Energy Management

Jederzeit Herr übers Haus

Während sich die deutsche Politik immer noch uneins über die selbst verordnete Energiewende ist, strömen Energiedienstleister mit neuen Produkten auf den Markt, die Bausteine einer nachhaltigen Energienutzung sein sollen. Diese werden meistens mit dem Begriff „smart“ in Szene gesetzt – so ist es nicht verwunderlich, dass dem Smartphone in diesen Prozessen eine ganz eigene Rolle zuteil wird.

Der Begriff „smart“ (engl. modisch elegant, schneidig, clever) wird längst nicht mehr ausschließlich mit der gleichnamigen Automarke in Verbindung gebracht. Vielmehr findet er im Marketingpool der großen Dienstleister der Energiebranche seinen Platz – so etwa im Rahmen neuer Produktvorstellungen, etwa von intelligenten Stromzählern, so- genannten Smart Meter*. Im gleichen Kontext fällt meistens der Begriff des Smart Home*, also dem voll vernetzten Zuhause, in dem der Energiehaushalt besser gesteuert und so Energieverbräuche eingespart werden sollen – und das unter Einbindung mobiler Endgeräte, wie Jadine Wohlbold, Produktmanagerin Smart Home beim Energieversorger EnBW, weiß: „Das private Energiemanagement muss sich in den (zunehmend digitalen) Alltag einbetten lassen. Das heißt auch, dass man online und mobil auf entsprechende Applikationen zugreifen will. Insofern sind mobile Endgeräte dafür die beste Plattform.“ Auch Michael Schidlack, Bereichsleiter Consumer Electronics & Digital Home beim Bitkom, ist der Meinung, dass die Bedienung und Steuerung eines Smart Home erst durch entsprechende Smartphones und Tablets mit den dazu passenden Apps komfortabel werde: „Im Gegensatz zu fest installierten Steuerungspanels sind mobile Bediengeräte überall einsetzbar und vor allem in den meisten Haushalten bereits vorhanden. Da die Bildschirmbediengeräte bisher zu den teuersten Komponenten in einem Smart Home zählten, entfallen große Teile der Investitionskosten.“

Teuer ist vor allem die Anschaffung der Infrastruktur eines Smart-Home-Systems, immerhin müssen Haushaltsgeräte und Co. über eine Zentrale miteinander vernetzt werden. Energieriesen wie RWE werben mit sogenannten Starterpacks, die knapp über 100 Euro kosten, bei denen aber der wichtigste Teil des Systems, nämlich die Steuerungszentrale, noch fehlt. Lediglich je ein Tür- und Fenstersensor, Zwischenstecker zum Dimmen der Raumbeleuchtung und Rauchmelder sind im „Sorglospaket“ enthalten – die Zentrale und weitere Zusatzgeräte, etwa für die Rolllädensteuerung, kosten extra.

Ferngesteuertes Zuhause

Doch sobald die Vernetzung erst einmal realisiert ist, lassen sich durchaus komfortable Dinge anstellen – vor allem der mobile Aspekt macht Lust auf mehr. „Dem Kunden soll der Zugang zur smarten Welt so einfach wie möglich gemacht werden. Dies soll mit dem Endgerät erfolgen, welches er aktuell sowieso schon nutzt, sei es PC oder Notebook, Smartphone, Tablet oder auch das Fernsehgerät“, sagt Arne Bölts vom Produktmanagement der EWE Vertrieb GmbH. So lassen sich etwa elektrische Rollläden, Raumbeleuchtung oder Heizanlage per Smartphone steuern – mit dem Ziel, möglichst viel Energieverbrauch und folglich Geld zu sparen. Mathias Saal, Chief Technical Officer des Entwicklerunternehmens von smarten Technologien Enexoma, erklärt den Vorteil der mobilen Gerätesteuerung: „Beim Smart Home kommt es häufig vor, dass ich entweder kurzfristig eine Konfiguration auf meine Gewohnheiten anpassen möchte oder ich mich unterwegs entscheide, meinen Geräte-, Raum- oder Hausstatus zu überprüfen und ggf. Aktionen auszulösen. Dafür möchte ich als Anwender nicht extra den Desktop-Computer starten müssen.“ In der Praxis könnte das zum Beispiel so aussehen, dass die Rollläden bereits von unterwegs geschlossen werden können, falls man später nach Hause kommt. Oder die Heizung wird bereits auf der Heimfahrt mobil angeschaltet, damit die eigenen vier Wände bereits wohl temperiert sind, wenn man die Haustür öffnet. Auch Sicherheitsvorkehrungen lassen sich mobil einbinden. So können Rauch- und Bewegungsmelder integriert werden, die wiederum über die Zentrale Warnsignale an das Smartphone senden, falls es einmal brennt oder sich Unbefugte Zutritt verschaffen wollen. Möglich ist viel, jedoch in den meisten Gebäuden noch Zukunftsmusik.

