09.12.2015 Vernetzte Welt

Internet of Things: Übernehmen die Roboter?

Von: Tillmann Braun

Das Internet of Things (IoT) kennt scheinbar keine Grenzen. Um sich Marktanteile zu sichern, drängen Unternehmen mit neuen Ansätzen und Lösungen auf den Markt – altbekannte Probleme sorgen allerdings weiterhin für Kopfzerbrechen.

Das Thema Sicherheit bleibt eine Achillesferse für das Internet of Things. Die Suche nach Standards verläuft langsamer, als es der Branche lieb sein drüfte.

Das Beratungsunter­nehmen ­McKinsey geht davon aus, dass das Internet der Dinge in den kommenden zehn Jahren weltweit für einen wirtschaftlichen Mehrwert von 11 Mrd. US-Dollar sorgen wird. Cisco zeigt sich noch optimistischer und rechnet nicht nur mit 50 Milliarden vernetzten Geräten bis 2020, sondern auch mit einem Umsatzpotential von über 14,4 Mrd. ­US-Dollar bis 2022. Die größten Steigerungsraten sieht Cisco dabei in den Bereichen Kundenzufriedenheit und Kunden­bindung, Innovation, Lieferketten und Logistik, der Ressourcennutzung und Kostensenkung sowie der Mitarbeiterproduktivität und erhöhter Arbeits­effizienz.

Nicht zuletzt angesichts derartiger Prognosen verschärft sich der Wettbewerb zwischen den Anbietern deutlich. Mit neuen Angeboten, Eigenentwicklungen sowie Übernahmen versuchen sich viele Unternehmen neu zu positionieren. So erhofft sich Vodafone, mit M2M-Kommunikation das eigene Netz besser auszulasten und als größter Betreiber auch die größten Umsätze zu erzielen. T-Systems wiederum setzt auf seine langjährigen Partnerschaften mit Industrie und Handel, um die eigenen Vernetzungslösungen zu vermarkten. Und selbst ehemals eher branchenfremde Unternehmen wie PTC investieren große Summen in den Aufbau eigener IoT-Bereiche. Ursprünglich auf CAD-Software für die Produktentwicklung fokussiert, kaufte das US-Unternehmen im letzten Jahr gleich zwei IoT-Plattformen auf: zunächst ThingWorx für geschätzte 112 Mio. US-Dollar, dann Axceda für weitere ca. 170 Mio. US-Dollar – per Barzahlung. Im Oktober folgte nun die Unterzeichnung eines weiteren Deals: Die Übernahme von Vuforia samt Augmented-Reality-Plattform lässt PTC sich 65 Mio. US-Dollar kosten.

Weite Bandbreite an neuen IoT-Lösungen

Ob sich der erhoffte Geldsegen einstellen wird, wird sich jedoch erst noch zeigen müssen. Der Gewinn, die Umsatzzahlen sowie der Aktienkurs von PTC sanken im dritten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahr deutlich. Nach Aussage des Unternehmens geht die schlechte Bilanz im Quartalsvergleich allerdings in erster Linie auf die zurückhaltende Geschäftsstimmung im Kerngeschäft zurück. „Im dritten Quartal konnten wir Rekorde bei den Buchungen und beim Umsatz sowie bei Neukunden in unserem ‚Internet of Things‘-Geschäft verbuchen“, sagt James Heppelmann, President und CEO von PTC. Allein im dritten Quartal habe man 78 neue IoT-Kunden gewinnen können.

Der Optimismus ist in der Branche vielerorts zu spüren. Auch bei Björn Peters, Bereichsleiter M2M/IoT bei der Exceet Secure Solutions AG: „Vor allem Maschinenbetreiber und Instandhalter wünschen sich benutzerfreundliche Benutzeroberflächen, die sie darin unterstützen, unternehmensweit den aktuellen Betriebszustand von laufenden Maschinen vernetzter Produktionsanlagen im industriellen Umfeld kontinuierlich zu überwachen sowie zuverlässige Ferndiagnosen durchzuführen“, sieht Peters großen Bedarf und eine steigende Nachfrage. „Mit den richtigen Lösungen können die Unternehmen Geld, Zeit und Ressourcen sparen und besser wirtschaften. Beim heutigen Wettbewerb kann das mitunter entscheidend sein für die Zukunft eines Betriebes.“

