16.06.2017 Risikokapital

Erfolgreiche Startups trotz schwieriger Finanzierung

Von: Ingo Steinhaus

Startups haben im Schnitt 18 Mitarbeiter und benötigen 2,2 Millionen Euro Kapital. Es gibt zwar zu wenig Risikokapital, aber der Staat springt ein.

Es gibt viele Kriterien für den wirtschaftlichen Erfolg, eines davon ist die Anzahl der Arbeitsplätze, die ein Unternehmen schafft. Dabei kommt die deutsche Startup-Szene gut weg: In der Befragung von 250 Startups durch den IT-Branchenverband Bitkom stellte sich heraus, dass jedes Jungunternehmen im Schnitt 18 Arbeitsplätze geschaffen hat. Bei einer gleichlautenden Umfrage im Vorjahr waren es erst 15, im Jahr davor sogar nur 13 Mitarbeiter.

Der Beschäftigungstrend zeigt also nach oben und tatsächlich gehen mehr als drei Viertel der Gründer (77%) davon aus, dass sie neue Mitarbeiter einstellen werden. Jeder zweite schätzt, dass er ein bis drei zusätzliche Stellen schaffen kann. Jeder fünfte Gründer möchte sogar mehr als zehn neue Mitarbeiter einstellen. Das ist ein deutlicher Hinweis für Erfolg, es müsste mehr davon geben.

Doch das hängt nicht nur von Marktgegebenheiten ab, sondern auch von der Finanzierung. In den ersten Jahren gelingt es den wenigsten Neugründungen, sich durch ihre eigene Geschäftstätigkeit zu finanzieren und benötigt Kapitalzuflüsse. Das ist in Deutschland nicht so einfach, denn traditionelle Wege wie Geschäftskredite funktionieren nicht für Startups. Banken haben sich fast vollständig aus der Finanzierung der Digitalwirtschaft verabschiedet.

Frühphasenfinanzierung hat sich verbessert

Also Risikokapital und das nicht zu knapp. Nach Untersuchungen des IT-Branchenverbands Bitkom benötigt das durchschnittliche deutsche Startup in den nächsten zwei Jahren jeweils 2,2 Millionen Euro Kapital. Das Problem: Nur 30 Prozent der Jungunternehmen haben die notwendige Finanzierung schon zusammen, die meisten müssen das Geld noch auftreiben. Der Finanzierungsbedarf ist in einer vergleichbaren Höhe wie bei der Untersuchung des Vorjahres, in der 2,4 Millionen Euro Bedarf für zwei Jahre ermittelt wurden.

„Die Finanzierungssituation für Startups in Deutschland hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Gerade bei Finanzierungsrunden im ein- bis zweistelligen Millionenbereich – in der Wachstumsphase – ist es aber hierzulande nach wie vor sehr schwierig Investoren etwa für eine internationale Expansion zu finden“, sagt Bitkom-Geschäftsleiter Niklas Veltkamp. Immerhin: Nach Erhebungen des „Deutschen Startup Monitor“ (DSM) sammelten die gut 1.200 befragten Startups zusammen 1,1 Milliarden Euro ein.

Trotz der insgesamt positiven Entwicklung ist die Finanzierung oft prekär, denn mehr als 80 Prozent der DSM-Startups nutzen die eigenen Ersparnisse als Finanzierungsquelle, ein Drittel greift darüber hinaus auf Kapital aus dem Familien- und Freundeskreis zurück. Das zeigt deutlich, dass die Finanzierungsinstrumente bei weitem nicht ausreichen. Die Startups haben sich (gezwungenermaßen) in dieser Situation eingerichtet: Laut Bitkom-Statistik halten es 85 Prozent für wahrscheinlich oder sehr wahrscheinlich, dass sie die nötigen Investments einwerben können.

Ein Vergleich mit dem Silicon Valley zeigt, dass Finanzierungen dort oft um den Faktor zehn größer sind. Vor allem aussichtsreiche Unternehmen mit einem beweisbar funktionierenden Geschäftsmodell haben keine Probleme, auch dreistellige Millionenbeträge einzusammeln. Natürlich ist dieses Finanzierungsparadies nicht von heute auf morgen entstanden. Dahinter steckt eine Entwicklung, die bereits vor einigen Jahrzehnten begann. Es ist also noch viel zu tun in Deutschland, auch wenn es Erfolge gibt. So ist inzwischen die Zeit kurz vor und nach der Gründung durch Business Angels und herkömmliche Wirtschaftsförderung gut abgedeckt.

Wachstumsfinanzierung ist zu schwach

Private Investoren engagieren sich hierbei seit einiger Zeit verstärkt. Ein Beispiel: Der Berliner VC Point Nine Capital, der sich auf Frühphasenfinanzierung besonders von SaaS-Anwendungen und Marktplatz-Services spezialisiert hat, legte vor ein paar Tagen einen neuen Fonds mit einem Kapitalvolumen von 75 Millionen Euro auf. Und demnächst startet der High-Tech Gründerfonds (HTGF) in seine dritte Runde. Er investiert ab Herbst dieses Jahres pro gefördertem Unternehmen bis zu drei Millionen Euro, ausnahmsweise auch mehr. Allerdings werden von diesen Fonds jeweils nur die ersten Phasen der Unternehmensentwicklung berücksichtigt. Was dagegen fehlt, ist eine nachhaltige Wachstumsfinanzierung, die auch längere Durststrecken überstehen kann.

Woran liegt es? Grundsätzlich ist in Deutschland genügend Kapital vorhanden. Doch bisher engagieren sich die Family Offices der deutschen Milliardäre und Multimillionäre nur wenig in der Startup-Finanzierung. Spötter meinen, es handele sich hier eben um ganz altes Geld, das eifersüchtig gehütet wird und deshalb nicht mehr innovativ wirken kann. Denn Wachstumsfinanzierung ist risikoreich. Die Beträge sind höher als in der Frühphase, die Verlustwahrscheinlichkeiten aber ähnlich hoch. Wer auf das stilvolle Altern seines Geldes Wert legt, wird sich hier also kaum engagieren.

Es gibt aber noch eine weitere Option: Der Staat springt ein, so wie das beispielsweise in der herkömmlichen Wirtschaftsförderung für die Frühphase der Fall ist. Hier soll es nun zur Ergänzung der traditionellen Instrumente eine bundeseigene Beteiligungsgesellschaft geben, die nach einem Spiegel-Bericht Anfang 2018 als Tochter der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW-Bank) gegründet wird. Laut der KfW besteht hier eine jährliche Finanzierungslücke von 500 bis 600 Millionen Euro. Die KfW will bis 2020 das jährlich vergebene Risikokapital auf 200 Millionen Euro verdoppeln, sodass in den nächsten zehn Jahren rund zwei Milliarden Euro zur Verfügung stehen.

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