14.06.2017 Digitalisierung der Versicherungsbranche

Insurtechs bringen den Markt in Bewegung

Von: Kathrin Zieblo

Junge Insurtech-Unternehmen haben es sich zum Ziel gesetzt, die klassische und streng regulierte Versicherungsbranche mithilfe neuer Technologien und alternativer Geschäftsmodelle zu verändern. Im letzten Jahr ist ein regelrechter Hype um die zahlreichen Start-up-Gründungen entfacht, der klassische Versicherer zum Umdenken zwingt.

Der Versicherungsbranche steht eine große digitale Umstrukturierung bevor. Etablierte Unternehmen betrachten die aktuellen Entwicklungen, ausgelöst durch Insurtechs, gleichermaßen skeptisch und aufmerksam. Derzeit lässt sich nur schwer einschätzen, welche Auswirkungen diese auf das künftige Marktgeschehen haben werden. „Nach den USA ist Deutschland der zweitgrößte Markt für Insurtechs – das ist eine hervorragende Ausgangsbasis“, beschreibt Rupert Schäfer, Gründer und Managing Partner der The Nunatak Group, die Situation. „Die neuen Player tragen zu einem Strukturwandel in der Versicherungswirtschaft bei und bieten Kunden zunehmend attraktive Alternativen zu klassischen Versicherern. Gleichzeitig zwingen sie aber auch die klassischen Versicherer zum Umdenken“, so Schäfer weiter.

Auslöser der Neugestaltung ist die Digitalisierung, die neue Geschäftsmodelle und Software-Tools hervorgebracht und inzwischen alle wichtigen Bereiche der Versicherung – ob Beratung, Vertrieb, Vertragsabschluss, Bestandsverwaltung oder Schadensabwicklung – erfasst hat. Die klassischen Versicherungskonzerne hinken diesbezüglich in weiten Teilen noch hinterher. Dies spiegelt sich in einem schlechten Digitalzeugnis wider: Für 59 Prozent der Bundesbürger haben die meisten Assekuranzunternehmen den Sprung in das digitale Zeitalter noch nicht geschafft. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Digitale Versicherung 2017“, für die im Auftrag des Software-Herstellers Adcubum mehr als 1.000 Personen bevölkerungsrepräsentativ befragt wurden.

Eines der Hauptprobleme der traditionellen Versicherer ist die mangelnde Transparenz, denn für viele Kunden sind das Produktportfolio und die Bedarfsanalysen schwer zu durchschauen. Hinzu kommt der Wunsch nach schnelleren Bearbeitungszeiten und flexibleren Angeboten etwa in Form von On-Demand-Versicherungen.

Aufgrund dieser veränderten Kundenansprüche und dem generellen Kulturwandel haben sich Insurtechs auf die Fahne geschrieben, Versicherungen von Grund auf kundenfreundlicher, günstiger und insgesamt einfacher zu gestalten. Dies ist dringend notwendig, denn „die deutsche Versicherungsbranche hat seit vielen Jahren keine großen Innovationen gesehen. Insurtechs sind wichtig, um Alternativen und Ergänzungen zu klassischen Versicherungsangeboten zu bieten und die Branche transparenter, unkomplizierter und kundenfreundlicher zu machen“, schildert Tim Kunde, Geschäftsführer und Mitgründer von Friendsurance, seine Wahrnehmung. Eine immer wichtigere Position nimmt in diesem Zusammenhang die Erreichbarkeit über soziale Medien ein. Facebook beispielsweise entwickelt sich bereits seit Jahren von einer reinen Kommunikationsplattform zu einem Vertriebskanal, über den zwar keine direkten Abschlüsse generiert werden, aber zumindest der wertvolle Erstkontakt oder Anbahnungen möglich sind.

