Manufacturing

Innovation schweißt zusammen

Die Einführung der Robotertechnik revolutionierte die Maschinenbranche maßgeblich, worauf die Zeiten, in denen schwere Produktionsmaschinen ausschließlich manuell betätigt wurden, vorbei waren. Demgegenüber ist die Einbindung von mobilen Endgeräten in den Industriealltag ein nicht ganz so einschneidendes Ereignis. Dennoch: Ob in der Logistik, im Service oder Vertrieb – an Einsatzgebieten mangelt es nicht.

Der Ruf des deutschen Maschinenbaus ist seit jeher exzellent, nicht umsonst ist er einer der führenden Industriezweige in der Bundesrepublik. Als wichtiger Wirtschaftsfaktor legt er zudem den Grundstein für kontinuierlich hohe Exportquoten. Viele internationale Kunden schätzen sowohl die Qualität als auch die Verarbeitung verschiedenster Produkte, seien es Automobilkomponenten wie Getriebetypen, Anlagenkomponenten oder Teile aus der Feinmechanik. Um diesen Qualitätsstandard auch in Zukunft beibehalten zu können, ist es wichtig, Innovationen offen gegenüberzustehen.

Dort wo am Anfang der 1970er-Jahre die Robotertechnik den Maschinenbau grundlegend revolutionierte, ist heutzutage praktisch jede Produktionshalle mit entsprechender Automatisierungstechnik ausgestattet. Ein ähnliches Ziel verfolgen mittlerweile Hersteller von Mobilgeräten und entsprechenden Anwendungen. Mobility soll schließlich Einzug in die Maschinenbaubranche erhalten. Doch werden nicht die Produktion, sondern vielmehr andere Unternehmensbereiche als Orte des mobilen Arbeitens auserkoren: In der Logistik und im Vertreib etwa laufen bei vielen Industrieunternehmen Arbeitsprozesse bereits mobil ab.

Fertigung im Griff

Gerade auf der kürzlich abgeschlossenen Cebit stellten Anbieter, etwa aus dem Enterprise-Ressource-Planning-Umfeld (ERP), verstärkt branchenspezifische Anwendungen für produzierende Unternehmen vor. Wesentlich präsenter wird das Thema jedoch auf der bald beginnenden Industriemesse in Hannover sein – dies jedenfalls versprechen die Hersteller mit Vorankündigungen neuer mobiler Anwendungen gerade für die Maschinenbaubranche. Profitieren sollen dabei möglichst viele Unternehmensabteilungen – welche das sind, weiß Uwe Kutschenreiter, Vorstand Vertrieb und Marketing der Oxaion AG: „Da ist zuerst der gesamte Bereich Service zu nennen. Hinzu kommen der Vertrieb und die Mitarbeiter in der Logistik, die von mobilen Endgeräten zunehmend unterstützt werden.“ Doch auch im Bereich der Fertigung haben mobile Endgeräte durchaus ihre Daseinsberechtigung. Ein konkretes Einsatzszenario beschreibt  Prof. Dr. Jürgen Kletti, Gesellschafter und Geschäftsführer der MPDV Mikrolab GmbH, ein Anbieter von Manufacturing-Execution-Systemen (MES): „Bei seinem Rundgang durch die Produktion erhält der Fertigungsleiter eine Nachricht, dass die Ausschussquote* signifikant angestiegen ist. Mit seinem Tablet-PC kann er mit wenigen Klicks feststellen, wo genau der Grund für die Verschlechterung zu suchen ist, und daraufhin sofort Kontakt mit den Verantwortlichen aufnehmen. Diese klären mit den Mitarbeitern vor Ort, worauf die hohen Ausschusszahlen zurückzuführen sind.“ Da es sich um ein Qualitätsproblem handele, habe auch der QS-Beauftragte eine Nachricht bekommen. Über sein Tablet kann er sich den relevanten Prüfplan und die Prüfergebnisse der letzten Tage ansehen. „Gemeinsam wird eine Lösung für das Problem gefunden, direkt in der Fertigung und ohne zeitraubende Meetings im großen Kreis“, führt Jürgen Kletti fort.

Ein weiteres Einsatzgebiet ist der Unternehmensbereich Lager und Logistik, wo mobile Endgeräte bereits seit einiger Zeit im Einsatz sind. Gerade bei OEM-Herstellern, die eine Vielzahl unterschiedlichster Bauteile in großen Stückzahlen produzieren, sind die Lagerregale meistens gut gefüllt. Den Überblick zu behalten, welche Produktgruppen in welcher Menge und an welchem Ort gelagert sind, ist hier das A und O. Deshalb tragen viele Lagermitarbeiter spezielle mobile Scanner mit sich, die mit entsprechenden Lesemodulen für Barcodes oder RFID-Technologie ausgestattet sind. So werden u.a. tägliche Warenein- und -ausgänge mobil erfasst und dokumentiert. Außerdem können beliebige Produkte deklariert und den entsprechenden Lagerbereichen zugeordnet werden. „Die Daten werden vor Ort und zum Zeitpunkt der Entstehung erfasst – die Informationen sind somit schnell verfügbar und unnötige Wege werden reduziert“, erklärt Karl Tröger, Leiter Produktmanagement der Psipenta Software Systems GmbH.