Verbräuche visualisieren

Keine Zukunft, sondern ganz real sind hingegen intelligente Stromzähler, die mittlerweile bereits in vielen Haushalten im Einsatz sind. Diese können Daten wie etwa den Stromverbrauch auf mobilen Endgeräten visualisieren. Peter Zayer, Geschäftsführer des Energiedienstleisters Voltaris, erklärt die Funktionsweise: „Per App kann jederzeit von unterwegs der aktuelle Energieverbrauch eingesehen werden. Die Daten werden grafisch aufbereitet, entweder tages-, wochen-, monats- oder jahresweise. Je nach gewähltem Modus werden der Verbrauch im Abrechnungszeitraum und die dadurch entstehenden Kosten angezeigt.“ Bei eventuellen Abweichungen könne also zeitnah reagiert werden. Mathias Saal von Enexoma ergänzt: „Auf diese Weise hat der Kunde nicht nur einen Energieberater in der Tasche, sondern ist darüber hinaus jederzeit in der Lage, auf unvorhersehbare Dinge zu reagieren.“ Außerdem habe man mit einem mobilen Gerät immer die Möglichkeit, sich auf Änderungen, etwa wenn Geräte wie Waschmaschinen nach dem Waschvorgang nicht abschalten, hinweisen zu lassen – entweder per E-Mail oder SMS.

Doch lassen sich durch solche Applikationen auch tatsächlich Energie und so auch Kosten einsparen? „Ja, auf verschiedenste Weise“, erläutert Arne Bölts von der EWE Vertrieb GmbH, denn der Nutzer könne alleine durch die Visualisierung von Energieverbräuchen für das Thema sensibilisiert werden und dann durch aktives Handeln Energie einsparen. Jochen Lang, Leiter Produktmanagement bei EnBW, stellt klar: „Weder die App noch der intelligente Zähler selbst sparen Strom. Sie schaffen Transparenz und damit die Voraussetzung dafür, Strom sparen zu können – nach unseren Erfahrungen durchschnittlich rund zehn Prozent.“ So können etwa beim Verlassen des Hauses alle Verbraucher abgeschaltet werden, die nicht mehr benötigt werden. Denn auch im Stand-by-Modus verbrauchen Kaffeeautomat und Fernseher durchaus Strom.

Mathias Saal sieht ebenfalls Vorteile von mobilen Energiemanagement-Apps, die seiner Meinung nach vor allem den Komfort erhöhen: „Wenn man auf die Hinweise und Hilfestellungen achtet, die diese Applikationen dem Benutzer geben, dann können durch eine geänderte Verhaltensweise (bezogen auf das private Energiemanagement) schnell einige 100 Euro an Energiekosten eingespart werden.“ Einige 100 Euro pro Jahr sind durchaus ein stattlicher Betrag, doch Michael Schidlack vom Branchenverband Bitkom relativiert: „Ein großes Sparpotential wird nur entfaltet, wenn die Stromerzeuger auch attraktive Tarifmodelle für Smart-Home-Besitzer anbieten, die den Anreiz erhöhen, bestimmte Funktionen (wie Waschen, Trocknen) in günstigen Tarifzeitzonen automatisch durchzuführen.“ Gerade an diesem Anreizsystem hapere es noch.

