Industrie 4.0 - das Stichwort klingt ein bisschen zu preußisch, um weltweit verstanden zu werden. Schon in den beiden Nachbarländern Schweiz und Österreich kennt nicht einmal jeder zweite Manager diesen Begriff, wie eine Studie des IT-Dienstleisters CSC ergab. Doch das dahinterliegende Konzept einer digitalen Netzwerkökonomie mit einem starken produktiven Arm ist weltweit bekannt.
Umgesetzt wird es unter verschiedenen Stichworten, etwa Industrial Internet, Connected Industry, Smart Factory, Smart Services und viele Buzzwords mehr. Die einzelnen Begriffe stehen dabei für Schwerpunkte, die in verschiedenen Regionen durchaus unterschiedlich gewertet werden. Die nächste industrielle Revolution ist international, aber sie ist eine Revolution im Rahmen verschiedener Denk- und Wirtschaftsstile. Stark zugespitzt: Perfektionistisches Verbessern in Deutschland vs. agile Reaktion auf Kundenwünsche in den USA.
Ganz so einfach ist es in der Realität natürlich nicht, die „Industrie-4.0-Stile“ unterscheiden sich nach Regionen und Ländern. Genaueres berichtet ein Ländervergleich der acatech (Deutsche Akademie für Technikwissenschaften). In Interviews mit ausgewählten Experten aus den jeweiligen Regionen ermittelten die Forscher einige Denkstile, die als anekdotisch abgestützte Vorurteile schon länger kursieren. Die Studie unterteilt die Hauptprotagonisten der Industrie 4.0 in vier Großregionen ein, denen sie bestimmte eigene Schwerpunktsetzungen zuordnet.
Die USA stehen für radikale Innovation. Hier wird der Einsatz smarter Technologien ganz pragmatisch, aber immer mit dem Blick auf den Mehrwert für den Kunden vorangetrieben. Das wirtschaftliche Potenzial ist groß, dank des Innovationssystems im Silicon Valley und an anderen Orten. Im Fokus stehen neue Produkte, Services und Geschäftsmodelle mit großem Kundennutzen. Zugleich gibt es in den USA eine gewisse Renaissance der Produktion, da die letzten Wirtschaftskrisen das Land (stärker als die EU) deindustrialisiert hat.
Europa, und hier insbesondere Deutschland, steht für exzellentes Engineering. Einerseits gilt die Digitalisierung in erster Linie als effizienzsteigernde Maßnahme für die industrielle Wertschöpfung, andererseits wird die nächste industrielle Revolution eher als soziotechnische Herausforderung gesehen - die Überlegung einer humanzentrierten Arbeitswelt ist gewissermaßen typisch europäisch. Es geht in erster Linie um den Erhalt der industriellen Wettbewerbsfähigkeit. Deutschland sieht sich dabei in der Rolle als zukünftiger Technologieführer und Leitanbieter für intelligente Produktionssysteme.
Hinter diesen unterschiedlichen Schwerpunkten in den beiden Regionen stehen recht diverse Denkstile. So gibt es in den USA die Tendenz, Produkte und Services in erster Linie vom Kunden her zu gestalten. Er bekommt, was er sich wünscht oder zumindest, was er durch fleißiges Kaufen als seine Präferenz erkennbar macht. Anders in Europa und vor allem in Deutschland. Hier werden Produkte eher von den Funktionen her gedacht. Das typische Beispiel ist die deutsche Autoindustrie, die Unmengen an Geld, Hirnschmalz und Ingenieurstunden in kleine und kleinste Verbesserungen der sowieso schon perfekten und ausentwickelten Fahrzeuge steckt.
Doch diese beiden Regionen sind nicht (mehr) allein auf der Welt. Japan und Südkorea konzentrieren sich stark auf das neue Geschäftsfeld der vernetzten Produktionssysteme für den traditionell starken Maschinenbau- und Elektroniksektor. Die beiden Nationen möchten gerne den Tigerstatus in der Industrieproduktion wiedererlangen (Japan) oder für die Zukunft erhalten (Südkorea) - diesmal unter dem Vorzeichen smarter Technologien.
