28.09.2017 Das letzte Aufgebot

Firefox „Quantum“ 57 - Quantensprung oder Tod

Von: Ingo Steinhaus

Firefox verliert Benutzer und versucht gegenzusteuern, mit einer vollkommen neu entwickelten Browser-Engine und einer moderneren Benutzeroberfläche.

Schnell, schneller, Firefox Quantum?

Schnell, schneller, Firefox Quantum?

Firefox war mal der Lieblings-Browser aller Microsoft-Hasser und hatte 2010 einen weltweiten Marktanteil von mehr als 30 Prozent. Doch dann kam Google und hat den Open-Source-Browser mit dem schnellen und schlanken Chrome zum Nischenprodukt degradiert. Der weltweite Anteil des Browsers auf Desktopcomputern ist im Laufe der Jahre auf etwa 12-14 Prozent abgesunken, Chrome dagegen dominiert den Markt mit 60 Prozent.

Überarbeiteter Firefox 57 mit mehr Speed

Der von der Mozilla Foundation herausgegebene Firefox ist dagegen auf dem absteigenden Ast. Im Jahr 2016 lag der Rückgang in der Verbreitung bei etwa zehn Prozent, bis Mitte dieses Jahres verlor er noch einmal etwa 22 Prozent seiner Installationen. Lediglich Deutschland agiert noch als gallisches Digitaldorf: Chrome hat hier 33 Prozent Marktanteil, Firefox 31. Das liegt wohl daran, dass Datenschutz in Deutschland immer noch in etwas größeren Buchstaben geschrieben wird als anderswo.

Denn wirklich vertrauenerweckend ist der Einsatz von Chrome nicht. So werden alle möglichen Daten an Google gesendet und durch die Verknüpfung mit anderen Google-Diensten sowie den Google-Apps für Android sind Chrome-User ein ordentliches Stück gläserner als ihre Firefox-Kollegen. Doch offensichtlich sind den Anwendern solche Dinge nicht wichtig, entscheidend ist anderes: Chrome ist schneller, verbraucht weniger Speicherplatz und lässt sich flüssiger bedienen.

Zudem gibt es auch hier wieder einen der typischen Netzwerkeffekte im Internet: Da Chrome immer mehr Nutzer anzieht, erscheinen auch immer mehr interessante Erweiterungen nur für diesen Browser, die dann wiederum weitere Nutzer von der Konkurrenz abziehen. So ist es beispielsweise inzwischen üblich, dass Startups mit attraktiven Webservices (SaaS) das Chrome-Addon mit hoher Priorität behandeln - es erscheint früher und wird schneller aktualisiert.

Hier ist guter Rat gefragt für Firefox und der heißt „Firefox 57“ mit der neuen, schnellen und speicherfreundlichen Browser-Engine Quantum. Gestern ist die Beta erschienen und kann hier heruntergeladen werden. Die Werbung für die runderneuerte Version spart nicht mit Superlativen: Firefox Quantum sei doppelt so schnell wie die aktuelle Version und brauche 30 Prozent weniger Ressourcen als Chrome. Kurz: Mozilla versucht Google in seinem eigenen Feld zu schlagen. Das ist allerdings auch dringend nötig, denn trotz diverser Aktualisierungen in den Versionen 52-55 braucht Firefox bei intensivem Gebrauch bislang gerne zwei Gigabyte RAM und mehr.

Neuerungen in Firefox Quantum

Bei der neuen Version gibt es drei wichtige Änderungen: Erstens die neue Browser-Engine Quantum, die mehrere Prozessorkerne nutzen kann, um Daten schneller zu laden und zu verarbeiten. Sie ist vollständig neu entwickelt worden, sodass es keine speicherfressenden Altlasten mehr gibt. Darüber hinaus hat das aktive Tab beim Seitenaufbau und bei Downloads Priorität, sodass der Browser die Webseiten schneller darstellt.

Zweitens ist die Benutzeroberfläche modernisiert worden. Das neue Design trägt den Namen Photon und bietet eine überarbeitete, moderner wirkende Optik. Die Tab sind jetzt eckig, die meisten Symbole sind erneuert worden und es gibt jetzt deutlich mehr Anpassungsmöglichkeiten, vor allen Dingen für die Bedienung mit dem Touchscreen.

Drittens ist die Schnittstelle für die Addons erneuert worden. Firefox unterstützt ab Version 57 ausschließlich Erweiterungen, die die sogenannte WebExtensions-API verwenden. Sie unterstützt ebenfalls die Multi-Prozessor-Architektur der neuen Browser-Engine, sodass auch Addons schneller arbeiten. Das bedeutet aber auch, dass alte Erweiterungen nicht mehr funktionieren.

Das hat für einigen Wirbel in der Community gesorgt. Einige Entwickler, die ihre Erweiterung eher als Hobby vorantreiben, wollen die neue API nicht unterstützen. Andere scheuen den Aufwand einer völligen Neuentwicklung und bieten nur eine eingeschränkte Version an, beispielsweise der Programmierer des beliebten Download-Managers DownThemAll.

Diese Neuerungen bedeuten für Firefox einen Neustart. Sie dürften der letzte Versuch sein, die Dominanz von Chrome noch zu brechen oder wenigstens aufzuhalten. Immerhin wird durch das neue Addon-Format Kompatibilität hergestellt, sodass auch Chrome-Erweiterungen jetzt leicht nach Firefox portiert werden können. Ob das aber schon ausreicht, um verlorene Anwender wieder zurückzugewinnen, wird sich noch zeigen.

Bildquelle: Thinkstock

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