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Neben Maschinen und Produktionsanlagen kommen IoT-Lösungen mittlerweile auch in weniger offensichtlichen Anwendungsgebieten zum Einsatz wie in Aufzügen oder gar Abfalleimern, um im Bedarfsfall auf notwendige Wartungsarbeiten oder Füllstände hinzuweisen. „Moderne Aufzüge, Heizungssteuerungen, Störmelder oder auch Notstromgeneratoren sorgen nicht nur für reibungslose Abläufe, sondern helfen Unternehmen oder auch Behörden, durch automatisierte Prozesse Kosten zu sparen, die sie an anderer Stelle reinvestieren können“, sagt Andreas Hopf, Betriebsleiter bei Telegärtner Elektronik aus Crailsheim. „Wenn das System automatisch signalisiert, wann ein Aufzug gewartet werden muss, kann man sich viele Routinekontrollen und somit unnötige Ausgaben sparen. Die Sicherheit wird ebenfalls erhöht, da abgenutzte Verschleißteile vom System rechtzeitig erkannt werden“, weist Hopf auf einen für viele Einsatzgebiete wichtigen Punkt hin.

Weniger um Sicherheit als vielmehr um Effizienz und eine saubere Umwelt geht es bei einem neuartigen Entsorgungssystem des IoT-Spezialisten Cocus. Entsprechend ausgestattete Müllbehälter geben hier in individuell festlegbaren Intervallen u. a. den aktuellen Füllstand über das Internet direkt an eine Datenbank weiter. Somit kann der Betreiber über einen PC, ein Tablet oder auch Smartphones nicht nur jederzeit die Füllstände kontrollieren, sondern zusätzlich die Fahrten der Entsorgungsfahrzeuge effektiver steuern. So sollen sich nicht nur Zeit und Sprit sparen lassen, sondern auch überfüllte Abfalleimer vermieden werden. „Prinzipiell kann das System auch in ganz anderen Bereichen eingesetzt werden“, erklärt Matthias Edelmann von Cocus. „Über eine SIM-Karte wird eine GPRS-Verbindung über das GSM-Netz aufgebaut und dann eine Statusmeldung versendet, die neben Betriebsparametern die Messwerte enthält. Um Energie zu sparen, deaktiviert sich das IoT-Modul nach dieser Meldung wieder“, so Edelmann.

Industrie-4.0-Anwendungen bereits im Einsatz

Eines der wichtigsten Einsatzgebiete von IoT-Technologie ist und bleibt jedoch der Bereich Industrie 4.0. Beim technologischen Wandel der Produktionstechnik hin zur intelligenten Fabrik, in der Maschinen und Produkte untereinander vernetzt sind, ist eine Anbindung an das Internet in vielen Fällen Teil der Lösungen. Vor allem bestimmte Kernbranchen setzen zunehmend auf die durch das Internet getriebene vierte industrielle Revolution. Laut einer aktuellen Untersuchung des Branchenverbands Bitkom nutzen bereits 62 Prozent der Unternehmen aus der Automobilbranche, dem Maschinenbau, der chemischen und der Elektroindustrie Industrie-4.0-Anwendungen – oder planen dies zumindest. „Dank IT können in der Fabrik der Zukunft Arbeitsprozesse intelligenter organisiert, Kapazitäten besser ausgelastet und Wartungsfenster vorausschauender geplant werden“, sagt Wolfgang Dorst, Bereichsleiter Industrie 4.0 bei Bitkom. Zusätzlich zu den erhofften Einsparungen ermögliche die intelligente Vernetzung von Produktion und Produkten außerdem völlig neue Geschäftsmodelle und damit Einnahmequellen – etwa durch die Herstellung von hoch individualisierten Produkten nach Kundenwunsch, betont Wolfgang Dorst.