Standortübergreifender Vergleich

Allerdings kommen nicht ausschließlich Privathaushalte in den Genuss des mobilen Verbrauchschecks – auch für Unternehmen existieren mobile Apps, die Transparenz über den Stromhaushalt verschiedener Standorte bieten. Das Unternehmen Voltaris beispielsweise stellt eine mobile Ergänzung zu den hauseigenen Portallösungen zur Verfügung, erläutert Geschäftsführer Karsten Vortanz: „Über die Energie-App kann der Energieverbrauch einzelner Filialen verglichen werden. Dazu können verschiedene Kriterien zum Vergleich herangezogen werden, wie Mitarbeiteranzahl, Fläche oder Umsatz. Der Energiemanager des jeweiligen Standorts kann dann Einsparpotentiale erkennen, Energiesparziele definieren und diese steuern.“

Auch der Karlsruher Energieversorger EnBW wirbt mit Apps, die Verbrauchsdaten im Viertelstundentakt anzeigen und mit denen einzelne Stromfresser identifiziert werden können. Zusätzlich ist der mobile Zugang auf ein geschütztes Internetportal möglich, auf dem diese Daten eingesehen werden können – das Unternehmen verarbeitet diese dann weiter, um Nutzern spezielle Services anbieten zu können. „Wir selbst nutzen die aggregierten Daten für eine monatliche Abrechnung wie beim Telefon und für einen Benchmark, der dem Kunden zeigt, wie sein Energieverbrauch gegenüber einem Musterhaushalt liegt“, ergänzt Jadine Wohlbold.

Smarte Zukunft?

Das Modell des Smart Home lässt sich über die Haussteuerung hinaus weiterspinnen – so können etwa die Stromstation des Elektromobils in der Garage oder die modernisierte Heizanlage eingebunden werden. Das Problem ist einzig, dass sich solche Modelle bisher (noch) nicht flächendeckend durchgesetzt haben. Einen völlig einheitlichen Standard für die Haus- und Heimvernetzung wird es deshalb in den nächsten Jahren wohl erst einmal nicht geben. Davon ist auch Michael Schidlack vom Bitkom überzeugt, der die mobile Schaltzentrale in die Wolke auslagern würde: „Eine zukunftsweisende Lösung wäre es, nicht das Smartphone selbst zur Energiezentrale zu machen, sondern vielmehr cloud-basierte Technologien einzusetzen, die unabhängig vom Gerätepark des Kunden funktionieren.“ Somit wäre der private Endkunde von allen technologischen Barrieren entlastet. Der Leiter der Bereiche Technik und Entwicklung der Enexoma AG, Matthias Saal, sieht hingegen die aktuelle Entwicklung auf einem guten Weg, ohne dabei auf Cloud-Dienste zu setzen: „Ich gehe davon aus, dass die Komponenten zur Vernetzung im Haus bald deutlich günstiger sind. Die Preise hierfür entwickeln sich bereits heute in die richtige Richtung.“ Denn bereits jetzt sei eine engmaschige Vernetzung von den Geräten im Haushalt mit 2.000 bis 3.000 Euro zu realisieren. Interessant ist zudem sein Ansatz, dass der Einsatz von mobilen Endgeräten in diesem Zusammenhang zu einem Umdenken bei den Herstellern führen würde: „Die Hersteller bauen immer häufiger Geräte, die selbest weniger Intelligenz besitzen und somit eher für die Anbindung an intelligente Systeme geeignet sind. Damit werden diese Geräte natürlich auch günstiger in der Herstellung.“

Es bleibt abzuwarten, ob und wann der „Smarte Slogan“ letztendlich breiten Einzug in Haushalte und Unternehmen erhält. Denn ausgereift scheint die Technik zum voll vernetzten Haus noch nicht zu sein – dazu stellt sich die Frage nach der Sicherheit. Was passiert, wenn das Smartphone einmal gehackt und plötzlich ein unbefugter Dritter die Haussteuerung „in die Hände“ nimmt und sich somit Zutritt verschafft? Da hilft wohl letztendlich nur der altbekannte Wachhund – „Smarty“ wäre doch ein passender Name.

Bildquelle: iStockphoto.com/piovesempre

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