14.06.2017 Verkehr der Zukunft

Fahrerlose Autos boomen - bei Risikokapital

Von: Ingo Steinhaus

Der Individualverkehr ist tot, er riecht nur noch nicht so. Ersetzt wird er vermutlich durch ein System aus fahrerlosen Elektroautos, in das Milliarden-Investments fließen.

Kein Fahrer, kein Lenkrad - sehen Autos bald anders aus?

Bei fahrerlosen Autos zeigen alle Kurven nach oben: Die Aufmerksamkeit für das Thema in der Google-Suche steigt, die Investments gehen durch die Decke, Apple sieht im autonomen Fahren das nächste große Ding und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Thema entdeckt. Die Vorstellung, in 20 Jahren kein eigenes Auto mehr zu besitzen, hat einige Plausibilität.

Milliarden für das Ende des Individualverkehrs

Vor allem die Investments in Unternehmen und Startups zeigen, dass es hier um einen Zukunftsmarkt geht. Der Venture Scanner beobachtet in der Rubrik „Connected Transportation“ 1125 Unternehmen in insgesamt 66 Ländern, die für ein Investitionsvolumen von 71 Milliarden Dollar stehen. Allerdings: Mit ungefähr 40 Milliarden Dollar ist in den letzten Jahren mehr als die Hälfte der Investments in den Bereich der Fahrtenvermittlung (Uber, Didi & Co.) gegangen. Für das fahrerlose Auto verzeichnet die Statistik ein Investitionsvolumen von etwa 4,5 Milliarden Dollar.

Einen enormen Aufschwung haben die Investitionen in diesem Jahr genommen, stellen die Analysten von CBInsights fest. Investierten Risikokapitalgeber in den letzten beiden Jahren jeweils etwas mehr als eine Milliarde Dollar in Automotive-Startups, so waren es in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bereits 1,3 Milliarden Dollar. Dabei sind enorm viele Startups in einem Bereich tätig, der sich unter dem Oberbegriff „Elektrische Robotertaxi-Services“ zusammenfassen lässt.

Anders ausgedrückt: Weltweit arbeiten Startups, aber auch Tochterunternehmen hiesiger Autohersteller am Ende des Individualverkehrs. Es ist nicht zu vermeiden, da das Verkehrssystem des westlichen Typs angesichts von 1,2 Milliarden Menschen in Indien und 1,5 Milliarden Menschen in China kaum plausibel ist. Es sind dafür weder genügend Rohstoffe noch Umweltressourcen auf unserem Planeten vorhanden.

Trotzdem bleibt der Wunsch nach individueller Mobilität groß. Mit einem IT-inspirierten Begriff ließe sich die Lieblingsvorstellung der meisten Menschen als Ende-zu-Ende-Mobilität bezeichnen. Die verwirklichen wir im Moment mit dem persönlichen Auto, weil es jederzeit zur Verfügung steht und seine Passagiere direkt von A nach B bringt.

Das aktuelle Verkehrssystem kann letztlich nur durch ein System ersetzt werden, das genau diese Anforderungen erfüllt, wenn es erfolgreich sein soll. Deshalb also der Ersatz des eigenen Autos durch ein per Cloud gemanagtes System aus Robotertaxis, die entweder sehr kurzfristig individuell bestellt werden oder regelmäßige Routen fahren und dann schlicht ein autonomer Bus sind.

Der lange Weg zum elektrischen Robotertaxi

Noch ist es allerdings nicht so weit, es wird noch jede Menge Zwischenstufen und parallele Entwicklungen geben. So ist beispielsweise die Technologie für echte, 100prozentig alltagsgeeignete fahrerlose Autos noch nicht da. Es gibt zurzeit lediglich Vorstufen, die bei gutem Wetter auf der Autobahn schon einiges leisten, aber an der Verkehrsrealität vor allem in den Großstädten scheitern. Hier gibt es dann zwei Konzepte: Tesla und einige andere Unternehmen glauben daran, dass eine Kombination aus mehreren Kameras, Abstandsradar und Ultraschallortung zusammen mit der KI-Technologie „Computer Vision“ ausreichend ist. Andere Unternehmen, unter anderem Google-Tochter Waymo, propagieren Lidar, ein 3D-Laser-System, das die Umgebung und vor allem andere Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Radfahrer deutlich besser erfassen soll.

Bis dahin gibt es allerdings schon Car Sharing - eine Möglichkeit, auch kurzfristig ein Auto zu benutzen. Das funktioniert allerdings nur in Großstädten einigermaßen gut. Es kommt bei einem solchen Konzept auf die Flottendichte an, die sich in ländlichen Gegenden wegen der geringen Siedlungsdichte nur schwer erreichen lässt. Beides hängt zusammen: Viele Menschen gleich große Flotte, wenige Menschen gleich großer Flop.

Dieses Problem wird auch ein Robotertaxi-System anfangs haben, sicher ein Hindernis bei Verbreitung und Akzeptanz. Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Ein Robotertaxi-System funktioniert am besten, wenn ausschließlich autonome Fahrzeuge unterwegs sind. Dann können sich die KI-Autos untereinander koordinieren und dürften ihren Passagieren eine recht beeindruckende Durchschnittsgeschwindigkeit bieten.

Aufgrund des Problems mit der Flottendichte werden sich in der Anfangszeit Autos mit und ohne Fahrer die Straße teilen müssen. Doch es ist durchaus möglich, dass in einem solchen Mischsystem fahrerlose Autos extrem defensiv fahren und häufig aufgrund von Fahrfehlern der Menschen stoppen müssen. Auch dies dürfte der Akzeptanz der Robotertaxis nicht gerade förderlich sein. Ein Ausweg lässt sich in den Äußerungen der Bundeskanzlerin erkennen: Der Staat greift ein und ändert die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Verkehrssystem.

Dafür gibt es eine historische Parallele: Anfang des 20. Jahrhunderts teilten sich Fußgänger und die erst wenigen Autos gemeinsam die Straßen. Aufgrund zahlreicher Unfälle mit tödlichen Folgen erhielten Fußgänger ein Straßenverbot. Dadurch stieg die Durchschnittsgeschwindigkeit der frühen Autos, sie zogen deshalb vermehrt Käufer an und der Siegeszug des Individualverkehrs begann. Er könnte auf ähnliche Weise wieder enden, wenn auch nicht unbedingt schon 2037.

Bildquelle: Thinkstock

 

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