„Erfolg oder Misserfolg der Firefox OS Plattform werden auch die Frage aufwerfen, welchen Anteil HTML5 daran hatte”, sagt Dr. Hermann Lichte, Director Innovation Management bei der Net Mobile AG.
Herr Dr. Lichte, was genau ist „net-m OS“?
Dr. Hermann Lichte: Es handelt sich um ein White-Label-Betriebssystem für Smartphones und für Telekommunikationsanbieter. Damit ist es auch für Unternehmen möglich, ein auf die individuellen Bedürfnisse maßgeschneidertes Betriebssystem herzustellen, das auf der Mozilla Technologie basiert. Der Funktionsumfang des Systems lässt sich auf die jeweiligen Anforderungen konfigurieren. Das meint nicht nur die Auswahl vorinstallierter Apps, wie es beispielsweise bei Android bereits üblich ist, sondern insbesondere die Funktionen des Systems selbst und die darin integrierten externen Dienste.
Warum benutzen Sie Firefox OS als Basis?
Lichte: Da die Benutzeroberfläche (Gaia) vollständig mit Webtechnologien realisiert wurde, werden uns besonders kurze Entwicklungszyklen ermöglicht. Entwicklungskosten und Time-to-Market können somit gering gehalten werden. Darüberhinaus schafft ein webbasiertes System eine viel bessere Integrationsmöglichkeit mit webbasierten Diensten, wie sie gerade in unternehmensweiten Intranets gebräuchlich sind.
Welche Chancen für Unternehmen bieten angepasste mobile Betriebssysteme?
Lichte: Das Unternehmen kann eine mobile Lösung anbieten, die einerseits die Arbeitseffizienz der Mitarbeiter erhöht, andererseits die Anforderungen der IT an Sicherheit konsequent umsetzt, um unternehmensspezifische Standards vollständig zu erfüllen ohne dabei Kompromisse eingehen zu müssen.
Autohersteller versiegeln heute die Kameras ihrer Mitarbeiterhandys, damit keine Fotos von Prototypen auf den Markt gelangen können. In einem voll konfigurierbaren System wie dem net-m OS kann der Gerätetreiber zur Kameraansteuerung komplett entfernt werden.
Ein unternehmenseigenes OS schafft also Sicherheitsvorteile?
Lichte: Ein eigenes System ist der Sicherheit äußerst dienlich. Bei proprietären Systemen ist unklar, welche Daten über die Mobilnutzer erhoben und für welche Zwecke sie genutzt werden. Die IT-Abteilungen der Unternehmen können die Funktionsweise der Mitarbeiterhandys mit unserer Hilfe exakt spezifizieren und erhalten dadurch Kenntnisse aller Parameter des Systems. Unser OS bietet außerdem spezielle Sicherheitstechniken, beispielsweise eine integrierte Datenverschlüsselung. Da die erfolgreichen Smartphone-Betriebssysteme in den USA entwickelt werden, sind gerade für europäische Unternehmen komfortable Cloud-Lösungen in diesen Systemen problematisch.
Wie lässt sich das System absichern, damit nicht jeder Nutzer aus dem Web Apps installieren kann?
Lichte: Im Zuge unserer Lösung können wir die bestehende API zur Installation von Anwendungen so ändern, dass beispielsweise die Signierung einer Anwendung mit bestimmten Zertifikaten zur Voraussetzung einer Installation wird. Nicht-zertifizierte Anwendungen ließen sich dann nicht mehr installieren.
Was für Kosten fallen für ein eigenes System an?
Lichte: Die Kosten sind sehr unterschiedlich und hängen stark vom geforderten Funktionsumfang ab. Dienste und Funktionen, die wir bereits als Lösungskomponenten entwickelt haben und damit direkt in das System konfigurieren können, sind günstiger als firmenspezifische Neuentwicklungen.
Wie können Unternehmen App-Stores realisieren?
Lichte: Mozilla bietet eine spezielle Schnittstelle (API) an, um App-Stores zu entwickeln. Basierend auf dieser API haben wir mit dem „net-market“ einen White-Label App-Store für Firefox OS gebaut. Ursprünglich wollten wir uns damit an Netzbetreiber richten, um ihnen eine Alternative zu Apple oder Google anbieten zu können. Inzwischen sind wir aber schon so weit, dass wir Unternehmen einen „Intranet-App-Store“ zur Verfügung stellen können. Damit bekommen IT-Abteilungen volle Kontrolle über das Angebot der Apps für ihre Mitarbeiter und könnten Software automatisiert verteilen.
Wie weit ist HTML5 als Basis dieser Technologien?
Lichte: An HTML5 werden hohe Erwartungen als Technologie für App-Stores im Speziellen und App-Entwicklung im Allgemeinen geweckt. Erfolg oder Misserfolg der Firefox-OS-Plattform werden dann immer auch die Frage aufwerfen, welchen Anteil HTML5 daran hatte.
Wie gestaltet sich die Partnersuche, speziell in Deutschland?
Lichte: Tatsächlich gestaltet sich die Partnersuche im internationalen Umfeld für uns derzeit besser als in Deutschland. Wir führen gerade Gespräche mit virtuellen Netzbetreibern (MVNOs) im Ausland, die großes Interesse an einer Lösung haben. Als deutsches Unternehmen möchten wir die Vorteile unserer Lösung natürlich auch potentiellen Kunden in Deutschland vorstellen.
Und wie läuft die Zusammenarbeit mit Mozilla?
Lichte: Mozilla zeigt großes Interesse an den zusätzlichen Funktionen, die unsere Lösung bietet. Auf dem Mobile World Congress haben wir Kontakte mit Mozilla in Mountain View geknüpft und stehen in Verbindung mit Mozilla Representatives in Europa. Wir präsentieren uns in der Community und nehmen gemeinsam mit einem Mozilla Representative am Mobile Forum Stuttgart am 17. Mai 2013 teil.
Bildquelle: Net Mobile