Das neue Nokia Lumia 920 kommt vielfarbig daher.
Konkurrenz belebt das Geschäft. Diese Binsenweisheit kann eigentlich nicht oft genug wiederholt werden. Am Smartphone-Markt ist deutlich erkennbar, wie sich eine zu geringe Konkurrenz auswirkt. Die Situation ist von einem Zweikampf bestimmt, indem sich Apple und Google sowie einige Stellvertreter mit allen Mitteln bekämpfen.
Aufregende Neuerungen entstehen so nicht. Falls Apple nicht noch ein paar Überraschungen in der Hinterhand hat, wird das neue iPhone 5 in der nächsten Woche keine großen Überraschungen bieten. Und auch Google entwickelt seine Android-Technologie bestenfalls noch in Trippelschritten weiter.
Gefragt ist ein drittes System, das den zuletzt immer öfter etwas innovationsmüde wirkenden Marktführern einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten verpasst. Kann Windows Phone 8 (WP8) so ein System werden? Eine positive Antwort auf diese Frage hat drei Voraussetzungen: Es muss attraktive Hardware mit einem ansprechenden Design und zugkräftiger Software geben.
Zunächst ein Blick auf die Hardware. Zahlreiche Smartphone-Hersteller haben auf der Berliner Funkausstellung WP8-Geräte präsentiert. Doch für besondere Aufmerksamkeit hat vor allem ein Hersteller gesorgt: Nokia, der gefallene Star aus Finnland. Das Unternehmen befindet sich zurzeit in einer Aufholjagd, weil es den Trend zum Touchscreen und zur App-Ökonomie verpasst hat.
Das die Finnen zu radikalen Entscheidungen fähig sind, hat das letzte Jahr gezeigt. Das Unternehmen hat sein bewährtes Mobil-OS Symbian sowie die Neuentwicklung MeeGo aufgegeben und setzt ausschließlich auf Windows Phone. Den bisherigen Geräten mit Windows Phone 7 war kein besonders großer Erfolg beschieden. Das soll sich allerdings mit der neuen Gerätegeneration unter Windows Phone 8 ändern.
Tatsächlich hat Nokia mit dem Flaggschiff-Telefon Lumia 920 und dem etwas kleineren Lumia 820 leistungsfähige Smartphones auf den Markt gebracht, die sich durch einige Besonderheiten gegenüber der Konkurrenz auszeichnet: NFC für mobiles Bezahlen, in Europa funktionierendes Mehrband-LTE, kabellose Aufladung, ein hochauflösendes Display (höher als HD) und eine hochwertige Kamera mit Bildstabilisator.
Auch das Design unterscheidet die WP8-Geräte von Nokia deutlich von der Konkurrenz. Das Unibody-Telefon wird in verschiedenen Farben ausgeliefert und besitzt eine sehr eigenständige Gestaltung mit einem hohen Wiedererkennungswert. Das Gerätedesign zitiert und variiert die Gestaltung von Windows Phone 8 mit seinen typischen Farbkacheln. Das sich die Systemsoftware farblich an das Gehäuse anpassen kann, entsteht so ein rundherum einheitlicher Look, der die Windows-Telefone erkennbar von allen Konkurrenten abhebt.
Damit ist der dritte Punkt erreicht: Die Software auf dem Gerät. Die neue Version von Windows Phone 8 ist immer noch ein wenig mit dem Schleier des Geheimnisses umgeben, da Microsoft nicht zu viele Trümpfe aus der Hand geben will. Alle bisherigen Informationen zusammengenommen, dürfte ein WP8-Smartphone alles anbieten, was heute von einem Smartphone erwartet wird.
Erst wenn die Geräte tatsächlich auf dem Markt erscheinen, wird sich das System bis Detail testen lassen. Sicher wird Microsoft für viele Aufgaben interessante Detaillösungen gefunden haben. Der Vorteil des Nachzüglers liegt vor allem in der Auswertung der Fehler und Mängel der Vorreiter.
Der größte Pluspunkt bei Windows für Telefone liegt allerdings ganz woanders: In der nahen technischen Verwandtschaft zu seinem großen Bruder, dem Desktop/Tablet-Betriebssystem Windows 8. Der Clou: Jede App für dieses System arbeitet auch auf Windows Phone 8.
Microsoft hat damit alles getan, um auch auf der Smartphone-Plattform möglichst viele Anwendungen zu haben. Die eigentliche Attraktivität eines Smartphone-Ökosystems hängt an interessanten Apps. Durch eine sehr intensive Unterstützung der Entwickler sind bereits relativ viele bekannte Apps auch für Windows verfügbar.
Kurz und gut: Die beiden Lumias (und die WP8-Geräte anderer Hersteller) haben das Zeug, ein drittes mobiles Ökosystem neben dem iPhone und Android aufzubauen. Hardware, Design, Software - es ist alles da, was zu einem Erfolg gehört. Leider noch nicht die Preise, denn auch dieser Aspekt ist wichtig. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Windows im Hochpreissektor auftrumpfen kann.
Bildquelle: Nokia