23.05.2017 Geschäftsmodelle gefragt

Industrie 4.0 engt die Wirtschaft ein

Von: Ingo Steinhaus

Die deutsche Wirtschaft redet zu viel über Automatisierung und Industrie 4.0, aber zu wenig über Geschäftsmodelle im Internet der Dinge.

US-Unternehmen erobern die Heime der Verbraucher. Denn nach dem Amazon Echo kommt jetzt auch Google Home nach Deutschland. Zwar ist ein Markterfolg noch nicht sicher, aber das hatten wir schon mal, vor zehn Jahren. Seit Januar 2008 gibt es Facebook offiziell in Deutschland. Nach dem ersten Quartal hieß es ziemlich vollmundig in den Medien: Ein Fehlstart, das US-Netzwerk kommt gegen StudiVZ & Co. nicht an. Und heute? Heute gibt es nur noch Facebook.

Diese Geschichte könnte sich bei den Sprachsteuerungen für Haus und Hof wiederholen, denn marktgängige Alternativprodukte von deutschen Unternehmen gibt es gar keine. „Mit dem Sprach-Interface in deutschen Oberklasse-Limousinen kann man nicht mal eine Pizza bestellen“, schimpft Stefan Ried, Principal Analyst bei Crisp Research.

In seinem Blogbeitrag kritisiert er den Industrie-4.0-Hype: Alle reden darüber, aber es kommen kaum Innovationen bei den Endkunden an. Der Grund ist für ihn eine Verengung des Blickwinkels: „Das Verständnis von Industrie 4.0 ist in der Breite vollkommen auf die nächste Generation der industriellen Fertigung fokussiert.“ Es fehle dagegen an der Entwicklung von digitalen Geschäftsmodellen und innovativen Produkten im Internet der Dinge.

Das Potenzial des IoT gilt als gigantisch. So gaben drei Viertel der im Vodafone IoT Barometer befragten Unternehmen an, dass sie das Internet der Dinge als entscheidend für den zukünftigen Unternehmenserfolg sehen. Fast 90 Prozent der Unternehmen haben für dieses Jahr ein Budget für IoT-Projekte und etwa 40 Prozent wollen smarte, vernetzte Produkte und Services entwickeln. Das sind Produkte, die mit Sensoren ausgestattet und internetfähig sind. Dadurch besitzen sie Fähigkeiten, Daten zu sammeln, zu analysieren, zu versenden und zu empfangen.

Drei Möglichkeiten für neue IoT-Geschäftsmodelle

„Die Schaffung datengetriebener Geschäftsmodelle ist der Kern der Entwicklung von Strategien für das Internet der Dinge“, sagt Digitalberater Bernhard Steimel. Für ihn ist wichtig, die Daten zu analysieren und zu kombinieren, sodass daraus Smart Data wird. „Bei Smart Services steht der Nutzer im Mittelpunkt, da dank Smart Data ein personalisiertes Kundenerlebnis und ein individueller Service möglich werden.“ Steimel sieht drei Möglichkeiten für Unternehmen, neue Geschäftsmodelle im Internet der Dinge zu entwickeln:

  • Im ersten Modell werden bereits vorhandene Produkte mit zusätzlichen Services ausgestattet, die das Internet der Dinge nutzen. Ein Beispiel wäre eine Kaffeemaschine für die gewerbliche Nutzung, die bei Problemen den Monteur selbsttätig bestellt.
  • Zweitens können die Unternehmen neue Produkte entwickeln, die auf die Möglichkeiten des IoT ausgerichtet sind. Ein solches Produkt sind beispielsweise die beliebten Fitness-Armbänder, die alle möglichen Daten an ein Smartphone oder die Cloud übertragen.
  • Eine dritte Möglichkeit sind Smart Services, rein digitale Dienstleistungen, die entweder für sich alleine stehen oder ein Smart Product ergänzen. Ein Beispiel dafür wären die Stauinformationen, die Google über die Auswertung der Bewegungsdaten von Android-Nutzern allen Maps-Anwendern anbietet.

In der Konsequenz erleben die Unternehmen, dass sich die Wertschöpfung verschiebt - vom Geräteverkauf zu einem service-basierten Geschäftsmodell, bei dem die Hardware zum Teil nur noch als Türöffner wirkt. Ein Beispiel: Kärcher hat für seine Geschäftskunden eine eigene Service-Plattform unter dem Namen Connected Cleaning aufgebaut. Dort können Gebäudereiniger ihre Einsätze planen oder anhand der Gerätedaten die Reinigungszeiten analysieren und dokumentieren. Ein anderes Beispiel für Smart Services gibt es bei Klöckner. Unter dem Label Klöckner.i vermarktet das Unternehmen eine Reihe von digitalen Tools, die auf die Bedürfnisse seines Stammmarktes - dem Stahlhandel - ausgerichtet sind.

Die beiden Unternehmen haben Tausende Mitarbeiter und machen Umsätze im Milliardenbereich. Sie gehören zu den Vorreitern bei der digitalen Tranceformation und im Einsatz von Smart Services. Auf der Hannover-Messe zeigte sich, dass sie nicht alleine sind. Sehr viele Unternehmen arbeiten an intelligenten Lösungen, vom smarten Garagentor bis hin zu Cloud-basierten Heizungssteuerungen. Die deutsche Wirtschaft ist ins Internet der Dinge aufgebrochen, doch es ist tatsächlich noch zu viel von vollautomatisierten Smart Factories und anderen Effizienzverstärkern aus der Industrie 4.0 die Rede. Interessante und wirklich innovative Produkte für Endkunden fehlen noch.

Bildquelle: Thinkstock

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