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Dies belegt ein weiteres Ergebnis der genannten Studie, laut derer 56 Prozent der Deutschen kein Problem damit haben, eine Versicherung komplett im Internet abzuschließen. Insgesamt zeigen sich die hiesigen Versicherungskunden sehr offen gegenüber Apps und Online-Services, um beispielsweise wichtige Vertragsdaten selbst ändern oder den Status einer Schadensmeldung in Echtzeit nachverfolgen zu können.

Diesen Bedarf haben Insurtechs erkannt, sich bestimmte Aspekte bestehender Geschäftsprozesse herausgepickt und neu gestaltet. Im Fokus liegt dabei hauptsächlich die Schnittstelle zum Kunden – zumeist mithilfe moderner Technologien wie dem Smartphone. Aber auch die Nachfrage nach Beratungsangeboten per Messenger oder Video-Chat nimmt vor allem bei der jüngeren Generation stetig zu. „Technikaffine Millenials sind gegenüber Online-Services wie Chat und Video-Chat deutlich offener bzw. setzen diese Services voraus. Sie schließen Versicherungen bereits online ab und benötigen hierfür keinen persönlichen Ansprechpartner“, weiß Rupert Schäfer zu bestätigen. „Dennoch handelt es sich dabei heute noch um eine Minderheit. Bei den weniger digitalen Zielgruppen hingegen findet die Informationsbeschaffung bereits überwiegend online statt, der Abschluss erfolgt jedoch noch bei dem Vertreter ihres Vertrauens“, konkretisiert der Nunatak-Gründer.

„Unter einer digitalen Versicherung verstehe ich, dass das Unternehmen in jedem einzelnen Schritt sowohl digital denkt als auch digital arbeitet – und der Kunde das auch spürt.“ Tim Kunde, Geschäftsführer und Mitgründer von Friendsurance

Ähnliches schildert Christoph Lodde, Geschäftsführer und CMO von Clark, wenn er sagt, dass „der persönliche Kontakt für einige Kunden immer noch wichtig ist. Persönlich heißt bei uns, dass wir – auf Wunsch – unsere Kunden per Telefon, Chat oder Video-Chat beraten. Es wird auch in Zukunft noch Bedarf für die Offline-Beratung von Person zu Person geben, auch wenn diese Form der Beratung zurückgeht“.

Vorteile als Insurtech?

Doch was unterscheidet die bekannten Assekuranzen eigentlich von den jungen Insurtechs? „Besonders das digitale Arbeiten ist für viele Versicherungsunternehmen eine Herausforderung: Während Insurtechs ihre Organisation und Prozesse von Anfang an digital aufbauen, wird in großen Unternehmen oft keine Notwendigkeit dafür gesehen, weil das althergebrachte System ja irgendwie funktioniert. Die Umstellung fällt ihnen daher oft schwer“, liefert Tim Kunde eine Erklärung.

Darüber hinaus sehen sich etablierte Versicherer mit komplexen Regulierungen – etwa in Bezug auf Bafin-Lizenzen – konfrontiert. Jeder, der in Deutschland Bank- oder Finanzdienstleistungsgeschäfte betreiben will, benötigt dafür eine schriftliche Erlaubnis. Eine solche Erlaubnis geht mit strengen regulatorischen Anforderungen einher, die beispielsweise eine Mindest- bzw. Anfangskapitalausstattung, etwa für potentielle Schadenszahlungen, beinhaltet. Bei vollständiger Risikoübernahme ist zudem die Zusammenarbeit mit einem Rückversicherer unerlässlich. Ganz zu schweigen von einer umfangreichen Datenbasis, die für die Berechnung der angesetzten Versicherungsbeiträge maßgeblich ist.

Weil die Markteintrittsbarrieren für Neugründungen sehr hoch sind, konzentriert sich die zahlenmäßig größte Gruppe der Start-ups auf zwei Bereiche: zum einen auf die digitale Versicherungsverwaltung bzw. das Management per App und zum anderen auf ein Versicherungsvergleichsportal und mitunter auch Tarifoptimierungen. Die Mehrheit verfolgt also (zumindest noch) nicht die Absicht, eigenentwickelte Versicherungsprodukte zu vertreiben bzw. zu verkaufen, sondern widmet sich (lediglich) der Aufgabe, die Verwaltung, Dokumentation und Bewertung vorhandener Produkte zu vereinfachen.