Nie mehr Servicewüste

Doch nicht nur Fertigung und Lager können von mobilen Arbeitsprozessen profitieren. Gerade im Bereich Service und Instandhaltung helfen mobile Devices bei Wartungsvorgängen und Reparaturen von Maschinen – sowohl extern beim Kunden als auch auf dem eigenen Firmengelände. MPDV Mikrolab definiert dies als sogenannte „smarte Instandhaltung“. „Über sein Smartphone wird der entsprechende Mitarbeiter über eine Maschinenstörung informiert. Sofort kann er sich mit dem gleichen Gerät die notwendigen Informationen zur betroffenen Maschine anzeigen lassen, online einen Instandhaltungsauftrag generieren und die Problempunkte vor Ort mit der eingebauten Kamera dokumentieren“, erläutert Geschäftsführer Jürgen Kletti. Die Bilder werden automatisch dem Instandhaltungsauftrag und der Maschinenhistorie zugeordnet. Genauso kann sich der Mitarbeiter gespeicherte Informationen zu früheren Ausfällen ansehen. „Basierend auf den historischen Daten und dem aktuellem Zustand kann er entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, und diese sofort in die Wege leiten – und das alles ohne Wegezeiten und Handnotizen direkt an der Maschine.“

Ein ähnlicher Ablauf existiert auch analog für Serviceeinsätze. Möglich macht dies das im vorhandenen ERP-System integrierte Servicemanagement, welches sämtliche Funktionen auch mobil verfügbar macht. „Das bedeutet, dass der Service-mitarbeiter auf alle denkbaren Geräteinformationen vor Ort Zugriff hat. Er weiß, was wann und wo verbaut wurde, und verfügt über die komplette Gerätehistorie. Somit kann er auch verbindliche Aussagen über die Verfügbarkeit von Ersatzteilen treffen“, meint Uwe Kutschenreiter von Oxaion.

Mobil durchgestartet

Für die Kundenzufriedenheit ist jedoch nicht nur eine entsprechend hohe Servicequalität ausschlaggebend. Auch eine möglichst schnelle und korrekte Lieferung der Produkte ist für die Kundenbeziehung von großer Bedeutung. Wie das Management der Lieferkette mittlerweile mobil unterstützt wird, zeigt ein Beispiel des Hamburger Unternehmens Airbus Spares and Support Services, das weltweit rund 5.000 Flugzeuge mit Ersatzteilen, Werkzeugen und entsprechenden Dienstleistungen versorgt. Im Rahmen der Studie „Internationale Bestandsaufnahme und Potentialanalyse zur Entwicklung innovativer mobiler IT-Anwendungen in Wirtschaft und Verwaltung“, durchgeführt für das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi), wird der Einsatz einer mobilen Supply-Chain-Management-Lösung vorgestellt. Diese löste papierbasierte Prozesse ab – im Detail geht es um das Management des Einsatzes von 11.500 Spezialmaschinen, die im Leasingverfahren zur Wartung der Flugzeuge an rund 250 Wartungsgesellschaften und Fluglinien verliehen werden. Im Kern basiert die Lösung auf dem Einsatz von RFID-Technologie.

So integriert der Anwender bereits seit einigen Jahren Hochleistungs-RFID-Chips in die vermieteten Spezialwerkzeuge. Auf einem jeweiligen Chip sind sowohl die Identifikationsmerkmale eines Werkzeugs gespeichert als auch  dessen Einsatzhistorie. Zudem werden Schäden und Verschleiß darauf festgehalten. Laut Studie werden mittels eines mobilen Lesegerätes die Daten auf dem RFID-Chip ausgelesen und unmittelbar an das ERP-System von Airbus übertragen. Mit der Mobilisierung des Managements der Spezialwerkzeuge sollen Erfassungsfehler vermieden und Prozesse automatisiert werden. Der größte Effizienzvorteil entsteht laut Unternehmen dadurch, dass einige Prozesse seither nicht mehr linear, sondern zeitlich parallel durchgeführt werden können. Die Kunden und der Anwender selbst sind jederzeit über den aktuellen Status des Werkzeugs informiert. Diese Informationen werden direkt für die weitere Einsatzplanung berücksichtigt. Beschädigungen des Werkzeugs werden etwa bereits vor Ort beim Kunden bekannt und Airbus kann eine Reparatur im Kalibrierungs- und Reparaturshop einplanen, bevor es zum nächsten Kundeneinsatz geschickt wird, heißt es in der Studie.

Was Airbus Spares and Support Services bereits erfolgreich eingeführt hat, könnte für manches Maschinenbauunternehmen sicherlich auf der Agenda für dieses Jahr stehen. Doch bei aller Euphorie, neuen Trends wie Mobility zu folgen, sollten Traditionsunternehmen jedoch nicht ihre Kernkompetenzen aus den Augen verlieren. Denn was nützt etwa eine verbesserte Lagerverwaltung, wenn Bauteile künftig fehlerhaft und verschleißbehafteter daherkommen? Dann doch lieber zuerst in die Wartung von veralteter Robotertechnik investieren – die mobile Instandhaltung folgt dann einfach im nächsten Schritt.

 

*Ausschussquote

Die Ausschussquote gibt den prozentualen Anteil von Produktionsteilen wieder, die für den vorgesehenen Zweck endgültig nicht mehr verwendet werden können.

Bildquelle: Thinkstock/ iStockphoto

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