Gerhard Tröster studierte Elektrotechnik in Darmstadt und Karlsruhe und promovierte 1984 an der TU Darmstadt über das Design von analogen integrierten Schaltkreisen. Während der acht Jahre, die er bei Telefunken (Atmel) Heilbronn verbrachte, leitete er verschiedene Forschungsprojekte zu den Schlüsselkomponenten für ISDN und digitale Mobiltelefone.
Herr Prof. Tröster, Wearable Computing, also tragbare Computersysteme am Körper, sollen den Träger ohne großen Aufwand bei seinen Tätigkeiten in der realen Welt unterstützen. Welche Technologien waren dabei die größten Fortschritte in den letzten Jahren?
Prof. Gerhard Tröster: Das Smartphone hat viele der Ideen umgesetzt, die in den 1990er Jahren unter der Vision „wearable“ oder „disappearing“ Computing entwickelt wurden: die Vision eines persönlichen Assistenten, der uns kontinuierlich in unseren täglichen Unternehmungen begleitet und unterstützt, der weiß, wo und in welcher Situation wir uns befinden, der versucht, Informationen, wie wir sie aktuell benötigen, aus dem Internet oder aus unseren persönlichen Daten zusammenzutragen.
Was sind Ihrer Meinung nach die aktuell spannendsten Forschungsprojekte?
Tröster: Hinter den Begriffen „Crowdsourcing“ und „Crowdsensing“ verbirgt sich die Idee und Frage: Wie können wir die stetig anwachsenden Datenbestände im Netz, z.B. von Twitter und Foursquare, für den „persönlichen Assistenten“, also das Smartphone nutzen? Eine Milliarde Smartphone-Benutzer tragen mehr als zehn Milliarden Sensoren mit sich herum, die Informationen über das Verhalten der Anwender jederzeit und überall bereitstellen, eine neue „Vermessung der Welt“.
Obwohl immer wieder prognostiziert, haben sich „smarte“ Textilien bisher nicht durchgesetzt. Warum?
Tröster: Zu hohe Kosten und mangelnde Stabilität waren für diesen Misserfolg verantwortlich. Mit neuen Fasern und flexibler Elektronik eröffnen sich zunehmend neue Perspektiven, um unsere Kleidung, aber auch Textilien in unserer Umgebung wie Vorhänge, Sitzbezüge oder die Innenraumverkleidung im Auto mit Elektronik auszustatten. Die Unterwäsche, die kontinuierlich unsere Vitalparameter misst, der Sportschuh, der sich dem Laufverhalten anpasst, der Autositz, der erkennt, wenn der Fahrer ermüdet – all diese Ideen werden nun möglich.
Welche künftigen Geschäftsmodelle erkennen Sie?
Tröster: Ähnlich wie seit zwei Jahrzehnten das Internet wird auch Mobile Computing viele neue Produkte und Dienstleistungen generieren. Mit den App-Stores hat sich bereits ein neuer Industriezweig etabliert. Das Konzept des „Pervasive Healthcare“, wo jeder Anwender die individuellen Gesundheitsparameter erstellen und beurteilen kann, verlangt nach neuer Sensorik am Körper, ein Markt, der sich derzeit entwickelt.
Wie werden sich Benutzerschnittstellen zwischen Geräten, Textilien und Mensch zukünftig entwickeln?
Tröster: Das Ziel, mit der digitalen Welt kommunizieren zu können und sich dennoch auf die aktuelle Tätigkeit zu konzentrieren, ist noch nicht erreicht. Tastatur und Display lenken ab. Die Brillentechnologie – auch angestoßen durch die Google Glasses – wird Eingang in unser tägliches Leben finden und das Smartphone ergänzen. Kommunikation mit den Geräten durch Sprache und Bewegung, unterstützt durch die Kenntnis des Systems über die aktuelle Situation, dies wird zunehmend selbstverständlich werden.
Wie sollten Anwender und Entwickler mit dem Thema Datenschutz umgehen?
Tröster: Obwohl die Nutzung der Cloud attraktiv ist, sollten Anwender die Möglichkeiten besser nutzen, ihre Daten in ihrem mobilem System lokal zu speichern.
… engl. pervasive „durchdringend“, „um sich greifend“ bezeichnet die alles durchdringende Vernetzung des Alltags durch den Einsatz „intelligenter“ Gegenstände.