Dabei stellt sich jedoch die Frage, wo da der häufig genannte Mehrwert für den Verbraucher liegt, Versicherungsverträge in eine App einzupflegen und eine Übersicht zu erhalten. Einmal abgeschlossen, haben die meisten Versicherungen schließlich keine direkte Alltagsrelevanz.

Von Disruption keine Spur

So unüberschaubar die Start-up-Landschaft und die verschiedenen Angebote derzeit sein mögen, lässt sich bei vielen ein gemeinsames Problem beobachten: Es fehlt der revolutionäre Gedanke, der den Versicherungsmarkt tatsächlich nachhaltig verändern könnte. Viele der Geschäftsmodelle und Services bestehen vorrangig aus Verbesserungen der User Experience. Was jedoch fehlt, ist ein Alleinstellungsmerkmal, um sich von der breiten Masse abzuheben. 

„Obwohl Insurtechs den klassischen Versicherern aktuell erst einen relativ kleinen Anteil des Geschäfts abspenstig machen, ist es nicht auszuschließen, dass sich das Verhältnis der Neuabschlüsse in Zukunft deutlicher zu Gunsten digitaler Kanäle oder Anbieter verschieben wird. Der Druck auf die großen Versicherer steigt.“ Rupert Schäfer, Gründer und Managing Partner der The Nunatak Group

Das gilt natürlich nicht für alle: Im Vorteil scheinen jene Jungunternehmer zu sein, die sich mit neuartigen Versicherungsideen beschäftigen. Dazu zählen u. a. Schutzklick oder Appsichern, die beispielsweise Versicherungen für spezielle Gegenstände – Haushalts-, Elektronik oder Sportgeräte – anbieten. Als Kunde ist man also nicht an starre Policen und die darin gelisteten Gegenstände gebunden, sondern kann individuell entscheiden und den Bedarf situationsabhängig festlegen.

Auch sogenannte Gruppenverträge, die den ursprünglichen Gedanken einer Versicherung neu aufgreifen, sind im Kommen. „Als wir unser Peer-to-Peer-Modell 2010 eingeführt haben, waren wir der einzige Anbieter am Markt. Mittlerweile gibt es ein eigenes Segment für Peer-to-Peer-Versicherungen mit über 25 Anbietern weltweit“, schildert Tim Kunde. Bei Friendsurance werden Versicherte mit derselben Versicherungsart zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen, die ihre Beiträge in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Im Schadensfall unterstützen sich die Mitglieder bis zu einer bestimmten Summe gegenseitig. Bleibt die Gruppe schadensfrei, erhalten die Mitglieder einen Teil ihrer Beiträge zurück. „Bislang haben über 80 Prozent der Nutzer Beiträge zurückbekommen – im Kompositbereich durchschnittlich rund 30 Prozent der eingezahlten Beiträge“, so Kunde weiter.

Konkurrenz von anderer Seite

Doch es sind nicht allein Insurtechs, die für Wirbel in der Versicherungsbranche sorgen. Zu beobachten ist gleichfalls, wie vermehrt Nicht-Versicherungskonzerne in den Markt vorzudringen versuchen. Wenn sich Kfz-Versicherer mit Autovermietern und Herstellern zusammentun, ist das nachvollziehbar. Dass auch Uber oder Car-Sharing-Anbieter passende Kfz-Policen bieten, im weitesten Sinne auch. Ein Beispiel, an das man sich in Zukunft wohl gewöhnen muss, ist etwa das Angebot des Online-Portals Hepling, welches Putzkräfte für Privatpersonen vermittelt und nebenbei gleich auch den nötigen Haftpflicht- und Unfallversicherungsschutz von Axa.

