als einheitliches und sofort erkennbares Produkt, und das vom Fernseher über PC und Tablet bis zum Telefon.“ Zudem werde eine Portierung von Windows 8 und Windows Phone 8 ähnlich einfach wie zwischen Android-Phone und Android-Tablet.
Doch wenn dies einfach nur „ähnlich einfach“ wird, warum sollte ein Unternehmen dann umsteigen? Ein Grund könnte zum Beispiel sein, dass die Möglichkeit besteht, mobile Devices in vorhandene Unternehmensinfrastrukturen, wo Microsoft bekanntermaßen die Vormachtstellung besitzt, zu integrieren. „Der größte Unterschied zu anderen Betriebssystemen ist, dass man mit Windows 8 sowohl ein Tablet- als auch ein PC-Betriebssystem bekommt. Man wird also Tablets ins Büro mitnehmen können und diese dann als normalen PC-Ersatz mit Maus und Tastatur und den von Windows 7 bekannten Anwendungen weiternutzen können“, so Robert Viskus. Auch Hersteller sehen Vorteile in der Integration. „Produkte mit Windows 8 können problemlos in bestehende Infrastrukturen eingebunden werden, sei es im privaten oder im geschäftlichen Umfeld“, meint Carsten Schröder, Business Manager Notebooks bei HP Deutschland. So sei die parallele Nutzung von mobilen wie stationären Geräten mit Windows 8 noch besser möglich als bei einer IT-Infrastruktur mit verschiedenen (mobilen) Betriebssystemen.
Zudem möchte der Konzern mit Windows 8 den viel zitierten Trends namens „Consumerization of IT“ und „Bring your own Device“ mit Windows 8 eine Plattform bieten. Eine neue Funktion nennt sich „Windows to go“, also eine komplette Windows-Installation auf einem USB-Stick. Dies soll Mitarbeitern das mobile Arbeiten im Unternehmensnetzwerk erleichtern. „Wenn ich mit meinem mobilen Endgerät arbeite, muss ich dieses nicht mehr ins Unternehmensnetzwerk einbinden, sondern ich starte es von einem externen Medium (USB-Stick). Der Vorteil besteht darin, dass mit diesem Gerät keine Daten ins Unternehmensnetzwerk eingeschleppt und rausgezogen werden können“, erklärt Boris Schneider-Johne, Product Manager Windows von Microsoft Deutschland. Man arbeite also in einer definierten Umgebung, die die IT genau kenne und kontrolliere. Sobald der Stick entfernt werde, handele es sich wieder um das ursprüngliche Gerät, das es vorher war. Zum anderen kann die komplette Arbeitsumgebung mit nach Hause genommen werden, ohne dass beispielsweise ein Notebook transportiert werden muss.
Bei der Entwicklung von Windows 8 legte Microsoft Schwerpunkte auf neue Touch-Funktionen, die vor allem das mobile Arbeiten mit Tablets erleichtern sollen. Doch wo kommen diese wirklich zum Tragen? Bei der Integration der Office-Familie, etwa bei Excel, scheint ein klassisches Keyboard-Maus-Szenario günstiger, welches an stationären PCs zum Einsatz kommt. „Es müssen relativ viele Zahlen getippt und hin- und hergeschoben werden. Dabei müssen die Zellen exakt getroffen werden. Die Bildschirmtastatur besitzt niemals dieselbe Haptik einer normalen Tastatur, also kann man einfach nicht dieselbe Tippsicherheit erreichen“, ist sich Boris Schneider-Johne sicher. Vorteile sieht er beim Internet-Browsing. Mit ein paar Gesten aus dem Handgelenk sollen Internetseiten hin- und her- geschoben und zwischen Anwendungen und Websites einfach gewechselt werden können. „Bei einer Touch-Anwendung kommt es eben nicht grundsätzlich darauf an, bestimmte Punkte zu finden, sondern dass Bewegungen und Gesten etwas auslösen können – egal an welcher Stelle sie auf dem Bildschirm ausgeführt werden“, meint Schneider-Johne. Ob das jetzt etwas revolutionär Neues ist, sei einmal dahingestellt – denn Konkurrenzprodukte punkteten davor bereits mit ähnlichen Funktionen. Zugute halten sollte man allerdings, dass mit Windows 8 jetzt nicht nur das bloße Betrachten, sondern auch die aktive Bearbeitung von Tabellen und Dokumenten auf einem Tablet möglich ist. Dies könnte Unternehmen zu einem Wechsel der Mobile-Device-Strategie bewegen. Sascha Pallenberg, Blogger bei Netbooknews, beschreibt ein mögliches Szenario: „Stellen Sie sich vor, Sie bearbeiten im Büro ein Word- oder Excel-Dokument an Ihrem Desktop-PC, der via Microsofts Skydrive Ihre Dokumente in der ‚Cloud‘ sichert. Sie verlassen den Arbeitsplatz, um während einer Präsentation diese Daten zu benutzen, wollen jedoch auf dem Weg zum Termin noch Anpassungen an Ihrem Notebook durchführen, auf dem dieses Dokument bereits synchronisiert wurde. Zur eigentlichen Präsentation ziehen Sie den Bildschirm Ihres Notebooks ab, der nun als autarkes Tablet fungiert, und schließen dieses an den Beamer an.“ Der Blogger ist überzeugt, dass Microsoft hier im Vergleich zu iOS und Android einen entscheidenden Vorteil besitzt. „Diese Konzepte trennen nicht Welten, sondern Universen und das wird Microsoft auch entsprechend darstellen."
Spannend wird es mit Sicherheit werden, wenn Windows 8 auf dem Markt erscheint. Gängigen Meinungen nach soll der Erscheinungstermin spätestens im Frühjahr nächsten Jahres sein. Laut Experton-Analyst Axel Oppermann ist der Erfolg von Windows 8 nicht nur für Microsoft von entscheidender Bedeutung, sondern vielmehr auch für die OEMs. Denn für Unternehmen wie HP oder Acer sei der Erfolg von Apple schmerzlicher als für Microsoft selbst, denn sie brauchen für einen wachsenden Markt ein adäquates Betriebssystem. Bezogen auf Windows 8 für Tablets mit ARM-Chip* schätzt Axel Oppermann die Erfolgsaussichten wie folgt ein: „Das obere Marktsegment ist durch Apple mit dem Prestige-Device ‚iPad‘ besetzt. Am unteren Ende sind Android-Geräte zu finden. Windows-8-RT-Geräte müssen sich zwischen diesen Polen einpendeln – und es ist fraglich, ob das gelingt.“
Konkurrenz belebt das Geschäft – Nutznießer von Microsofts Angriff auf iOS und Android könnten Unternehmen und deren Mitarbeiter durchaus sein. Damit allerdings der große Wurf auch gelingt, sollte Windows 8 mit den passenden Devices nicht zu spät auf dem (mobilen) Markt erscheinen. Denn wie Erfahrungswerte zeigen, könnte Apple noch in diesem Jahr mit dem iPhone 5 erneut vorlegen und somit die Offensivbemühungen von Microsoft in Bezug auf den Smartphone-Markt ausbremsen.
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