China positioniert sich als pragmatischer Hochgeschwindigkeitszauberer. Das Riesenland ist bereits stark und wird jährlich stärker. Es setzt alle am Markt erhältlichen Technologien dort ein, wo sie Vorteile bringen. Verglichen mit Deutschland hat China immer noch einen sehr geringen Automatisierungsstatus, doch die Entwicklung von Auftragsfertigern wie Foxconn zeigt, dass sich dies in atemberaubender Geschwindigkeit verändert.
Die Schwerpunkte bei der Industrie 4.0 in den betrachteten Regionen entsprechen relativ genau der aktuellen wirtschaftlichen Situation im Bereich der Digitalwirtschaft. Im internationalen Wettbewerb haben vor allem Deutschland und die USA sehr starke Positionen. Diese beiden Länder zeigen allerdings einen spiegelverkehrten Ist-Zustand:
In den USA gibt es einen extrem starken IKT-Sektor, der in vielen (wenn nicht allen) Bereichen führend ist. Dort ist allerdings die wirtschaftliche Bedeutung der produzierenden Industrie stark gesunken, eine Industrierevolution wirkt wenig plausibel. Nicht ohne Grund ist Apple einer der wichtigsten Auftraggeber von Foxconn.
Deutschland hat dagegen bei System- und Anwendungssoftware, aber auch bei der Definition von Hardware-Standards und der Einführung neuer digitaler Services praktisch keine Bedeutung. Lediglich der IT-Dienstleistungsbereich ist international wettbewerbsfähig. Dagegen sind die Industriesektoren Maschinenbau und Elektronik trotz aller Unkenrufe immer noch weltweit führend - sichtbar an der Exportquote, der Zahl der Plagiate und der Tatsache, dass sich in jedem iPhone Bauteile von Osram, Bosch und anderen hiesigen Unternehmen befinden.
Trotzdem hat sich nach Ansicht des Handelsblatt Research Institute (HRI) bisher kein Land einen Vorsprung erarbeitet, der nicht mehr einzuholen wäre. In einer Studie hat das HRI die Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland, China, Japan und den USA in Sachen Industrie 4.0 verglichen. Sie kommt für Deutschland zu dem Ergebnis, dass die Industrie hier besonders von der hohen Dienstleistungskompetenz der deutschen IT-Branche profitieren kann.
Die Studie empfiehlt den deutschen Unternehmen, verstärkt internationale Kooperationen anzustreben. Dadurch kann sie sich von vornherein den Zugang zu größeren Absatzmärkten sichern. Sie stellt in erster Linie die Zusammenarbeit mit China in den Vordergrund, was sicher auch daran liegt, dass der chinesische Smartphone-Anbieter Huawai Auftraggeber der Untersuchung war.
Die acatech-Studie kommt zu dem Schluss, dass sich Deutschland als „Global Player“ etablieren sollte, um im Rahmen von weltweiten Wertschöpfungsnetzwerken umfassende Geschäftsmodelle verwirklichen zu können. Hierfür ist allerdings nach Ansicht der acatech-Forscher eine gewisse digitale Souveränität notwendig: „In zentralen Technologiefeldern, Diensten und Plattformen sind eigene Fähigkeiten auf Spitzenniveau erforderlich.“
Leider ist eine solche digitale Souveränität nicht so leicht zu erreichen und sie hat auch nicht nur positive Seiten. So ist es einerseits wirklich sinnvoll, technologische Abhängigkeiten abzubauen. Dies betrifft vor allen Dingen den Sicherheitsstatus der Produkte von anderen Anbietern, etwa bei Verschlüsselungslösungen.
Andererseits macht es wenig Sinn, das Rad ständig neu zu erfinden. Neben den „propietären“ Black-Box-Produkten herkömmlicher Anbieter gibt es Dutzende Open-Source-Technologien, die in internationaler Kooperation entwickelt wurden und jederzeit nachprüfbar sind. Sie tragen zwar nur selten den Stempel „Made in Germany“, machen den Anwender aber trotzdem digital souverän.
Und zudem ist es fraglich, ob eine effizienzverliebte Ingenieurnation so ohne weiteres den Silicon-Valley-Denkstil nachahmen kann, der zu Produkten wie Facebook, Amazon oder Google geführt hat. Die etwas schlichte, aber dafür mit Abermillionen subventionierte Idee, eine europäische Suchmaschine zu bauen, hat ja ein eindeutiges Ergebnis gebracht: Nämlich keines.
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