16.03.2017 Autonome LKW

Erst kommen teilautomatisierte Fahrfunktionen

Von: Ina Schlücker

Bevor autonome LKW auf deutschen Autobahnen rollen, werden sich zunächst teilautomatisierte Fahrfunktionen wie das Einhalten der Spur durchsetzen, glaubt Dr. Kay Lindemann, Geschäftsführer beim Verband der Automobilindustrie e. V. (VDA).

Dr. Kay Lindemann, Verband der Automobilindustrie

Dr. Kay Lindemann, Geschäftsführer beim Verband der Automobilindustrie e. V. (VDA)

Herr Lindemann, auf welchem Stand befindet sich derzeit die Entwicklung von autonomen, selbstfahrenden Lastkraftwagen?
Kay Lindemann:
Zunächst gilt es, die Begriffe und Erwartungen in die richtige Reihenfolge zu bringen: Selbstfahrende Lastwagen – wir sprechen allgemein vom fahrerlosen Fahren – sind noch diverse Schritte entfernt. In diesem Stadium wird der Mensch nur noch Passagier sein, das Fahrzeug übernimmt die Fahraufgabe dann zu 100 Prozent. Auf dem Weg dorthin werden zunächst teilautomatisierte Systeme kommen: Dabei übernimmt ein elektronischer Assistent zum Beispiel die Querführung, also das Einhalten der Spur. Auch teilautomatisierte Fahrfunktionen sind in der Pipeline. Später werden wir hochautomatisierte Fahrzeuge sehen, die schon über einen längeren Zeitraum die Fahraufgabe selbstständig erledigen. Der Fahrer muss auch dann allerdings noch präsent sein, um jederzeit übernehmen zu können.

Vorstellbar ist, dass schon in wenigen Jahren erste hochautomatisierte LKW unterwegs sein werden. Der Fahrer würde dann mit einem solchen Fahrzeug auf die Autobahn auffahren, an den elektronischen Assistenten übergeben, der dann das Fahrzeug bis zur nächsten Ausfahrt selbstständig auf der rechten Spur steuert. Der Fahrer muss dabei wie gesagt präsent sein, um übernehmen zu können, wenn ihn das System dazu auffordert.

Welche Voraussetzungen müssen erst noch gegeben sein, um die Verbreitung autonomer LKW voranzutreiben?
Lindemann:
Die Bundesregierung hat einen nationalen Gesetzentwurf zum automatisierten Fahren auf den Weg gebracht. Demnach muss der Fahrer beim automatisierten Fahren bestimmte Sorgfaltspflichten beachten. Die in den nächsten Jahren geplanten Systeme des automatisierten Fahrens werden verlangen, dass der Fahrer stets übernahmebereit ist und er die Voraussetzungen für den bestimmungsgemäßen Gebrauch des Fahrzeugs beachtet. Die deutsche Automobilindustrie begrüßt diesen Regierungsentwurf.

Stichwort Sicherheit: Wie können zum einen Unfälle im Straßenverkehr und zum anderen Angriffe durch Hacker vermieden werden?
Lindemann:
Wir können aus einzelnen Unfällen von automatisierten Fahrzeugen lernen, dass eines ganz wichtig ist: Sicherheit geht bei der Entwicklung vor Schnelligkeit. Deswegen verkaufen die deutschen Hersteller und Zulieferer nur Produkte, die sie sicher beherrschen und die sie verantworten können. Wir geben daher keine konkrete Prognose ab, wann fahrerloses Fahren in hochkomplexen Situationen möglich sein wird. Wir brauchen auf absehbare Zeit noch immer den Fahrer und seine Aufmerksamkeit. Und natürlich hat auch die Absicherung der Fahrzeuge gegen Angriffe von außen bei vernetzten Fahrzeugen höchste Priorität.

Die ersten autonomen Lastkraftwagen sollen in Konvois vorrangig auf Langstrecken unterwegs sein. Warum lohnt sich der Einsatz auf Kurzstrecken und der „letzten Meile“ eher weniger?
Lindemann:
Platooning kann sinnvoll sein und Vorteile bringen, wenn LKW über längere Strecken mit konstanter Geschwindigkeit fahren. Hier liegt der Vorteil vor allem in der besseren Aerodynamik des Fahrzeugzuges. Das ist aber abseits der Autobahn kaum der Fall.

Ein Blick auf deutsche Fahrzeughersteller: Inwieweit tragen deren Bemühungen rund um selbstfahrende Lastkraftwagen erste Früchte? Welche Projekte wurden bereits erfolgreich umgesetzt?
Lindemann:
Unsere deutschen Nutzfahrzeughersteller sind Treiber der Digitalisierung des Transports. Das war bei der IAA Nutzfahrzeuge vor einigen Monaten eindrucksvoll zu sehen. Unser Ziel ist, nicht nur die Hardware zu verkaufen, sondern auch die Software und dazugehörige Mobilitätsanwendungen. Gerade im Nutzfahrzeugbereich sind logistische Mobilitätsdienste gefragt, die einen Nutzen für den Spediteur, den Fuhrunternehmer, für jeden in der Logistik bringen. Schon heute sind mehrere hunderttausend Trucks und Trailer von deutschen Herstellern vernetzt. Das ist eine exzellente Absprungbasis für die Logistik der Zukunft.

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