„Schlanke Geschäftsprozesse und unbürokratische Entscheidungsfindungen ermöglichen es Start-ups, nah am Kunden und mit hoher Geschwindigkeit zu agieren. Das ist bei Versicherern nicht immer so gegeben.“
Christoph Lodde, Geschäftsführer und CMO von Clark

Dass Krankenversicherer dazu übergehen, Zusatzleistungen in Abhängigkeit von übermittelten Daten von Smartwatches und Fitness-Trackern offerieren, ist schon jetzt bekannt. Künftig wird sich dann wohl auch niemand mehr darüber wundern, wenn ein amerikanischer Hersteller von internetfähigen elektrischen Zahnbürsten Zahnzusatzversicherungen anhand des Putzverhaltens anbietet. Ähnlich verhält es sich mit der zunehmenden Verbreitung von Smart-Home-Anwendungen und die damit einhergehende Verknüpfung mit Sachversicherungen (z.B. Rauchmelder gegen Feuerschäden).

Ein bislang vielleicht noch unterschätzter Einfluss wird in diesem Zusammenhang von Big Data ausgehen. Die Art, wie Risiken gemessen und Versicherungsbeiträge ermittelt werden, wird sich ändern. Bisher basieren die meisten Risikomodelle ausschließlich auf Daten von vergangenen Ereignissen. Durch die Nutzung von Big-Data-Lösungen lassen sich künftig auch aktuelle Daten für die Wahrscheinlichkeitsberechnung nutzen. Vergleichbares beschreibt der Friendsurance-Geschäftsführer: „Was außerdem die Versicherungsbranche stark beeinflussen wird, ist das Internet of Things. Ein Thermostat stellt z.B. eine ungewöhnliche Temperatur fest, meldet dies via Internet und so werden Brände, Überschwemmungen etc. schneller erfasst und Schäden geringer gehalten oder verhindert. Man kommt also an mehr Daten, um Schäden zu antizipieren und aktiv zu verhindern, in der Folge intelligenter zu kalkulieren und bessere Preise zu bieten.“

Die digitale Zukunft der Versicherer

Derzeit genießen Insurtechs in Deutschland viel Aufmerksamkeit, nicht zuletzt deshalb, weil der durch sie entstandene Wettbewerb das Geschäft belebt und alteingesessene Versicherer dazu treibt, ihre Dienstleistungen und Services kritisch zu hinterfragen. Denn der Trend hin zu kundenfreundlicheren und transparenteren Lösungen wird anhalten. Weil sich viele der Start-up-Angebote ähneln, liegt die Vermutung nahe, dass einige wieder vom Markt verschwinden werden, bevor sie sich überhaupt einen Namen machen konnten. Andere werden dank Kooperationen und Vernetzung klassische Versicherer dabei unterstützen, den Markt um innovative Lösungen zu bereichern. Denn nicht jedes neugegründete Insurtech versteht sich selbst unbedingt als Konkurrent. So treten manche von vornherein als Unterstützer in Sachen bessere Kundenkommunikation an oder vermitteln beispielsweise Leads von Kunden, die sich zwar online informieren, aber eine persönliche Beratung schlussendlich doch vorziehen. „Viele Versicherer reagieren auf die Entwicklungen im Markt und beteiligen sich an Start-ups, gründen eigene Inkubatoren und optimieren ihre oft veralteten internen Strukturen und Prozesse. Gewinner dieser Entwicklungen wird letztendlich der Kunde sein“, schließt Rupert Schäfer.


Versicherungstechnologie
Der Begriff Insurtech setzt sich aus den englischen Wörtern Insurance und Technology zusammen und bezeichnet zumeist Start-ups im Versicherungsbereich, die neue Dienstleistungen und/oder Geschäftsmodelle auf Basis digitaler Technologien entwickeln. Ziel der jungen Unternehmen ist es, die etwas veraltete Welt der Versicherungen aufzumischen.


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