06.10.2017 Lieferroboter und Drohnen werden Realität

Logistiker müssen mit Transportideen experimentieren

Von: Kathrin Zieblo

Lieferroboter, Drohnen und Künstliche Intelligenz sind Themen, mit denen sich Transport- und Logistikunternehmen beschäftigen müssen, empfiehlt Daniela Zimmer, Ressortleiterin E-Commerce der Fachzeitschrift Internet World Business, im Interview.

Daniela Zimmer, Internet World Business

„Logistiker sollten sich nicht scheuen, selbst mit den vielen neuen Transportideen zu experimentieren. Zu warten, bis sich eine davon durchsetzt, ist angesichts des herrschenden Innovationstempos eher riskant", gibt Daniela Zimmer zu bedenken.

Frau Zimmer, aufgrund des E-Commerce-Wachstums ist auch der Transport- und Logistik-Sektor in den letzten Jahren stark gewachsen. Welche Priorität sollten Transport-/Logistikunternehmen derzeit setzen?
Daniela Zimmer:
Das Thema Digitalisierung und maximale Automatisierung des gesamten Logistikprozesses steht nicht erst seit heute ganz oben auf der Agenda vieler Logistikunternehmen. Die Logistikbranche sieht sich ja nicht nur mit einem wachsenden Bedarf konfrontiert, zugleich klagt sie, dass es immer schwieriger wird, qualifiziertes Personal für die immer komplexer werdenden Aufgaben zu finden. Außerdem sollten sich Logistiker nicht scheuen, selbst mit den vielen neuen Transportideen zu experimentieren. Zu warten, bis sich eine davon durchsetzt, ist angesichts des herrschenden Innovationstempos eher riskant.

Schnelle Lieferzeiten bei gleichzeitig niedrigen Kosten gehören zu den Hauptanforderungen, wie lassen sich diese bewältigen?
Zimmer:
Logistik ist ein sehr komplexes Thema, bei dem es viele Stellschrauben gibt, die optimiert werden können. Ein großer Hebel ist aber sicherlich die Optimierung der erfolgreichen Erstzustellquote, sei es durch Lieferung zum Wunschtermin, Paketkästen, Lieferung in Kofferräume, Drop-Off-Stationen etc. Auch denken Logistiker, Wissenschaftler und Stadtplaner darüber nach, die innerstädtischen Zulieferverkehre in die Nacht oder den frühen Morgen zu verlegen, wenn Straßen ohnehin frei sind und Zustellung schneller erfolgen kann. Auch die Bündelung von Transporten und die damit verbundene Vermeidung von Leerfahrten würde Kosten senken, weil sie die Anzahl der Fahrten insgesamt reduzieren würden.

Wie beurteilen Sie den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Transport- und Logistikbranche?
Zimmer:
KI wird von den Entscheidern der Logistikbranche als wichtige Zukunftstechnologie gesehen. Für das autonome Fahren ist KI von essentieller Bedeutung, aber genauso, wenn es darum geht, in Echtzeit auf den Straßenverkehr zu reagieren oder optimale Auslieferungsrouten in Echtzeit zu berechnen. Ich gehe davon aus, dass sobald die gesetzlichen Rahmenbedingungen stehen und die Technik massentauglich ist, sich KI in der Transport- und Logistikbranche durchsetzen wird.

In welchen Bereichen sehen Sie einen konkreten Nutzen?
Zimmer:
Autonom fahrende Lkw lösen das Personalproblem der Logistikbranche, sind schneller weil sie keine Ruhepausen brauchen und bestenfalls sicherer – was allen Verkehrsteilnehmern zugute kommen würde. Von KI würden auch die Steuerungssysteme für die Routenplanung profitieren. Verkehrs- oder Wetterveränderungen könnten in Echtzeit in die Navigationsgeräte eingespeist werden. Auch in der Lagerlogistik gibt es viele denkbare Anwendungsbereiche von KI, sei es der autonome Gabelstapler oder die Datenbrille für Mitarbeiter.

Für wie realistisch halten Sie die Paketzustellung per Drohne oder Lieferroboter in Zukunft?
Zimmer:
Nahezu alle großen Logistikunternehmen experimentieren gerade mit der Belieferung per Drohne, von daher ist diese Zukunftsvision durchaus real. Trotzdem sind die Meinungen auch unter den Experten sehr unterschiedlich: Peer Bentzen, Executive Vice President Business Development bei der Deutsche Post DHL Group glaubt z.B. fest an sie, während Frank Rausch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Hermes Germany GmbH, sich nur eine Nischenanwendung z.B. zur Inselversorgung vorstellen kann. Vielleicht muss es auch nicht die Drohne in der Luft sein. In Norwegen z.B. wird gerade eine „Meeres-Drohne“ gebaut, ein komplett autonom navigierendes Containerschiff ohne Besatzung, das eigenständig in Häfen anlanden kann.

Was das Thema Lieferroboter betrifft: Das wird sicher kommen. Schon heute sind zur Produktion von Produkten aller Art viele Roboter im Einsatz, nur sieht die keiner, weil sie in Fabriken stehen. Und auch wenn die Robotik-Technologie bislang kaum Einfluss auf die Logistik hatte, wird sich das mit immer leistungsfähigeren Maschinen in Zukunft ändern. Schließlich ist der Nutzen auf Unternehmer- und Kundenseite groß: Weniger Personaleinsatz bei gleichzeitig verbessertem bzw. schnellerem Service.

Wagen Sie eine Prognose: Wie stellen Sie sich die sogenannte „letzte Meile“ in fünf Jahren vor?
Zimmer:
Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Zukunft Zustellroboter für die letzte Meile geben wird – zumindest in den Städten. Ich denke Logistik wird insgesamt sehr viel differenzierter und es wird für jeden geographischen Bereich optimierte Logistiklösungen geben. Auf der Insel sind es dann vielleicht die Drohnen, in der Stadt eher die Roboter. Oder – wenn man ganz weit voraus denkt: Vielleicht haben wir bald auch ein unterirdisches Netz an Rohrpostzustellung. Wenn Elon Musk schon Menschen in Röhren mit über 1000km/h transportieren will, warum soll das mit Paketen nicht auch gehen?

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