Durch die Vernetzung kompletter Fabriken und Unternehmen – teils über das Internet, teils über andere Wege – wird allerdings auch die Bedrohung durch Angriffe auf das jeweilige System durch Unbefugte immer größer. Diese Drohkulisse schreckt viele Unternehmen ab, sich auf neue Technologien einzulassen. Andere haben wiederum mit den Folgen von tatsächlichen Angriffen wie Cyber-Attacken zu kämpfen. Und so ist und bleibt u. a. die Datensicherheit ein Knackpunkt bei vielen Lösungen. Neue ganzheit­liche Sicherheitskonzepte und -verfahren sollen hier helfen, das Vertrauen der Anwender zu gewinnen und die Hürde für Angreifer so hoch wie möglich zu legen. „Datensicherheit beginnt heutzutage häufig bereits innerhalb der Sensorik und spätestens im Kommunikations-Gateway“, sagt Eric Schneider, Vorstandvorsitzender der M2M Alliance. „Hierbei wird in vielen Fällen eine Hardware-Lösung in Form einer Smart Card präferiert: das Secure Element“, erläutert Schneider. Letztlich seien die heutigen IoT-Lösungen somit sicherer als jemals zuvor.

In Zeiten, in denen selbst Konzerne wie Sony oder sogar der Bundestag nicht vor Cyber-Attacken sicher sind, bleibt das Thema Sicherheit dennoch eine Achillesferse für das Internet of Things. Auch die Suche nach einheitlichen Standards verläuft langsamer, als es der Branche lieb sein dürfte. „Der Prozess ist zu langwierig und träge“, bemängelt Eric Schneider. „Es setzen sich immer mehr De-facto-Standards durch – ähnlich HTML 5. Hierbei handelt es sich streng genommen nicht wirklich um einen Standard, aber es ist dennoch die treibende Web-Technologie“, so Schneider.

Die Suche nach Standards

Die Herausforderung auf der Suche nach allgemeingültigen Standards liegt laut Eric Schneider darin, die Anforderungen der Anwendungsfelder so zu berücksichtigen, dass sie die Standardisierung nicht zu weit einengen. „Wichtig ist dabei, dass sich die Standardisierung dem technologischen Fortschritt entsprechend leicht anpassen lässt und somit immer auf dem neusten Stand der Technik ist“, erklärt Schneider. Wichtiger als standardisierte Lösungen sind offene Schnittstellen und APIs, nur so können Lösungen in andere Architekturen eingebunden werden. Weil sich mittlerweile viele Organisationen mit der Standardisierung beschäftigten, sei eine enge Abstimmung notwendig – auch mit der Politik. „Im Interesse aller Seiten ist es wichtig, dass sich Industrie und Politik an einen Tisch setzen und zielführende Lösungen finden. Daran arbeiten wir mit Hochdruck“, sagt Schneider stellvertretend für die Mitglieder der M2M Alliance.

Darauf warten, dass sich Politik und Wirtschaft einig werden und gemeinsam finale Lösungen präsentieren, wollen jedoch immer weniger Unternehmen, die von den positiven Prognosen fürs Internet of Things profitieren wollen. Stattdessen arbeiten sie mit dem, was bereits zur Verfügung steht.

Woran die Unternehmen derzeit im Verborgenen tüfteln, wird auf der Cebit 2016 ein offizielles Schlüsselthema sein. Wie das Management der Messe kürzlich bekannt gab, wird dem Thema mit „IoT Solutions“ ein eigener Ausstellungsbereich gewidmet. „Auf die Unternehmen wartet ein gigantischer Markt“, sagt Marius Felzmann, Geschäftsbereichsleiter bei der Deutschen Messe AG. Am häufigsten würden IoT-Konzepte für intelligente Netze, Produktionsprozesse, intelligente Gebäudetechnik, im Gesundheitswesen, in der Logistik und im Einzelhandel genutzt. Auch die M2M Alliance als unabhängiger Branchenverband wird mit einem eigenen Gemeinschaftsstand vertreten sein.

Spätestens im März wird sich also zeigen, wie weit die Anbieter in kritischen Bereichen wie Sicherheit und einheitliche Standards sind. Ohne hier Lösungen zu finden, die mehr potentielle Anwender überzeugen, werden die derzeitigen Prognosen von Milliardenumsätzen innerhalb der nächsten Jahre nur schwer zu erreichen sein. Am generellen Siegeszug des Internet of Things dürften allerdings selbst Skeptiker kaum noch zweifeln.


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