21.06.2017 Strukturwandel in der Versicherungswirtschaft

Insurtechs machen Versicherungen kundenfreundlicher

Von: Kathrin Zieblo

Wie gelingt es Insurtech-Start-ups etablierte Versicherungskonzepte zu digitalisieren und damit kundenfreundlicher zu gestalten? Antworten liefert Rupert Schäfer, Gründer und Managing Partner der The Nunatak Group, einer digitalen Strategieberatung aus München.

Rupert Schäfer, The Nunatak Group

„Die neuen Player tragen zu einem Strukturwandel in der Versicherungswirtschaft bei und bieten Kunden zunehmend attraktive Alternativen zu klassischen Versicherern", so Rupert Schäfer.

Herr Schäfer, wie bewerten Sie die derzeitige Rolle von Insurtechs in Deutschland?
Rupert Schäfer:
Nach den USA ist Deutschland der zweitgrößte Markt für Insurtechs – das ist eine hervorragende Ausgangsbasis. Die neuen Player tragen zu einem Strukturwandel in der Versicherungswirtschaft bei und bieten Kunden zunehmend attraktive Alternativen zu klassischen Versicherern. Gleichzeitig zwingen sie aber auch die klassischen Versicherer zum Umdenken, und das ist gut so. Nutzer erwarten heute transparente, individualisierte und verständliche Produkte. Insurtechs leisten gerade einen signifikanten Beitrag dazu, die Branche stärker an Kundenbedürfnissen in einer immer digitaler werdenden Gesellschaft auszurichten.

Investoren haben das Innovationspotential längst erkannt und setzen auf die neue Generation von Unternehmen, die insbesondere die wachsende Smartphone-Zielgruppe mit innovativen Lösungen bedient. Viele Versicherer reagieren auf die Entwicklungen im Markt und beteiligen sich an Start-ups, gründen eigene Inkubatoren und optimieren ihre oft veralteten internen Strukturen und Prozesse. Gewinner dieser Entwicklungen wird letztendlich  der Kunde sein.

Erläutern Sie kurz, was Sie grundsätzlich unter einer digitalen Versicherung bzw. einem digitalen Vertrieb verstehen.
Schäfer:
Primär geht es darum, die Geschäftsmodelle von Versicherungen zu digitalisieren und für den Nutzer konsequent einfacher, verständlicher und individueller zu machen. Die wohl größte Innovation findet hier aktuell im Bereich neue Produkte (z.B. nutzungsbasierte Kfz-Versicherung basierend auf gefahrenen Kilometern) und Vertrieb im Privatkundengeschäft statt. Im digitalen Vertrieb überzeugen Insurtechs beispielsweise bei der Customer Akquisition, durch die Digitalisierung von Antragsstrecken und bei der Customer Retention. Hingegen fällt es klassischen Versicherern oft deutlich schwerer, ihre Produkte und Services rein online anzubieten.

Wie wichtig ist heute die persönliche Beratung in Kombination mit einem Treffen? Und wie gefragt sind vergleichsweise dazu persönliche Gespräche über Telefon, Chat oder Video-Chat?
Schäfer:
Das hängt ganz klar von Zielgruppen und der Komplexität des Produktes ab (Reiserücktritt vs. Lebensversicherung). Technikaffine Millenials sind gegenüber online Services wie Chat und Video-Chat deutlich offener, bzw. setzen diese Services voraus. Sie schließen Versicherungen bereits online ab und benötigen hierfür keinen persönlichen Ansprechpartner. Dennoch handelt es sich dabei heute noch um eine Minderheit. Bei den weniger digitalen Zielgruppen hingegen findet die Informationsbeschaffung bereits überwiegend online statt, der Abschluss erfolgt jedoch noch bei dem Vertreter ihres Vertrauens.

Obwohl Insurtechs den klassischen Versicherern aktuell erst einen relativ kleinen Anteil des Geschäfts abspenstig machen, ist es nicht auszuschließen, dass sich das Verhältnis der Neuabschlüsse in Zukunft deutlicher zu Gunsten digitaler Kanäle oder Anbieter verschieben wird. Der Druck auf die großen Versicherer steigt.

Was können etablierte Versicherer Ihrer Meinung nach von Insurtech-Start-ups lernen?
Schäfer:
Das wohl bedeutendste Learning ist, den Kunden und Nutzer in das Zentrum seiner Angebote zu stellen. Digitale Produktentwicklung findet nutzerzentriert statt und passt sich an deren Bedürfnisse an. Hier können Versicherungen viel von den Insurtechs lernen und müssen ihr Produktportfolio verbessern. Falls es Versicherern allerdings gelingt, ihr starkes Vertriebsfundament mit innovativen digitalen Produkten zu kombinieren, haben Insurtechs das Nachsehen.

Wagen Sie eine Prognose für die nächsten Jahre: Auf welche Veränderungen muss sich die Versicherungsbranche einstellen?
Schäfer:
Das disruptive Potential neuer Technologien wird weiter rasant zunehmen. Technologischer Fortschritt findet exponentiell und nicht linear statt. Die Versicherungsbranche ist hiervon nicht ausgenommen, auch wenn es Regulatorien deutlich schwerer machen den Markt zu erschließen.

Insurtechs werden in Zukunft zunehmend versuchen, neben dem Vertrieb in weiteren Wertschöpfungsprozessen der Versicherer stattzufinden. Big Data, kognitive Technologien oder Automatisierung von Prozessen bieten bereits heute innovative Ansätze, um auch den Betrieb von Versicherungen zu revolutionieren und hieraus neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Versicherer müssen es schaffen ihr exzellentes Know-how im Versicherungsbetrieb zu nutzen, um mit echten Angebotsinnovationen auch in der digitalen Welt zu punkten, noch bevor sich Insurtechs das erforderliche Know-how aneignen.

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